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Belgiens preußisches Erbe

8. September 2016

Der belgische König Philippe ist ein mehrsprachiger Monarch: Flämisch, Französisch und Deutsch sind seine Amtssprachen. Die Sprachenvielfalt in Belgien hat allerdings einen dunklen geschichtlichen Hintergrund.

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Zweisprachige Schilder in Eupen

Eupen (epd). Wichtige Dinge muss König Philippe immer drei Mal sagen. Auf Flämisch, Französisch und Deutsch nimmt der belgische Monarch die Fernsehansprachen zum Nationalfeiertag auf. Im Deutschen macht er zwar kleine Fehler, spricht zum Beispiel von den "Grensen" statt "Grenzen" Europas. Doch insgesamt kommt die Ansprache erfolgreich über Philippes Lippen. Das ist auch gut so: Schließlich ist Deutsch die Muttersprache von Zehntausenden seiner Bürger.

Vom Brüsseler Königspalast bis zu Belgiens Deutschsprachigen sind es gut hundert Kilometer. Das Gebiet der Minderheit - die "Deutschsprachige Gemeinschaft" oder kurz "DG" - liegt im äußersten Ostbelgien. Die "DG" grenzt an Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie die Niederlande und Luxemburg. Dabei ist sie etwas kleiner als Berlin und zählt etwa 77.000 Einwohner. Rund 61.000 sind Belgier und fast 16.000 Ausländer.

Einzelne Orte tragen heimelige Namen wie Bütgenbach und Wiesenbach, Hasenvenn und Igelmondermühle. Berge, Wald- und Moorlandschaften ziehen Wanderer an. Und in der Hauptstadt Eupen beeindrucken Industriedenkmäler wie die Kammgarnwerke von 1907 mit wuchtigen Ziegelsteinwänden und kirchturmhohem Schornstein.

"Die Vergangenheit externalisiert"

Doch die oft malerische "DG" hat eine bittere Geschichte hinter sich, an der das große Nachbarland die Hauptschuld trägt. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten die Landstriche zu Preußen und damit zum Deutschen Kaiserreich. Nach dem Ersten Weltkrieg fielen sie an Belgien. Denn Belgien war von Deutschland überfallen worden und hatte mit am stärksten unter den vier Jahre dauernden Verwüstungen gelitten.

Richtig integrieren konnten sich die ehemaligen Preußen in dem sonst französisch- und flämischsprachigen Königreich zunächst nicht, erklärt der Lütticher Historiker Christoph Brüll. "Der belgische Staat hat es nie hinbekommen zu ändern, dass die Menschen sich als Belgier zweiter Klasse fühlten."

Im Zweiten Weltkrieg griff Deutschland Belgien erneut an und Hitler annektierte das deutschsprachige Gebiet. Nach diesem Krieg war eine Zugehörigkeit zu Deutschland keine Alternative mehr, weiß Geschichtswissenschaftler Brüll. Ähnlich wie bei den Österreichern sei bei Belgiens Deutschsprachigen nun "die Vergangenheit externalisiert" worden: "Das heißt, man bringt sich selbst nicht mehr mit dieser deutschen Vergangenheit in Verbindung. Das ist ein Verdrängungsmechanismus, um eigenen Verwicklungen aus dem Weg zu gehen."

"Man pickt sich das Beste raus"

Erna Kreusch, die in Eupens Fußgängerzone unterwegs ist, hat die schweren Zeiten selbst erlitten. Geboren 1936 in Eupen und damit in Belgien, wurde ihre Heimatstadt mit Hitlers Annexion deutsch - und ihr Vater zur Wehrmacht eingezogen. Als der Krieg verloren war, revanchierten sich wiederum die Belgier. "Mein Vater musste Soldat werden - deutscher Soldat - er kam zurück und wurde verprügelt von belgischen Gendarmen." Heute aber ist Erna Kreusch mit der Situation zufrieden: "Ich bin gern Belgierin."

Pragmatisch sieht die zwei Generationen jüngere Larissa Allmanns das Verhältnis zum ehemaligen Feind. An Deutschland möge sie zum Beispiel die größere Auswahl an Bioprodukten, meint die 20-Jährige aus Eynatten, das nur einen Katzensprung von Aachen entfernt liegt. Es sei "cool" an der Grenze: "Man pickt sich das Beste raus."

Innerhalb Belgiens stehen die Deutschsprachigen meist im Schatten von Flamen und Frankophonen. Unterschätzen sollte man sie aber nicht. Denn zusammen mit den beiden großen Sprachgruppen hat die "DG" vom belgischen Zentralstaat inzwischen viel politische Macht übernommen.

Spezielle Wörter

Heute darf sie sogar über die EU-Verträge und internationale Handelspakte mitbestimmen. "Wenn der Lissabon-Vertrag oder jetzt TTIP oder Ceta nach belgischem Verständnis als gemischte Verträge angesehen werden - das heißt als Verträge, die sowohl die Bundes- als auch die Landeskompetenzen tangieren - dann müssen alle Gliedstaaten zustimmen", erläutert "DG"-Parlamentspräsident Karl-Heinz Lambertz.

Auch ein hochkarätiger Gipfel steht an. Heute werden unter anderen Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein und Bundespräsident Joachim Gauck in Eupen erwartet: zu einem informellen Gipfeltreffen der Staatschefs der deutschsprachigen Staaten.

Dass die deutsche Sprache in Belgien nicht gleichbedeutend mit der in Deutschland ist, lernt man in der "DG" auch an den speziellen, weil eingedeutschten französischen Wörtern. Zum Beispiel kann man sich hier "hospitalisieren", also im Krankenhaus behandeln, lassen. Und wenn jemand in Belgiens Deutschsprachiger Gemeinschaft "den Wagen in die Garage" fährt, dauert das schon mal eine halbe Stunde oder länger. Das liegt nicht an fehlenden Fahrkünsten. Vielmehr bezeichnet "Garage" hier wie im Französischen auch die "Werkstatt".

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 10. September 2016, 15:50 Uhr


Besonders an der halb fertigen Autobahn "A60" ( Mainz Wittlich -Bitburg - St.-Vith - Eupen ) sieht man auf belgischer Autobahn Seite oft zweisprachige Schilder (deutsch /franz.) wobei seit mehr als 35 Jahren deutsch/belg. Nationalisten alles franz. Sprachige schnell durchstreichen und mit Farbe besprühen. Auch das ist leider nationalistisches Europa !
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