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Haus für wohnungslose Männer in München
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Ein Haus für obdachlose Männer

7. Dezember 2017

Viele Wohnungslose kämpfen mit psychischen Erkrankungen und Suchtproblemen. Franz K. ist einer von ihnen. Nach mehreren gescheiterten Entzügen und Depressionen scheint er ein Zuhause auf Zeit gefunden zu haben - danach hofft er auf einen Neuanfang.

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Haus für wohnungslose Männer in München

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München (epd). Das Haus an der Knorrstraße im Münchner Stadtviertel Milbertshofen sieht von außen aus wie ein normales Wohnhaus. Ist es aber nicht, denn hier leben 51 Männer, die eines gemeinsam haben: Sie sind wohnungslos, und sie leiden unter psychischen Problemen.

In dem Haus geht es schon morgens geschäftig zu - überall wird geputzt und geräumt. "Wo ist denn das Spülmittel?", fragt ein Mann quer durch den Raum. Er ist gerade dabei, im Speisesaal die Gläser zu spülen. Der Raum ist schlicht eingerichtet - Tische, Stühle, über der Tür zur Küche hängt ein Kreuz. Am Mittag steht Putenrollbraten mit Nudeln auf dem Programm.

Auf die Warteliste

Draußen im kleinen Garten säubern Bewohner des Männerheims die Steinfliesen auf dem Boden. "Die Bewohner nehmen an allen Arbeiten teil", erklärt Christian Jäger, der das Wohnheim seit 2009 leitet. Die Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins München will wohnungslosen Männern mit psychischen Problemen eine Neuorientierung ihres Lebens ermöglichen. "Wir versuchen, auch die Freude am Leben wieder zu wecken", betont der Sozialpädagoge.

Die Nachfrage nach solchen Heimplätzen ist groß, für das Männer-Wohnhaus gibt es eine Warteliste. Bis zum Jahresende rechnet die Stadt München mit bis zu 9.000 Wohnungslosen. Während in Hamburg etwa 4.300 und in Köln 4.400 Wohnungslose leben, sind es in Berlin sogar 30.000. Bundesweit ist die Zahl stark gestiegen, bestätigt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Ihren Angaben zufolge gab es 2016 in Deutschland rund 860.000 Menschen ohne Wohnung.

Flucht und Angst

Im Wohnhaus an der Knorrstraße hat jeder Bewohner sein eigenes Zimmer - so kann er sich zurückziehen und wird auch mal eine zeitlang in Ruhe gelassen. Das ist für den ehemaligen Kfz-Mechaniker Franz K. wichtig. Sein bisheriges Leben sei durch Flucht, Angstzustände und Unbeständigkeit geprägt gewesen, erzählt er. Immer wieder habe er sein Zuhause verloren. "Wenn ich zu viel Panik bekommen habe, habe ich meine Wohnung verlassen und bin durch die Gegend gereist. Ich war dann immer überall und nirgendwo."

Die Depressionen und Ängste bekämpfte Franz K. mit Alkohol, er machte mehrere Entzüge. Seine depressive Erkrankung wurde erst sehr spät erkannt. Als er 2014 in das Haus in Milbertshofen kam, musste er zum ersten Mal nicht mehr flüchten. "Es tut mir gut, dass ich hier zur Ruhe kommen kann", sagt er.

Ein "nasses Haus"

Das Schicksal von Franz K. ist kein Einzelfall. Sehr oft gehe Obdachlosigkeit mit psychischen Problemen einher, erklärt Heimleiter Jäger. "Man kann durch Krisensituation wie Arbeitslosigkeit oder Scheidung sehr schnell den Boden unter den Füßen verlieren", sagt er. Einer Studie der Klinik für Psychiatrie am Klinikum rechts der Isar der TU München zufolge leiden über zwei Drittel der wohnungslosen Menschen unter psychischen Erkrankungen. Nur ein Drittel erhalte eine entsprechende Versorgung.

Deshalb bedarf es laut Jäger einer speziellen Herangehensweise, wie sie an der Knorrstraße praktiziert wird. Obwohl 60 Prozent der Heimbewohner suchtkrank und oft alkoholabhängig seien, ist das Wohnheim ein "nasses Haus". Das heißt, die Bewohner dürfen Alkohol trinken. Niemand werde zu einem Entzug gezwungen oder gedrängt.

Kunst als Stütze

Eine Kunsttherapie soll den Männern helfen, eigene Fähigkeiten und verschüttete Talente ohne Angst vor negativen Rückmeldungen auszuprobieren. Einmal pro Monat organisiert eine Mitarbeiterin eine Andacht, an der zehn bis 20 Bewohner teilnehmen.

Im ganzen Haus gibt es Beschäftigungsangebote - von der Küche bis zur Werkstatt. "Wir haben hier auch unsere eigenen Boten, die Post austragen - eine beliebte Arbeit", sagt Jäger.

In der Regel bleiben die Männer zwei Jahre im Haus, danach gehen sie getrennte Wege. Manche beziehen eine eigene Wohnung, andere kommen in einer ambulant betreuten Wohnform unter. Die Knorrstraße ist eine Übergangsstation. Heimleiter Jäger beschreibt die Aufgabe so: "Wir versuchen, den Bewohnern zu helfen, die wichtige Frage zu beantworten: Was tut mir gut?"

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