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Fabio Trunfio in einer Bergamotte-Plantage in Brancaleone
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Gelbes Gold aus Kalabrien

12. Oktober 2017

Es sind besondere Früchte: Bergamotte-Bäume gedeihen am besten an der Küste rund um die italienische Stiefelspitze. Das Mikroklima ist einzigartig, Olivenbäume schützen vor dem rauen Meereswind. Von dort kommen 90 Prozent der weltweiten Produktion.

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Fabio Trunfio in einer Bergamotte-Plantage in Brancaleone

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Brancaleone (epd). Halbfertige Häuser mit Eisenstangen, die aus den oberen Etagen ragen - wer durch Kalabrien fährt, sieht überall Zeichen von Armut und Unterentwicklung. Die Region im äußersten Süden Italiens ist bekannt für die Mafia, für Arbeitslosigkeit und Emigration. Und verfügt doch über "gelbes Gold": Auf einem schmalen Küstenstreifen wachsen 90 Prozent der weltweiten Bergamotte-Produktion. Die Zitrusfrüchte sind seit dem 17. Jahrhundert für ihr besonderes Aroma bekannt. Neben Sommertourismus ist ihr Anbau der einzige florierende Wirtschaftszweig der Region.

Begehrt ist vor allem das Öl, das aus der Schale gewonnen wird. Es duftet frisch, leicht säuerlich, herb und belebend und ist eines der beliebtesten Grundstoffe der Parfumherstellung. Schon das "Kölnisch Wasser" von Johann Maria Farina beruhte vor 300 Jahren auf diesem Duft. Auch das legendäre Chanel No. 5 enthält Bergamotte. Dem Earl-Grey-Tee gibt Bergamotte sein besonderes Aroma und auch als Duftöl ist es beliebt.

Frisch und bitter

Geerntet werden die Früchte erst zwischen November und Februar. Doch schon Wochen zuvor entströmt der Schale der frische und zugleich bittere Geruch. "Erst wenn der Regen kommt, wird die Schale glänzend", erzählt Elisabetta Genovese. Sie steht mitten in einer Bergamotte-Plantage in Brancaleone vor ihrem Haus. Es ist ein Rohbau mit unverputzten Backsteinen, und doch gebaut wie Schloss aus einer italienischen Fernsehwerbung.

An der Küste sind die Sommer heiß und die Winter mild - ein Klima, in dem die immergrünen Bergamotte-Bäume gut gedeihen. Rund 200 Kilo Früchte braucht man für ein Kilo Öl. Um die wertvolle Schale zu schonen, geht die Ernte nach wie vor von Hand.

An der Strandpromenade von Brancaleone steht noch eine Reibe aus der Zeit vor der Industrialisierung: Sie rieb die Schale von jeweils vier Früchten gleichzeitig, bevor eine kleine Glocke zum Einlegen neuer Bergamotte-Früchte aufforderte. Heute wird das Öl industriell gewonnen: Zuerst werden die Früchte in einem Aluminium-Becken gewaschen, dann wird die Schale abgerieben. Zentrifugen trennen Öl und Wasser.

Abnehmer französische Parfumindustrie

Fabio Trunfio ist der Geschäftsführer einer Firma, die aus der Bergamotte-Ernte von 150 Bauern Öl gewinnt. Er verkauft es direkt an die französische Parfumindustrie. Angesprochen auf die Ndrangheta, die Mafia in Kalabrien, sagt er: "Über die Ndrangheta wird viel geredet, aber für uns spielt sie keine Rolle."

Die Mafia sei immer dann präsent, wenn es um öffentliche Aufträge gehe, bestätigt der vom Innenministerium kommissarisch eingesetzte Bürgermeister des nahe gelegenen San Luca, Salvatore Gullì. Er leitet die Stadtverwaltung mit dem erklärten Ziel "Regeln für alle" einzuführen - auch für Ndrangheta-Familien.

"Unser Problem ist nicht organisierte Kriminalität, sondern zu viel Bürokratie und die mangelnde Anbindung", sagt Carmela Patea, die Inhaberin der gleichnamigen Fabrik von Bergamotte-Produkten. Während in anderen italienischen Regionen lokale Spezialitäten den Tourismus anheizen, wird außerhalb von Kalabrien kaum für regionale Bergamotte-Produkte geworben.

Cholesterinsenker

Dabei kann man nicht nur das Öl der Schale nutzen. "Früher wurde das Fruchtfleisch einfach weggeworfen", sagt Trunfio. Heute wird auch der an Grapefruit und Limette erinnernde Saft der Früchte verkauft. In Desserts sorgt er für einen besonderen Geschmack - und soll überdies ein natürlicher Cholesterinsenker sein. Bis in die Supermärkte italienischer Großstädte hat er es allerdings noch nicht geschafft.

In den Hügeln oberhalb von Brancaleone klettern Ziegen über die Ruinen des mittelalterlichen Orts, dessen Bevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten vor Erdbeben und Erdrutschen an die Küste floh. Von den Mauerresten 1.000 Jahre alter Kirchen und einer Burg blicken sie scheinbar gleichgültig von oben auf die Bergamotte-Plantagen unten an der Küste. Die Ruinen, die ihnen als Weideplatz inmitten von ungeernteten Granatapfelbäumen dienen, stehen sinnbildlich für den kulturellen und landwirtschaftlichen Reichtum Kalabriens, der so wenig genutzt wird.

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