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Experte zu Austritten: Glaube verdunstet ohne Kirche

19. August 2016

Die evangelische Kirche muss nach Ansicht des kirchlichen Soziologie-Experten Gerhard Wegner deutlicher betonen, dass die Mitgliedschaft in der Kirche wichtig ist. "Christsein kann auf Dauer ohne Kirche nicht funktionieren", sagte der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dem Evangelischen Pressedienst (epd).

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Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Gerhard Wegner

Frankfurt a.M. (epd). Alles andere sei eine "gefährliche und illusionäre Vorstellung", erklärte Wegner mit Blick darauf, dass im Jahr 2015 rund 210.000 Protestanten die Kirche verlassen haben. In den vergangenen Jahren sei das "Plateau der Austritte" stetig gestiegen.

In der Kirche müsse sich deutlicher rumsprechen, dass "die Mitgliedschaft für die Kirche der Zukunft von entscheidender Bedeutung ist", sagte Wegner. Stattdessen erlebe er aber immer wieder viele Christenmenschen, die suggerierten, dass die Kirche für den Glauben nicht unbedingt notwendig sei. "Da ist die Mentalität sehr luschig", sagte Wegner.

Mitgliederschwund der beiden großen Kirchen

Allein halte das Christsein niemand durch: "Religion braucht die soziale Abstützung durch andere Gläubige." Die katholische Kirche, aus der 2015 rund 182.000 Menschen austraten, habe ein anderes Verständnis: "Für die Katholiken ist die Kirche heilsnotwendig." Auch wer sage, er könne ohne Kirche weiter an Gott glauben, verlöre recht schnell den Kontakt, sagte Wegner. Das hätten Studien des Sozialwissenschaftlichen Instituts ergeben. "Glaube und Religiosität verdunsten, spätestens in der zweiten Generation."

Nach den Mitte Juli veröffentlichten Zahlen verlieren die beiden großen Kirchen in Deutschland weiter Mitglieder. Der Schwund hat sich im Vergleich zu 2014 verlangsamt, nicht aber mit Blick auf die Jahre davor. Durch Austritte und Todesfälle verlor die evangelischen Kirche im Jahr 2015 rund 360.000 Gläubige, doppelt so viele Mitglieder wie die katholische (178.000). Damit zählte die katholische Deutsche Bischofskonferenz 2015 rund 23,8 Millionen Mitglieder, die EKD rund 22,3 Millionen.

Die Austrittszahlen haben sich im Vergleich zu 2015 verringert, sind aber gegenüber 2013 und einigen Jahren davor gestiegen. Die höheren Austrittszahlen 2014 hatten die Kirchen auf Änderungen der Finanzämter bei der Einziehung der Kapitalertragssteuer zurückgeführt.

In der Pressemitteilung zu den Zahlen für 2015 hatte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Reinhard Marx, von einer "hohen Ziffer" an Austritten gesprochen und erklärt, diese solle die katholische Kirche "weiterhin anhalten, in unserem seelsorgerlichen Bemühen nicht nachzulassen". Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, ging auf die Austritte nicht ein, sondern dankte den verbleibenden Mitgliedern für ihr Engagement, mit dem sie "überall in Deutschland für ihren Glauben und ihre Kirche einstehen".

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 19. August 2016, 23:08 Uhr


Die Mitgliedschaft ist fuer die Kirche der Zukunft entscheidend. Dann aber muesste der Trend umgedreht werden: da sich der demographische Altersschwund nicht aufhalten lassen kann, muss Kirche neue Mitglieder gewinnen.
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Alwite, 20. August 2016, 9:02 Uhr


Soziologie-Experte Gerhard Wegner hat völlig recht!
Gemeinschaft in überzeugter Ausübung, ist ein unverzichtbarer Halt der Verbundenheit.
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Paperback, 22. August 2016, 8:25 Uhr


Alwite, Du schreibst:

"Soziologie-Experte Gerhard Wegner hat völlig recht!
Gemeinschaft in überzeugter Ausübung, ist ein unverzichtbarer Halt der Verbundenheit."

Wie das dann ausseht, kann man hier nachlesen. Da sind die Einen eng verbunden, so eng, dass da kaum Platz bleibt, für jene, die dazukommen.

Wenn ich Gemeinschaft suche, müsse ich Menschen mitbringen, die ich kenne, denn so wachse die Gemeinde, wurde mir einmal entgegengehalten, als ich bemängelte, in der Gemeinde finde man keine Freunde.

So erlebte ich oft, dass wir nach dem Gottesdienst zum "Kirchenkaffee" beieinander standen. Da stand ich dann in der Umgebung derer, die sich vertraulich duzten, sich zum anschließenden gegenseitigen Treffen einluden. Mich hat niemand gefragt.

Der junge Migrant aus Asien, um den ich mich kümmerte, fand keinen Anschluss etwa bei den Söhnen und Töchtern der Gemeinde-Gewichtigen. Er kam zu mir, um sich zu beklagen, wie alleine er sich fühle. Er fühlte sich so isoliert, dass er um ein Haar in seine muslimische Heimat zurückgegangen wäre und sich den Scharfrichtern ausgeliefert hätte.

Nicht nur einmal bot ich meine Mitarbeit an, machte Vorschläge, wo ich mich einbringen könne. Ich war bereit und hatte jede Menge Zeit, aber da ließ man Dinge lieber liegen, anstatt sie jemanden zu übertragen, den man nicht wollte.

So viel zur "Gemeinschaft in überzeugter Ausübung". Sie bleiben lieber unter sich.

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