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Bürgerstrom im Gegenwind

27. Juli 2016

Der Windkraftbranche macht die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes große Sorgen. Sie befürchtet, dass es den großen Stromunternehmen mit dem EEG gelingt, sie aus dem Markt zu drängen. Wirtschaftsforscher sehen das ähnlich.

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Windräder in Sachsen-Anhalt

Frankfurt a.M. (epd). Seit die Bundesregierung die nächste Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes beschlossen hat, steht Steffi Usbeck unter Strom: Drei Windkraftprojekte der Hamburger Windfang FrauenEnergieGemeinschaft sind damit zum "unkalkulierbaren Totalverlustrisiko" geworden, sagt die Vorstandsfrau. Die Windfang FrauenEnergieGemeinschaft ist eine der bundesweit rund 900 Energiegenossenschaften, die die Energiewende aus Bürgerhand vorantreiben wollen.

Mehrere hunderttausend Euro investiert

Ihr Problem: Nach der vom Bundestag am 8. Juli verabschiedeten EEG-Reform soll es ab 2017 für Ökostrom keinen staatlich festgelegten Garantiepreis mehr geben. Stattdessen wird der Strompreis per Ausschreibung im Wettbewerb ermittelt: Den Zuschlag erhalten jene Stromanbieter, die das preisgünstigste Angebot machen.

Windfang hat bereits "mehrere hunderttausend Euro" Genossinnen-Geld in Planungen und Gutachten für Standorte in Hamburg-Francop investiert. Auch die Windanlagen im Wert von mehr als einer Million Euro gibt es schon. "Auf ihnen würden wir sitzenbleiben, wenn wir die Ausschreibung nicht gewinnen", sagt Usbeck.

"Energiekonzerne können strategisch so bieten, dass sie jede Ausschreibung gewinnen, weil sie Verluste an anderen Stellen auffangen oder auf die Verbraucher umlegen können", erklärt Usbeck. "Wir hingegen müssen eine Vollkostenrechnung machen."

"Vergiftetes Geschenk"

Diese Sorgen haben derzeit viele Bürgerenergie-Initiativen in Deutschland. Eine Ausschreibungspflicht für Windenergie ist für sie nicht tragbar, finden auch deren Verbände. "Auch für kleine Windenergieprojekte müssen vorab mindestens 60.000 Euro investiert werden, die am Ende komplett weg sein können", sagt René Mono, Vorsitzender des bundesweiten Bündnisses für Bürgerenergie. "Für kleine Verbünde kann das die Insolvenz bedeuten." Dieses Risiko werden viele gar nicht erst eingehen, befürchtet er.

Dass das neue Gesetz den Bürgerprojekten gestatten will, früher als die großen Konkurrenten in die Ausschreibung zu gehen, helfe ihnen nicht, finden deren Vertreter. Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy, einer der größten Genossenschaften, sieht darin sogar ein "vergiftetes Geschenk": "Je früher man in die Ausschreibung geht, desto schlechter lassen sich die Strompreise kalkulieren", sagt der Leiter der Energiepolitik. "Im Bieterwettbewerb würde man ihn dann so niedrig wie möglich ansetzen - kommt jedoch später ein teures Problem hinzu, droht die Pleite."

Und für unkalkulierbare Risiken lässt sich kaum Geld bei Bürgern sammeln, sagt Carsten Pfeiffer vom Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE). "Das Gleiche gilt für Bankkredite."

Größere Akzeptanz

Teurer für die Verbraucher wird Bürgerstrom auch ohne den direkten Wettbewerb durch Ausschreibungen nicht, glaubt René Mono. "Die Initiativen orientieren sich ja am Markt und kennen die lokalen Standortbedingungen oft genauer als die wenigen Stromkonzerne. Dadurch sparen sie Kosten - und das wirkt sich auf die Strompreise aus." Außerdem sei die Akzeptanz für die lokal oft umstrittenen Windanlagen viel größer, wenn sie aus Bürgerhand kommen.

Steffi Usbeck in Hamburg hofft, dass ihre drei Anlagen noch vor der Umsetzung des Gesetzes genehmigt werden. Derzeit gibt es allerdings noch Schwierigkeiten bei der Nutzungsgenehmigung öffentlicher Zufahrten. Sie können alles verzögern: "Dann sind die Anlagen hinfällig." Und das würde an die Existenz gehen, sagt Usbeck.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 27. Juli 2016, 10:09 Uhr


Rolle rückwärts also. Das gibt den großen Konzernen und damit der Stromerzeugung aus Kohle wieder Auftrieb. Dazu kommt, daß immer öfter Windanlagen von Bürgerinitiativen blockiert werden, weil es halt nicht schön aussieht, wenn so ein Wirbeldings im Blickfeld ist. Aber egal, der Strom kommt ja aus der Steckdose....

Wir beziehen unseren Strom seit kurzem von unserer Stadt, die ihn mit Wasserkraft der Ruhr gewinnt. Das ist doch mal ein guter Anfang, selbst wenn irgendein grün-lila-kariertes Schneckenpärchen beim Brüten gestört wird!
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