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Der bekehrte Hooligan

27. Februar 2017

Der Israeli Dudi Misrachi war gewalttätiger Fußball-Hooligan mit fanatischem Hass auf Araber. Heute wirbt er in Schulen für Dialog und friedliches Zusammenleben.

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Dudi Misrachi

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Jerusalem (epd). Dudi Misrachi ist Fußballfan. Das Emblem seines Vereins Beitar Jerusalem mit der Menorah, dem siebenarmigen Leuchter, hat er sich auf den Rücken tätowieren lassen. "Ich gehe heute noch jede Woche ins Stadion", sagt der 27-Jährige. Nur nicht mehr mit den alten Freunden - den radikalen Beitar-Fans "La Familia". Bei ihnen gilt Misrachi als Verräter.

"La Familia", das bedeutet Hass auf die Araber und manchmal auch Gewalt. Wenn Beitar gegen den erfolgreichen arabischen Club Bnei Sachnin spielt, dann tobt der östliche Flügel im Stadion, wo die radikalen Beitar-Fans immer sitzen. "Tod den Arabern", ist der Standardslogan von "La Familia", der islamische Prophet Mohammed wird bisweilen als "Schwuler" beschimpft. Bis vor wenigen Jahren gehörte Dudi Misrachi zu "La Familia". "Ich war so dumm", sagt er heute.

In den Schulen gefragt

Sechs Mal war Beitar israelischer Meister und sieben Mal Pokalsieger. Zigtausende strömen jeden Samstagabend ins Jerusalemer Teddy-Stadion. Fast alle tragen die gelb-schwarzen Farben der Vereinstrikots. Im Alter von zwölf Jahren war Dudi zum ersten Mal dabei. Damals lebte der Sohn zweier behinderter Eltern schon lange im Heim. "Wir waren zu fünft im Zimmer", erinnert er sich und daran, dass die anderen Kinder die Süßigkeiten klauten, die ihm seine Mutter an den Wochenenden mitbrachte.

Zusammen mit einem Freund ist er eines Abends abgehauen, um ins Stadion zu gehen. "Wir bettelten die Leute an, damit wir uns ein Ticket kaufen konnten." Jerusalem gewann das Spiel mit 2:1 gegen Haifa. Der Junge war begeistert. "Beitar ist mehr als Fußball", sagt er. "40.000 Leute, die singen und Fahnen schwingen.

Misrachi erzählt seine Geschichte an Schulen und Lehrerseminaren. Er ist schlank, trägt Jeans, ein faltenlos gebügeltes hellblaues Hemd und Vollbart. "Mein Bart gibt mir Sicherheit", sagt er lächelnd und streichelt sich über das Kinn. Unter den Pädagogen ist der bekehrte Hooligan sehr gefragt.

"Einige meiner Schüler sind Beitar-Fans", sagt Sagi Klein, Lehrer an der Schule Hartuv im Kibutz Tsora, westlich von Jerusalem. Gerade bei 15- bis 16-Jährigen sei es schwer für die Lehrer, sich Gehör zu verschaffen. "Misrachi spricht ihre Sprache", sagt Klein. "Er findet viel leichter einen Zugang."

Je radikaler umso angesehener

Ein paar der Schüler kichern, als Misrachi besonders eindringlich und mit leicht übertriebenem Pathos auf sie einredet. "Ich lernte, wie aus Samen Blumen werden", sagt er und hört sich fast an wie ein Prediger. Die rund 100 Elftklässler, die sich in der Aula von Hartuv versammelt haben, hören ihm trotzdem aufmerksam zu. Schon mit 13 suchte Dudi Arbeit, das Geld war knapp.

Damals wurde er zum ersten Mal verhaftet. Beitar spielte gegen HaPoel Tel Aviv, das Stadium tobte. Als die Fans von "La Familia" anfingen, Steine auf die Anhänger der gegnerischen Mannschaft zu werfen, griffen die Beamten den Jungen und verfrachten ihn ins Untersuchungsgefängnis. Er hatte die Zelle noch nicht erreicht, als er die anderen Beitar-Fans rufen hörte: "Dudi ist ein König." Rund 200 Leute der "La Familia" waren schon dort. "Ich werfe Steine, und sie machen mich zum König." Misrachi wird laut, als er zu den Schülern spricht: "Wie konnten sie das tun?".

Seit der Verhaftung verpasste Dudi kein Spiel mehr. Als der Vater ihm 400 Schekel (100 Euro) in die Hand drückt, damit sich der Junge ein Paar neue Schuhe kauft, nimmt er das Geld und lässt sich dafür den Rücken tätowieren. "Ich begann Verse über den Klub zu schreiben. 20.000 Leute sangen meine Lieder." Die Beitar-Fans gaben ihm, was ihm bislang verwehrt geblieben war: "Ein Zuhause, Anerkennung und Zugehörigkeitsgefühl." Je radikaler er für den Verein und gegen alle anderen vorging, desto höher stieg er auf in der Hierarchie von "La Familia".

Die Jahre der zweiten Intifada erschütterten Jerusalem. Auch Dudi verlor einen Schulkameraden bei einem Terroranschlag. Er hasste die Palästinenser. "Ich hab die Nuss-Schalen immer extra auf die Erde geworfen, denn die Putzfrau war eine Araberin."

Immer wieder aufstehen

Als Beitar Jerusalem zwei muslimische Spieler aus Tschetschenien engagiert, läuft "La Familia" Sturm. "Sie haben über uns das Todesurteil verhängt", hieß es in einer Erklärung der Fans. Dafür solle der Verein büßen. Erst boykottierte die "La Familie" eine Reihe von Spielen, am Ende brannte das Vereinshaus. Trophäen und Trikots legendärer Spieler des 1936 gegründeten Fußballvereins gingen in Flammen auf.

Kurz darauf heiratete Dudi Misrachi und bekam einen Sohn. Die Familie zog aufs Land. Als er einen Job bei einem Verpackungsunternehmen fand, bei dem auch Palästinenser angestellt waren, begann er umzudenken. Tag für Tag trafen sich Juden und Araber bei der Arbeit und redeten miteinander.

"Ich verdiente 200 Schekel (50 Euro), meine arabischen Kollegen aber nur 70 (18 Euro) pro Tag", erzählt Misrachi und schüttelt noch heute den den Kopf über die Ungerechtigkeit. "Dort habe ich kapiert, dass die Araber auch große Probleme hatten, nicht nur ich." Misrachi macht eine kurze Pause und redet wieder lauter auf die Schüler in der Aula ein: "Am Ende sind wir alle Menschen."

Für den jungen Familienvater kam die Erhellung zu spät. Sechsmal war er hinter Gittern, bis heute hängen ihm Vorstrafen und hohe Bußgeldschulden an. Die Ehe ging darüber kaputt, seinen Sohn sieht er nur noch sporadisch. "Lasst Euch nicht in die Irre führen", mahnt er die Schüler, "geht nicht meinen Weg." Dass er es selbst endlich geschafft hat, eine andere Richtung einzuschlagen, macht ihn stolz: "Ein Held ist nicht einer, der nie gefallen ist. Sondern einer, der weiß, wieder aufzustehen."

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 27. Februar 2017, 9:15 Uhr


"Als er einen Job bei einem Verpackungsunternehmen fand, bei dem auch Palästinenser angestellt waren, begann er umzudenken. Tag für Tag trafen sich Juden und Araber bei der Arbeit und redeten miteinander. "

Das ist der Schlüsselsatz! Miteinander reden, sich kennen lernen, so geht Frieden.
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