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Beschwingter Luther unter den Narren

24. Februar 2017

Ob Mottowagen, Fastnachtsorden oder Kamelle: 500 Jahre Reformation drücken in diesem Jahr auch dem Karneval ihren Stempel auf. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen die Protestanten mit der "fünften Jahreszeit" auf Kriegsfuß standen.

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Wagenbauer Jacques Tilly mit dem Rosenmontagswagen

Düsseldorf (epd). Augenzwinkernd und mit verschmitztem Lächeln blickt Martin Luther aufs närrische Volk. In der linken Hand hält der überlebensgroße Reformator seine 95 Thesen, in der rechten einen riesigen Hammer, im Mundwinkel hängen zwei schwarze Nägel - das Handwerkszeug, um das Thesenpapier an die Tür der Wittenberger Schlosskirche zu nageln. Dargestellt wird Luther (1483-1546) auf diese Weise auf einem Prunkwagen der evangelischen Kirche im Düsseldorfer Rosenmontagszug, der vom bekanntesten Wagenbau-Künstler in Deutschland, Jacques Tilly, gestaltet wurde.

"Karneval und Rosenmontagszug gehören zum Rheinland wie Martin Luther zur Reformation", sagt der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, der auf dem Wagen mitfährt und Kamelle aufs jecke Volk regnen lässt. "Da liegt es nahe, ganz im Sinne Luthers dem Volk nicht nur aufs Maul, sondern auch aufs Brauchtum zu schauen." Entsprechend mischen die Protestanten im diesjährigen Straßenkarneval kräftig mit und feiern selbstbewusst und zugleich selbstironisch den Beginn der reformatorischen Umwälzungen vor 500 Jahren.

"Vergnügt, erlöst, befreit, evangelisch" steht in Anlehnung an das rheinische Motto zum Reformationsjubiläum auf dem Mottowagen, der mit einer faustdicken Überraschung für die konkurrierenden Karnevalshochburgen Köln und Düsseldorf aufwartet: Der oberste Kölner Protestant, Rolf Domning, fährt im Düsseldorfer Rosenmontagszug mit. "In der Domstadt mit Sitz des Erzbistums hat es nicht geklappt mit dem Luther-Wagen", sagt die Düsseldorfer Superintendentin Henrike Tetz schmunzelnd. "Deshalb geben wir Domning auf unserem Reformationswagen Asyl."

3,40 Meter hoher Styropor-Luther

Auch in anderen Karnevalsumzügen wird Martin Luther mit einem besonderen Wagen bedacht. So hält in Mainz ein 3,40 Meter hoher Styropor-Luther anstelle der 95 Thesen Brötchen, Fleischwurst und Wein in der Hand und wird von einem Posaunenchor begleitet, der eine Fastnachts-Version des Luther-Chorals "Ein feste Burg ist unser Gott" spielt. "Wenn die Leute merken, dass die Evangelischen auch über sich selbst lachen können, dann haben wir schon viel erreicht", sagte der Mainzer Dekan Andreas Klodt.

Auf einem Mottowagen in Braunschweig schneidet Luther mit einer riesigen Schere die Fäden einer Marionette durch, um die Menschen seiner Zeit symbolisch von ihren Ängsten vor dem Tod und dem Ablasshandel zu befreien. Als Kamelle werden ebenso wie in Mainz "Lutherbonbons" geworfen.

Nicht nur am Rosenmontag würdigen Karnevalisten das Reformationsjubiläum. So stellte die Gemeinschaft Erfurter Karneval die ganze Session unter das an Luther angelehnte Motto "Warum lachet und feiert ihr nicht?". In Bad Liebenstein im Wartburgkreis wird ein Mittelalter-Spektakel unter dem deftigen Luther-Zitat "Aus einem trüben Arsch kam noch nie ein fröhlicher Furz" gefeiert.

Die heutige unbeschwerte Verbindung von Karneval und Reformation ist keineswegs selbstverständlich. Jahrhundertelang hätten die Protestanten dem Karnevalstreiben getrotzt, erläutern die evangelischen Theologen Detlev Prößdorf und Harald Schroeter-Wittke: Die Reformatoren setzten auf geistliche Neubesinnung und die Beseitigung von Missständen, kirchliche Fastengebote für die Zeit ab Aschermittwoch wurden als reine Äußerlichkeiten skeptisch beurteilt.

Karnevalsgottesdienste mit gereimter Predigt

Das galt erst recht für ausgelassene Karnevalsfeiern, in denen die Menschen vor der fleischlosen Fastenzeit noch einmal richtig Spaß haben wollten mit ausschweifenden Narrenfesten. "Doch seit einigen Jahren befällt der Virus des rheinischen Frohsinns auch zunehmend die evangelische Existenz", stellen Prößdorf und Schroeter-Wittke in ihrem Buch "Rheinische Karnevalstheologie" fest.

So gibt es in Köln seit 1997 eine protestantische Karnevalssitzung und in einer Reihe von Kirchengemeinden werden an den "tollen Tagen" spezielle Karnevalsgottesdienste gefeiert - mit Verkleidung, Tanz, Sketchen und gereimter Predigt.

Immer wieder aufgegriffen werden im diesjährigen Karneval die berühmten 95 Thesen Luthers. So steht auf einem Karnevalsorden im hessischen Seligenstadt: "Für Luthers Thesen ist es Zeit gewesen. Helau". Auf dem Braunschweiger Motivwagen zu den Reformationsthesen prangen fünf "Thesen der Gegenwart". Eine davon versinnbildlicht das heutige entspannte Verhältnis der Protestanten zum Karneval: "Endlich frei für Narretei."

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