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Die Grande Dame der Psychoanalyse

17. Juli 2017

Sie war unangepasst und "zutiefst antiautoritär", sagten Freunde über sie. Mitscherlich selbst nannte sich eine "geborene Feministin". Eines ihrer großen Themen war die Unfähigkeit der Deutschen, sich mit der NS-Vergangenheit zu beschäftigen.

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Frankfurt a.M. (epd). Die Psychoanalyse in Deutschland ist eng mit dem Namen Margarete Mitscherlich verbunden. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat die Ärztin die Befindlichkeiten der Deutschen analysiert und sich in aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse eingemischt. Vor 100 Jahren, am 17. Juli 1917, wurde Margarete Mitscherlich-Nielsen, wie sie mit vollem Namen hieß, im dänischen Gråsten geboren.

Der Vater war Däne, die Mutter Deutsche. Sie wuchs in der deutsch-dänischen Grenzregion auf, studierte zunächst Literatur, dann Medizin. In Heidelberg, Stuttgart und London ließ sie sich später zur Psychoanalytikerin ausbilden. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie zunächst als Ärztin in der Schweiz.

Leugnung und Verdrängung

Hier lernte Margarete Mitscherlich ihren späteren Mann kennen, den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908-1982). Gemeinsam veröffentlichten sie 1967 das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern", in dem sie den Deutschen vorwarfen, ihre Schuldverstrickungen in der NS-Zeit zu verleugnen und zu verdrängen. "Die große Majorität der Deutschen erlebt heute die Periode der nationalsozialistischen Herrschaft retrospektiv wie die Dazwischenkunft einer Infektionskrankheit in Kinderjahren", kritisierten sie.

1949 kam ihr Sohn auf die Welt, den Margarete Nielsen im Alter von zwei Jahren in die Obhut ihrer Mutter gab. Eine Entscheidung, wegen der sie sich viele Selbstvorwürfe machte. Später schrieb sie: "Das war der schrecklichste Moment meines Lebens, denn ich wusste natürlich, wie hilflos ein Kind in diesem Alter ist." 1955 heirateten Margarete und Alexander Mitscherlich und zogen mit dem inzwischen sechsjährigen Sohn nach Heidelberg.

Wegbereiter der Studentenbewegung

In den 60er Jahren brachten sie die in der Nazizeit verfemte Psychoanalyse nach Deutschland zurück. In Frankfurt am Main gründeten sie 1960 das Sigmund-Freud-Institut mit. Die Einrichtung, die Alexander Mitscherlich lange leitete und an der Margarete Mitscherlich als wissenschaftliches Mitglied arbeitete, gilt vielen bis heute als Wegbereiter der 68er-Studentenbewegung.

Der Philosoph Jürgen Habermas, der mit dem Ehepaar Mitscherlich befreundet war, würdigte die Psychotherapeutin in einem Zeitungsbeitrag einmal als beharrlichen Geist mit intellektueller Beweglichkeit. Die "Grande Dame der deutschen Psychoanalyse", wie sie oft bezeichnet wurde, hat mehrere Auszeichnungen erhalten, unter anderem war sie Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes.

Margarete Mitscherlich machte sich auch als Frauenrechtlerin einen Namen. Sie engagierte sich für die Legalisierung der Abtreibung und schrieb Bücher wie "Die friedfertige Frau" (1985), in dem sie das Rollenverhalten von Frauen in der Politik untersuchte. Sich selbst hat sie einmal als "geborene Feministin" bezeichnet.

Eng befreundet mit Alice Schwarzer

Bis ins hohe Alter empfing Mitscherlich in ihrer Frankfurter Praxis Patienten zu Psychoanalyse-Sitzungen. Und sie publizierte. In ihrem 2010 erschienenen Buch "Die Radikalität des Alters" bilanzierte sie ihr Lebenswerk. Es beschäftige sich, schrieb Mitscherlich, mit Emanzipation im weitesten Sinn - "das heißt mit der Befreiung von Denkeinschränkungen, Vorurteilen, Ideologien, die in meinem Leben zur mörderischen Begeisterung für einen Verbrecherstaat und über lange Zeit zu einer neuen Variante der Entwertung der Frau und ihrer Stellung in der Gesellschaft führten."

2012 starb Margarete Mitscherlich in Frankfurt am Main kurz vor ihrem 95. Geburtstag. Alice Schwarzer, mit der sie eng befreundet war, würdigte die Psychoanalytikerin bei der Trauerfeier als "einen unangepassten, kreativen und mitfühlenden Menschen". Margarete Mitscherlich sei ein "Wildfang in Frauenhaut" gewesen, "zutiefst antiautoritär, lange bevor das Wort erfunden wurde".

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