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Historiker Kaufmann: Kirchenspaltung war vermeidbar

19. Oktober 2016

Die Kirchenspaltung in der Reformationszeit vor 500 Jahren hätte aus Sicht des Göttinger Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann unter bestimmten Umständen vermieden werden können.

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Göttingen (epd). "Wäre es gelungen, Luther innerhalb der römischen Kirche zu halten, dann hätte sich die Geschichte des Christentums seit dem 16. Jahrhundert völlig anders entwickelt", sagte Thomas Kaufmann dem Evangelischen Pressedienst (epd). Stattdessen habe der Papst den kritischen Mönch und Professor Martin Luther (1483-1546) zum Ketzer erklärt und exkommuniziert.

Im Streit um Luther hatte sich die abendländische Kirche in einen evangelischen und einen römisch-katholischen Zweig gespalten. Der evangelische Theologie-Professor Kaufmann fasst die umwälzenden Ereignisse in seinem neuen Buch "Erlöste und Verdammte" zum 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017 auf dem jüngsten Stand der Forschung zusammen. Er ordnet das Geschehen in die europäische Geschichte der frühen Neuzeit ein und wirft einen Blick auf die Wirkung jener Epoche bis heute. Kaufmann gilt als einer der führenden Reformationshistoriker in Deutschland. Sein Werk wird ab heute bei der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Papstzentrierte Lesart durchgesetzt

Nach der Logik des frühen 16. Jahrhunderts habe sich der Papst in Rom mit dem Bann gegen Luther eines Kritikers entledigen wollen, sagte Kaufmann: "Der Mann hat gestört." Durch seine Ernsthaftigkeit habe Luther "bestimmte Erscheinungen des zutiefst dekadenten römisch-katholischen Kirchenwesens der Zeit" infrage gestellt. Luther verdanke sein Überleben vor allem der Tatsache, dass der sächsische Kurfürst ihn geschützt habe: "Ansonsten wäre er den Weg aller Ketzer gegangen, und das heißt: die Exekution durch das Feuer."

Luther hatte Ende Oktober 1517 mit seinen berühmten 95 Thesen zum Ablasswesen eine Ereigniskette ausgelöst, die am Ende zur Gründung der evangelischen Kirche führte. Mit "Ablassbriefen" versprach die Kirche damals den Menschen gegen Geldzahlung einen Nachlass bei den Sündenstrafen im Jenseits. Laut Kaufmann gab es anfangs hochrangige Kirchenführer, die Luthers Ablasskritik für zutiefst berechtigt hielten. Eine verbindliche Kirchenlehre vom Ablass habe es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. "Es war zunächst eine offene Situation."

Am Ende habe sich eine bestimmte papstzentrierte Lesart der Ablasslehre durchgesetzt und das weitere Vorgehen Roms bestimmt. Die Rechtsgrundlage, um Luther zum Ketzer zu erklären, sei sogar erst nachträglich formuliert worden - im November 1518. "Die Kirche erkennt, dass ihre disziplinarischen Möglichkeiten im Hinblick auf diesen verworfenen Ketzer nicht mehr funktionieren und gibt ihn der Verdammnis preis", sagte Kaufmann. Luther habe dieses "Nein der Papstkirche" dann seinerseits bejaht und die Papstkirche verworfen.

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 19. Oktober 2016, 8:16 Uhr


Lese ich da etwas von Bedauern, oder waren gar die Unterschiede zwischen Luthers Positionen und der der Kirche Roms alles nur kleine Missverständnisse?
Sind die protestantischen Kirchen also nur ein Irrtum der Geschichte, den es vielleicht zu korrigieren gilt?
Wird bei uns jetzt also die Heiligenverehrung wieder eingeführt? Ist der Papst also letztlich doch das Oberhaupt aller Kirchen und wir haben`s nur noch nicht gemerkt?
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Alwite, 19. Oktober 2016, 12:02 Uhr


Luthers schicksalhaftes Leben ist lange immer wieder aufgedröselt und bekannt - nach fünfhundert Jahren Überlegungen mit wäre und hätte anzustellen hochinteressant. Wenn Thomas Kaufmann sich damit auseinandersetzt, dass die Abspaltung vermeidbar war und keinen Gedanken einer versöhnenden Wiedervereinigung anbietet, lediglich die alte Zusammengehörigkeit der Kirchen spiegelt, macht der Artikel Sinn. Vielen Dank
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Matthäus53, 19. Oktober 2016, 12:39 Uhr


