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Hohe Mathematik unter Palmen

Entwicklung

8. September 2016

Mathematik braucht es zur Seuchenbekämpfung, Klimaforschung und Landwirtschaft. Damit es in Afrika genügend lokale Experten dafür gibt, werden in Tansania junge Talente gefördert. Auch Laban Gasper berechnet nun mehr als das Geld zum Überleben.

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Mark Roberts epd-bild: Bettina Ruehl

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Daressalam (epd). Als Laban Gasper klein war, ging es beim Rechnen immer um Geld. Das war knapp, und jeder Shilling zählte. "Sobald mittags die Schule aus war, habe ich meiner Mutter bei der Feldarbeit geholfen", erzählt der 28-jährige Mathematiker aus Tansania. "Sie konnte die Schulgebühren für mich nur bezahlen, wenn wir mit unserer Ernte im Monat mindestens 40 Euro verdienten."

Heute rechnet Gasper jeden Tag fünf bis sechs Stunden. Der drahtige junge Mann, der so gar nicht wie ein weltfremder Wissenschaftler wirkt, arbeitet in einem tansanischen Versicherungsunternehmen. Parallel dazu macht er an der Universität von Daressalam einen "Master of Science", eine Forschungsarbeit als Vorbereitung für die Promotion.

Dass er so weit gekommen ist, verdankt er Schülerstipendien der tansanischen Regierung und einem Programm zur Förderung mathematischer Wissenschaften in Afrika mit Namen AIMS (African Institute for Mathematical Sciences). Diese länderübergreifende Initiative wurde 2003 in Südafrika gegründet. Vor rund sechs Jahren beschloss AIMS-Gründer Neil Turok, mathematische Wissenschaft auch in anderen afrikanischen Ländern zu fördern.

Der nächste Einstein

Unter dem Stichwort "Next Einstein Initiative" machte die AIMS-Ausweitung international Schlagzeilen: Der nächste Einstein, so die Überzeugung der Initiatoren, kann oder soll aus Afrika kommen. Inzwischen gibt es AIMS-Zentren im Senegal, in Ghana, Kamerun und Tansania und Ruanda.

Aus Deutschland wird AIMS von vielen Gebern unterstützt, darunter dem Bildungsministerium, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Deutschen Forschungsgesellschaft. Finanziert werden beispielsweise Forschungsprofessuren für afrikanische Wissenschaftler in Afrika.

In Tansania scheint die Nähe zwischen Deutschland und dem AIMS-Zentrum besonders groß zu sein: Das Institut befindet sich in der ehemaligen deutschen Kolonialhauptstadt Bagamoyo, rund 60 Kilometer nördlich der Wirtschaftsmetropole Daressalam. Von der Terrasse überblickt Zentrums-Rektor Mark Roberts Hafen und Strand der Stadt. Das Gebäude, in dem Studenten und Dozenten während des Semesters zusammen leben und lernen, war bis vor wenigen Jahren Residenz einer tansanischen Industriellenfamilie.

Bedarf an mathematischer Wissenschaft gewaltig

Bei tropischen Temperaturen und in Sichtweite von Kokospalmen und Fischerbooten ausgerechnet über mathematische Probleme nachzudenken findet Roberts nicht im Geringsten bemerkenswert. "In Afrika ist der Bedarf an mathematischer Wissenschaft gewaltig, und das auf jedem Niveau", sagt der Brite. "Viele unserer Kurse haben mit Statistik und der Entwicklung mathematischer Modelle zu tun, die beispielsweise in der Epidemiologie, in der Klimaforschung, der Landwirtschaft oder der Wirtschaft angewendet werden."

Die Dozenten kommen zu etwa einem Drittel vom afrikanischen Kontinent, zu zwei Dritteln aus Europa und Nordamerika. Natürlich hofft Roberts, dass die Zahl afrikanischer Lehrer zunimmt, die derzeitige Quote sei aber schon nicht schlecht. Die Studenten kommen aus allen Ländern des Kontinents. "Wir holen die Besten der Besten", betont Roberts. In wenigen Tagen wird der neue Jahrgang in Bagamoyo eintreffen, 22 Frauen und 13 Männer. Damit ihre oder seine wirtschaftliche Situationen niemanden ausschließt, bekommen alle Nachwuchswissenschaftler ein Stipendium und alle Kosten bezahlt.

"Ohne AIMS hätte ich nicht weiter studieren können", sagt Laban Gasper. Der junge Mathematiker sieht in dem Programm die Chance seines Lebens, weil er die Mathematik mit Leidenschaft betreibt und dank seiner besseren Qualifikation auch mehr berufliche Chancen hat. Dabei scheint er sich um seine Karriere schon heute keine Sorgen mehr machen zu müssen: sein Arbeitgeber, die Versicherung, hat ihm das Forschungsthema für seinen "Master of Science" gegeben und auch die Daten dafür zur Verfügung gestellt. Gasper entwickelt eine Berechnungsmethode, um die Höhe von Schadensforderungen einschätzen zu können. "Mein Modell ist fast fertig", sagt Gasper stolz. Und denkt mit Vorfreude an den nächsten Schritt, die Promotion.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 8. September 2016, 11:26 Uhr


Interessant, daß in Afrika viel mehr Frauen als Männer Mathematik studieren wollen. Hängt es damit zusammen, daß die Frauen vor allem im ländlichen Bereich für den Unterhalt der Familie zuständig sind?

In Deutschland ist der Frauen-Anteil zwar gewachsen, aber nur auf knapp 50%. Die meisten Frauen, die hier Mathe studieren, wollen ins Lehramt.
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Atlantica, 9. September 2016, 19:47 Uhr


Mathe ist das Beste, was es gibt...

Schallblech, das sample ist natürlich viel zu klein, um einen Frauenüberschuss feststellen zu können, das kann hier, für diesen Jahrgang, reiner Zufall sein.
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