hg
Bild vergrößern
Mit seinem GPS-Gerät vermisst Taky Razafindrasata die Felder der Bauern in seinem Dorf Bevato in Madagaskar.
Buchtipp

Hans Möhler (Hg.)
Wie jeder die Welt verbessern kann
Mit kleinen Schritten für die Zukunft

zur Detailseite
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite

Anzeige

Ein Zertifikat gegen den Landraub

25. Oktober 2016

Immer mehr ausländische Firmen pachten in Madagaskar Land, das nach traditionellem Recht von Bauern bewirtschaftet wurde. Der Staat steht auf Seiten der Investoren. Doch ein neues Instrument hilft den Bauern jetzt, sich zu wehren.

Bild vergrößern
Mit seinem GPS-Gerät vermisst Taky Razafindrasata die Felder der Bauern in seinem Dorf Bevato in Madagaskar.

Anzeige

Antananarivo (epd). Ravaivoson steht an der Straße, die einen sanften Abhang hinunter auf die grünen Felder führt. Seit seiner Geburt vor 80 Jahren lebt der Alte mit dem zerschlissenen Karo-Sakko und der beigen Strickmütze in seinem kleinen Dorf auf Madagaskar, hat sechs Kinder verheiratet und 17 Enkel bekommen. Immer ging er morgens auf die Felder mit Reis, Bohnen und Kartoffeln und brachte abends gerade so viel mit nach Hause, dass es für alle reichte. "Aber jetzt sagt eine Firma, dass ihr das Land gehört, und sie will, dass wir für den Anbau bezahlen."

Ravaivoson und die anderen gut 100 Familien in Tsinjoarivo haben versucht, sich dem Verbot zu widersetzen. "Das ist das Land unserer Ahnen, meine Familie hat seit Generationen hier gelebt und angebaut", sagt Ravaivoson. Seit sechs Jahren wehren sich die Bewohner. Irgendwann kam das Militär und half dem neuen Landbesitzer, die Bauern zu verjagen. Denn der hat einen Landtitel, anerkannt von der Regierung in der fernen Hauptstadt Antananarivo. Ravaivoson und die anderen haben nur die Tradition.

Traditionelles Recht

Der Chef der Firma, die Bionexx heißt und die Heilpflanze Artemisia für den Export anbaut, heißt Charles Giblain. Äußern will er sich nur schriftlich, einen Besuch der Felder will er nicht zulassen. Auch habe er gar keinen Pachtvertrag mit dem Staat, schreibt er. "Und selbst wenn, dann handelt es sich nicht um einen Angelegenheit, die ich mit Journalisten erörtern würde." Tatsächlich ist die Angelegenheit juristisch kompliziert, das Land gehört offiziell offenbar einem libysch-französischen Konsortium, das an Bionexx verpachtet. An der Sache ändert das freilich nichts.

Clément Razafidrison hilft den Dorfbewohnern bei ihrem Widerstand. "Wir sind vor Gericht gezogen, um das traditionelle Recht der Bevölkerung auf ihr Land durchzusetzen, aber bisher sind wir in vier Instanzen gescheitert." Bionexx hat den Bewohnern von Tsinjoarivo Ersatzland angeboten, doch das ist 80 Kilometer entfernt, und so weit weg will keiner der Bauern ein neues Leben beginnen. Zumal niemand weiß, wer dort Ansprüche anmelden wird. Denn bis vor wenigen Jahren reichte es in Madagaskar vollkommen aus, ein Grundstück zu bewirtschaften, um es als Eigentum zu bezeichnen.

Dass die Gerichte zugunsten der armen Bauern entscheiden werden, ist unwahrscheinlich. Juristisch ist Bionexx im Recht, und Gerichte in Madagaskar sind zudem alles andere als unabhängig. Richterstellen werden von der gleichen kleinen Politelite besetzt, die mit den Landverkäufen an ausländische Investoren Geld macht - für die Staatskasse und oft auch für sich selbst. Käufer gibt es genug: Unter Madagaskars Boden liegen viele Rohstoffe, und trotz Erosion gibt es noch viele fruchtbare Äcker. Geschützt vor dem großen Landverkauf sind nur die, die einen Titel vorweisen können. Doch der ist teuer, zu teuer für einen Bauern.

Bezahlen in Raten

Aber es gibt Hoffnung. In Bevato, zwei Stunden von Tsinjoarivo entfernt, balanciert Taky Razafindrasata mit einem GPS-Gerät über den Lehmdeich eines Reisfeldes. Alle paar Meter bleibt er stehen und diktiert seinem Kollegen Koordinaten in den Block. Hinter den beiden schiebt sich eine Kolonne durch den Lehm: der Landbesitzer ist dabei, und sein Nachbar. Er muss an jedem Messpunkt bestätigen, um wessen Land es sich handelt. "Wir haben bereits mehr als 700 Landflächen vermessen", sagt Razafindrasata stolz. "Alle hier im Dorf wollen ihr Land vor Investoren aus dem Ausland schützen."

Die Bewohner von Bevato nutzen dafür ein Gesetz, dass die heutige Regierung am liebsten zurücknehmen würde. Es erlaubt Kommunen, Landzertifikate auszustellen - Besitzurkunden, die den teuren Landtiteln nahe kommen, aber deutlich weniger kosten. Dass Bevatos Bürgermeister diese Zertifikate tatsächlich ausstellen kann, liegt auch daran, dass das katholische Hilfswerk Misereor in Aachen das Projekt fördert - nicht nur in Bevato, sondern in der ganzen Region. Ihren Eigenanteil bezahlen die Bauern nach der Ernte, oder in Raten.

"Ich kann jetzt wieder ruhig schlafen", sagt Joachin Rakotondraivo, dessen Reisfeld nach ein paar Stunden fertig vermessen ist. Nicht alle im Dorf machen mit, sagt er. "Aber ich selbst bin begeistert von der Idee und sage das auch allen weiter." Ein Schicksal wie das der Bauern in Tsinjoarivo will er um jeden Preis verhindern. Dort mussten sie sogar die Toten umbetten. Rakotondraivo dagegen hofft, dass sein Land dank der Zertifikate noch von seinen Kindern und Kindeskindern bewirtschaftet werden kann.

1

Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 25. Oktober 2016, 10:29 Uhr


Es ist unerträglich. Man möchte gegen das Unrecht anschreien.
Wenn Wallonien umfällt und Ceta anerkannt ist, wird auch ttip nicht mehr viel im Weg stehen. Was soll dann aus den kleinen Bauern in aller Welt werden?
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Buchtipp
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite
Buchtipp

Hans Möhler (Hg.)
Wie jeder die Welt verbessern kann
Mit kleinen Schritten für die Zukunft

zur Detailseite
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite
Per E-Mail empfehlen