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Der Geschmack des Herbstes

23. Oktober 2017

Der Duft der frisch gerösteten Früchte erfüllt Herbst- und Weihnachtsmärkte: Esskastanien mit ihrem nussigen Aroma wurden noch vor mehr als 100 Jahren in Deutschland in großem Stil angebaut. Heute pflegen Initiativen die Tradition.

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Frankfurt a.M. (epd). "Sie sind herrlich in blosser Asche geröstet und brauchen in keinem Gänsebraten zu stecken oder als Confect überzuckert zu seyn", schreibt der Schriftsteller Carl Julius Weber im Jahre 1834 schwärmerisch über die süßen Früchte des Herbstes: die Edelkastanien. Er habe sich im hessischen Taunus selbst damit gemästet "wie ein Italiener", gesteht er in seinen "Briefen eines in Deutschland reisenden Deutschen". Heute kommen die besonders großen Exemplare, die Maronen, vorwiegend aus Italien und Frankreich auf hiesige Märkte.

Im Taunus, wo Weber schwelgte, wurde der traditionelle Esskastanienanbau 1910 eingestellt - die Konkurrenz der Maroni aus Italien war schon damals zu groß. Die lichten Haine mit prächtigen Kastanien, deren ausladende Kronen zahlreiche Früchte trugen, blieben fortan sich selbst überlassen.

Jahrhundertealte Bäume

Die Sonne liebenden Bäume aus der Familie der Buchengewächse mussten mit nachwachsenden anderen Gehölzen konkurrieren. Der Bewuchs wurde dichter und zum Wald. So erging es den Edelkastanienbeständen auch an der Bergstraße, im Spessart, am Niederrhein, in der Ortenau.

Die in der Pfalz und im Taunus "Keste" genannte Esskastanie, einst auf lokaler Ebene ein bedeutendes Wirtschaftsgut, geriet in Vergessenheit. Aber Edelkastanienbäume sind zäh und äußerst langlebig: 300 Jahre alte Exemplare sind keine Seltenheit.

Auch im Taunusstädtchen Mammolshain nicht: Dort hat eine Kastanie einen Stammumfang von fast sechs Metern erreicht. Die "Dicke Mammolshainer" wurde als Naturdenkmal ausgezeichnet. "Sie wird auf 200 bis 300 Jahre geschätzt", sagt Karl-Friedrich Reimer, der sich in der Arbeitsgemeinschaft Edelkastanie des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins engagiert. Die Arbeitsgemeinschaft gehört zur bundesweiten Interessengemeinschaft Edelkastanie - auch andernorts soll die edle Frucht als kulturelles Erbe erhalten werden.

Rinde als Lebensraum

Reimer und seine Mitstreiter pflegen die alten Bestände und haben eine Fruchtsortenanlage mit mehr als 30 europäischen Edelkastanien-Varianten angelegt. Unweit davon steht ein besonders beeindruckender Baum: Die grobe, aufgerissene Rinde windet sich am Stamm empor und erinnert an einen reißenden Wildbach. Auf der grobborkigen Rinde alter Kastanien wie dieser siedeln sich Moose und Flechten an, Spechte bearbeiten die Asthöhlen, das Totholz wird von zahlreichen Käfern besiedelt. Nicht zuletzt bietet die Kastanie Bienen Nahrung, wenn sie im Juni blüht und dabei streng duftet.

Die Qualität des seltenen Gehölzes weiß Carsten Bentert zu schätzen. Er verarbeitet in seiner Schreinerei im benachbarten Kronberg ausschließlich heimische Kastanie zu Massivholzmöbeln. Ihn faszinieren besonders die sogenannten Holzfehler wie die sogenannte Ringschäle: Dabei spalten sich die einzelnen Jahresringe voneinander und das Holz nimmt bizarre Formen an.

Kastanienholz extrem haltbar

Kastanienholz hat einen hohen Gerbsäuregehalt und ist darum extrem haltbar. Schon vor Jahrhunderten wurde es gerne verwendet. "Man brauchte die Äste nur anspitzen und konnte sie so zur Weideneinzäunung oder als Rebpfähle in den Boden setzen", erklärt Bentert. Das war praktisch für die Weinbauern, denn in den klimatisch begünstigten Weinbauregionen gedeiht die Kastanie prächtig. Auch Weinfässer wurden aus ihrem Holz gemacht.

Die Römer sollen vor 2.000 Jahren die Kultivierung beider Früchte vorangetrieben, sogar die Edelkastanie in Deutschland eingeführt haben. Schriftlich erwähnt wurde sie im Taunus erst im 18. Jahrhundert, in anderen deutschen Regionen bereits 200 Jahre zuvor.

Hildegards heilender Sud

Dass die heilende Wirkung der Esskastanie schon viel früher bekannt war, belegen die um 1150 entstandenen Schriften der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Sie empfiehlt, Früchte und Blätter abzukochen. Der Sud soll gegen diverse Leiden helfen. Feststeht, dass die darin enthaltene Gerbsäure adstringierend (austrocknend) ist und daher blutstillend. Der bernsteinfarbene, herb-bittere Kastanienhonig wirkt antibakteriell und hilft besonders bei Bronchitis und Reizhusten.

Nicht zu verwechseln sind Edelkastanien mit Rosskastanien: Ihre Früchte sind gut zum Basteln, sollten von Menschen aber nicht gegessen werden. Die Frucht der Edelkastanie hingegen ist eine nahrhafte, aber kalorienarme Nuss mit hohem Wasser- und niedrigem Fettanteil. Esskastanien enthalten neben Kohlenhydraten und Eiweiß auch Vitamin B. Sie können geröstet, gekocht und zu pikanten Speisen verarbeitet werden, zu Püree, Suppe, als Zugabe zu Rotkraut oder schlicht als aromatisches Gemüse.

Und in Frankreich sind in jeder gut bestückten Konditorei die von Weber als "Confect" beschriebenen glasierten Maronen noch heute erhältlich: Marrons glacés - eine süße und teure Delikatesse.

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