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Heiner Geißler 2015 auf dem evangelischen Kirchentag in Stuttgart.
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Trauer um Heiner Geißler

12. September 2017

Streitbarer Vermittler: Politiker haben den gestorbenen CDU-Politiker Heiner Geißler als großen Sozialpolitiker der Bonner und Berliner Republik gewürdigt. Bis zuletzt galt er als kritischer Begleiter gesellschaftlicher Entwicklungen.

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Heiner Geißler 2015 auf dem evangelischen Kirchentag in Stuttgart.

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Berlin (epd). Der Tod des früheren CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler hat über alle Parteigrenzen hinweg große Betroffenheit ausgelöst. Geißler habe die Politik der Bundesrepublik Deutschland fast ein halbes Jahrhundert hinweg entscheidend mitgeprägt, hob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag in Berlin hervor. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte, das Land verliere "eine unvergleichliche politische Persönlichkeit, die bis ins hohe Alter gerade auch für junge Menschen Vorbild war". Geißler war am Dienstag im Alter von 87 Jahren im pfälzischen Gleisweiler gestorben.

Der SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz erklärte, mit Geißler verliere Deutschland "einen streitbaren Geist und klugen Analytiker der Bonner und der Berliner Republik". Geißler habe immer in der christlich-sozialen Tradition seiner Partei gestanden und "sah deswegen die CDU nie nur als konservative, sondern vor allem als christlich-demokratische Partei". Schulz: "Heiner Geißler war freundlich und liebenswürdig im Wesen und unbequem und häufig unkonventionell in seiner politischen Haltung."

"Ein kluger Demokrat"

Die Grünen-Politiker Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir bezeichneten Geißler als "echten Freigeist, der zu seiner politischen Haltung immer auch gegen Widerstände stand. Er war ein kluger Demokrat, der die Politik über Jahrzehnte geprägt hat." Die Grünen "hatten es nicht immer leicht mit ihm, seine scharfe Kritik an der Friedensbewegung ist uns noch in Erinnerung. Doch mit dem Alter wurde Heiner Geißler versöhnlicher", fügten Göring-Eckardt und Özdemir hinzu: "Sein Engagement als Schlichter - etwa beim Konflikt um Stuttgart 21 - war ein Geschenk für unsere Demokratie."

Als leidenschaftlichen Debattenredner würdigte der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) den verstorbenen früheren Bundessozialminister. In einem Kondolenzschreiben an die Witwe Geißlers im Namen des Deutschen Bundestages schrieb Lammert, Geißler habe zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Politik gehört. Er habe sich meist früher als andere immer wieder großer gesellschaftspolitischer Zukunftsthemen angenommen und dabei gängige Überzeugungen gehörig "gegen den Strich zu bürsten" gewusst.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, zeigte sich betroffen vom Tod Geißlers. "Er hatte wirklich etwas zu sagen. Und selbst da, wo er zuweilen in der Schärfe der Kritik überzog, lohnte es sich immer, über deren Kern nachzudenken. Er wird uns fehlen", heißt es in einem Facebook-Beitrag des bayerischen Landesbischofs.

Als Schlichter Maßstäbe gesetzt

Die globalisierungskritische Organisation Attac, der Geißler seit zehn Jahren angehörte, lobte dessen "Widerspruchgeist". Geißler habe für Attac-Positionen wie die demokratische Kontrolle der Finanzmärkte geworben, aber auch vor Kritik an Aussagen der Organisation nicht zurückgeschreckt.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erinnerte an Geißler als Schlichter beim umstrittenen Bahn-Bauprojekt Stuttgart 21. Geißlers Credo sei gewesen, dass zivilisierter Streit die Gesellschaft zusammenhält. Er habe mit dieser Einstellung "das schier Unmögliche möglich gemacht: die streitenden Parteien in diesem schwierigen Konflikt sachorientiert voranzubringen", teilte Kretschmann in Stuttgart mit. Als Schlichter habe Geißler einen wesentlichen Beitrag zur Befriedung des Konflikts um den Tiefbahnhof geleistet: "Er hat mit der Schlichtung Maßstäbe gesetzt, wie Konflikte in einer Demokratie bewältigt werden können."

Geißler stammte aus einer katholisch geprägten Beamtenfamilie und wollte eigentlich Priester werden. Er wurde am 3. März 1930 in Oberndorf am Neckar (Baden-Württemberg) geboren. Nach seinem Abitur am Jesuitenkolleg im baden-württembergischen St. Blasien trat er zunächst dem Jesuitenorden bei, den er jedoch nach vier Jahren wieder verließ.

Von 1982 bis 1985 war Geißler Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit im Kabinett von Helmut Kohl. Das Amt des Generalsekretärs der CDU - das sein Bild in der Öffentlichkeit maßgeblich prägte - hatte er von 1977 bis 1989 inne. 1965 war der Vater dreier Kinder zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt worden. Er ist Autor zahlreicher Bücher über moralische und soziale Themen, einige darunter waren Bestseller.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 12. September 2017, 19:33 Uhr


Der Trauer um Heiner Geißler schließe ich mich an. Mit seinem Tod ist die politische Landschaft um einen sympathischen Charakter ärmer. Vermissen werde ich seine fundierte Kompetenz, mit der er die Dinge unerschrocken vortrug.
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Atlantica, 12. September 2017, 20:14 Uhr


Willy Brandt nannte Heiner Geißler "den übelsten Hetzer seit Goebbels". Bei aller Verehrung für Willy Brandt: Geißler war ein sehr großer Geist, Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit. Aber ich denke, mit 87 darf man sein Leben vollendet nennen.
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Alwite, 12. September 2017, 20:44 Uhr


An die Debatten erinnere ich mich deshalb gut: Weil Hans Joachim Kuhlenkampf den Vergleich aufgriff und ungeschickt formulierte, entschuldigte er sich öffentlich im Fernsehen vor laufender Kamera für den Göbbelsvergleich bei Herrn Geisler. Es imponierte mir damals, dass Herr Geisler nicht locker ließ und auf dieser Entschuldigung bestand.
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