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Der 66er: Der Schriftsteller F. C. Delius wird 75 Jahre alt

13. Februar 2018

In den 70er Jahren entwickelte er sich zum Chronisten der Bundesrepublik. F. C. Delius verarbeitete gesellschaftliche Themen wie den Deutschen Herbst und sorgte für manche Kontroverse. Vereinnahmen ließ er sich nie.

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Frankfurt a.M. (epd). Er selbst ordnet sich als "antidogmatisch links" ein. Friedrich Christian Delius, der am 13. Februar 75 Jahre alt wird, ist ein streitbarer Literat. "Mit politisch hellwachen, ideologieresistenten Texten" erforsche er die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert, hieß es in der Begründung zum Georg-Büchner-Preis, den er 2011 erhielt.

Erster Gedichtband mit 19 Jahren

Am 20. Februar erscheint sein neues Werk, die autobiografische Erzählung "Die Zukunft der Schönheit" über einen jungen Deutschen, der aus der hessischen Provinz 1966 nach New York kommt. Geboren wurde Delius 1943 in Rom als Sohn eines westfälischen Pfarrers. Sei Vater war von den Nazis als Hilfsprediger an die afrikanische Front geschickt worden. Noch vor Kriegsende kehrte die Familie nach Deutschland zurück und zog ins hessische Wehrda, wo Delius seine Kindheit und Jugend verbrachte.

Schnell wurde klar, dass es ihn zur Literatur zog. Delius studierte Literaturwissenschaft und veröffentlichte mit 19 Jahren seinen ersten Gedichtband. Zu der Zeit, Anfang der 60er Jahre, rumorte es bereits in der jungen Republik, und die Kinder des Wiederaufbaus machten sich bereit für ihren großen Protest.

Von politischer Vereinnahmung allerdings hielt Delius nie etwas. Er beschrieb sich als "Mann jener Öffnungsbewegung vor der darauffolgenden Ideologisierung und Dogmatisierung durch das erneute Scheuklappendenken" der 68er - als "66er".

Ein linker Einzelkämpfer

Aber der politische Impuls ähnelte dem der 68er. Mitte der 60er Jahre veröffentlichte er eine Stimmencollage vom Wirtschaftstag der CDU mit dem Titel "Wir Unternehmer. Über Arbeitgeber, Pinscher und das Volksganze", in der er kritisch die konservative Wirtschaftsideologie auseinandernahm.

Die Linke in der Bundesrepublik hatte einen distanzierten Verbündeten in ihm. Er war zunächst Lektor in den Verlagen Klaus Wagenbach und Rotbuch, wo die Arbeit mit Büchern als "Aufklärung, also als politische Praxis verstanden wurde", wie Delius es beschrieb. Seit Ende der 70er Jahre ist er freier Schriftsteller, lebt nach langen Jahren in Rom heute mit seiner zweiten Frau Ursula Bongaerts in Berlin.

Als linker Einzelkämpfer gegen Zeitgeist und Autoritäten musste er sich auch mit der Justiz herumschlagen. Eine Satire über die Firma Siemens und ein Gedicht ("Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende") über eine bekannte Kaufhauskette gingen nach Klagen ihren Weg durch die Instanzen. 1982 entschied der Bundesgerichtshof, dass Delius weiter behaupten darf, dass die von Kaufhauschef Horten "bezahlten Politiker über Gesetzen schwitzen, die ihm genehm sind und seine Gegner zerfetzen".

F. C. Delius gilt heute als einer der großen Chronisten der Bundesrepublik, vor allem über die 70er und 80er Jahre. Über den Deutschen Herbst 1977 verfasste er drei Romane und zeigte sich dabei auch formal als Nachfahre der großen modernen Autoren: In "Ein Held der inneren Sicherheit" (1981) finden sich surreale Episoden, innere Monologe und Montagen.

"Zurück in feudalistischen Zeiten"

Delius ist immer ein formbewusster, reflektierter Autor geblieben, der sich mit Vorliebe auf die großen Themen der Zeit stürzte. In "Mogadischu Fensterplatz" (1987) und "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" (1992) verarbeitet er die Entführung eines Linienfluges durch Terroristen sowie die spätere Beerdigung dreier RAF-Mitglieder.

Fast 40 Bücher sind bis heute von ihm erschienen, darunter "Die Birnen von Ribbeck" (1991) über das Ende der DDR, "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" (1994) über das Wunder von Bern 1954, oder "Die Frau, für die ich den Computer erfand" (2009) über Computerpioniere. In "Bildnis der Mutter als junge Frau" geht es um seine Familiengeschichte, er erhielt dafür 2009 den Evangelischen Buchpreis.

Mit der Politik hat er nie seinen Frieden gemacht: "Seit die bürgerlichen Werte an den Finanzplätzen verschleudert werden, der Liberalismus zum Lobbyismus und zur Marktblödheit verkommt, scheinen die Demokratien in feudalistische Zeiten zurückzutaumeln."

Doch trotz seiner satirischen Schärfe bescheinigte ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine "menschenfreundliche Sensibilität". Und der Autor und Kritiker Helmut Böttiger urteilte, Delius bleibe "immer redlich angesichts des landläufigen Opportunismus, und immer abseits jeglichen Zynismus".

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