Der Papst wehrte sich vor 500 Jahren mit den damaligen Rechtsmitteln auf eine fiese Art, die der Zeit entsprach . Welcher Chef auch in der heutigen Zeit, würde bei so viel Kritik an seinem Handeln diesen Mitarbeiter nicht auch sofort " feuern". So funktioniert aber der moderne "Ablasshandel" in jeglicher Justiz, bis heute fort. Während die meisten Strafgesetzte grundsätzlich Freiheitsstrafen vorsehen können diese Schluß letztendlich auch in Tagesgeldsätze umgewandelt werden. Dies setzt sich fort bis hin zu den vielen Ordnungswidrigkeiten die in unserem Staat gelten und alle mit sogenannten Bußgeldern abgeschlossen werden können.
Es ist gut , daß es Verantwortliche Bürger , fast wie Luther, immer wieder auf unserer Welt gibt , die in grundsätzliches Eingreifen oder kritisieren und wie Bonnhoefer es formulierte, dem Staat in die Speichen greifen.
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Atlantica, 19. Oktober 2016, 13:19 Uhr


Aber hat es nicht die Kirchenspaltung gerade DESWEGEN gegeben, weil Martin Luther mutig bekannt hat und NICHT eingeknickt ist? Ich werde die Historiker nie verstehen mit ihrem "was wäre geschehen, wenn...". Nicht viel mehr als ein Narrenschiff? - Stellen wir uns einen Augenblick vor, Herr Kaufmann hätte recht: dann wäre also demnach die Geschichte des Christentums "völlig anders verlaufen". Wer\'s glaubt, wird selig. WIr hätten dann also die totale Harmonie erzielt. Leider ist das Gegenteil davon eingetreten.
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Atlantica, 19. Oktober 2016, 13:35 Uhr


Und wenn ich emotional wäre, müsste ich mich jetzt aufregen über eine sehr zweifelhafte Formulierung, nämlich:

"Luther habe dieses "Nein der Papstkirche" dann seinerseits bejaht und die Papstkirche verworfen."


Nein, nein. So war es nicht. Denn dies klingt so, als ob Luther aus eigener Seelen-Not die Papstkirche verworfen habe, aber er hat sie ja gerade aus seiner intellektuellen Erkenntnis heraus verworfen. Das war seine Leistung. Insofern kann man Luther allerdings als Urheber der Kirchen-Spaltung ansehen!
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Alwite, 19. Oktober 2016, 18:20 Uhr


"Luther habe dieses "Nein der Papstkirche" dann seinerseits bejaht und die Papstkirche verworfen."
Bitte was ist falsch an der Formulierung?
Was ich lese ist: Nur das Nein ist Luthers Anlass, dem Glauben, an dem er wie der Papst festhält, eine eigene Richtung vorzugeben. Thomas Kaufmann schmälert Luthers Bedeutung damit doch in keinster Weise. Die Spaltung unserer Kirchen bei Funden der History immer wieder neu zu überdenken ist für jeden Historiker doch völlig legitim. Seine Ansicht hierüber zu lesen, Bereicherung zu neuen Denkanstössen.
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Atlantica, 19. Oktober 2016, 18:59 Uhr


Ist schon möglich, dass ich mich habe verwirren lassen, liebe Alwite. Ist denn wenigstens mein Gedanke verständlich: Luther berief sich auf sein Gewissen, er musste also eine Kirchenspaltung in Kauf nehmen? Oder hat er noch gar nicht so weit denken können?

Was ist zur "was wäre wenn"-Methode zu sagen?

Die Reformation HAT stattgefunden. Ewiger Friede ist nur bedingt ausgebrochen, stattdessen Religionskriege. Wenn Ökumene heißt, EINE evangelische Kirche, bin ich dabei!
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Alwite, 19. Oktober 2016, 20:20 Uhr


Wenn ich ganz simpel wie ich bin darüber nachdenke, lieber Atlantica, ist doch erstaunlich, dass Luther so viele Christen in seine Richtungsangabe folgten. Wenn ich an die mit Gewalt besetzte "Bekehrung" der Stämme, durch die Ordensritter denke, sind die, die Luther folgten - so hoffe ich - ihm doch freiwillig gefolgt. Denke deshalb: Zu Luthers Zeit war Glaube von so viel Furcht und Unterdrückung besetzt, dass seine Thesen Befreiung signalisierten, die seine eigene schutzabhänige Position jedoch nicht zu erfüllen im Stande war.

>Was ist zur "was wäre wenn"-Methode zu sagen?<
Sie hatte im Verbleib in der großen Kirche mit der Macht des Papstes, sich vielleicht sozialer (Abhängkeit der Bauern von seinen Schützern) gestalten können...
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Atlantica, 19. Oktober 2016, 21:48 Uhr


Luther ist ziemlich forsch vorangegangen und hatte deswegen so viele Anhänger. Das Wort sie sollen lassen stahn. Die Menschen konnten sich für die Bibel begeistern. Man musste sich nicht des Evangeliums schämen. Dazu kommt die neue akademische Bildung der Massen. Bei aller Kritikfähigkeit heute sollte uns diese fast naive Betonung des Wortes heute noch vorblidlich sein.
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