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Lagezentrum des ehemaligen Regierungsbunkers der Landesregierung von Rheinland-Pfalz in Alzey
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Acht Tage lang den Weltuntergang verwalten

3. Februar 2017

Bis zur deutschen Wiedervereinigung wurde in geheimen Regierungsbunkern regelmäßig der Ausbruch eines dritten Weltkriegs simuliert. Behörden lernten, noch 30 Tage lang ein verwüstetes Land zu regieren. Zeitzeugen aus Rheinland-Pfalz erinnern sich.

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Lagezentrum des ehemaligen Regierungsbunkers der Landesregierung von Rheinland-Pfalz in Alzey

Alzey/Kaiserslautern (epd). Die meisten Einwohner von Speyer wären wohl zu Hause in ihren Betten überrascht worden, wenn im Oktober 1962 früh morgens tatsächlich eine 80-Kilotonnen-Atombombe über dem Rhein explodiert wäre. Die Druckwelle der gigantischen "Atomsprengkörperdetonation Nr. 213" hätte - so das Szenario der Simulation - sofort bis zu 40.000 Menschen getötet. Die Folge: In einem Bunker südlich von Mainz musste eine Handvoll Beamter entscheiden, ob es noch Sinn macht, Rettungskräfte zu den verstrahlten Überlebenden zu schicken. Was nach absurder Horrorgeschichte klingt, war in den Jahren des Kalten Kriegs für etliche Bedienstete der rheinland-pfälzischen Landesregierung alles andere als Spaß. Regelmäßig bereiteten sie sich von einem geheimen Not-Regierungssitz aus auf einen dritten Weltkrieg vor.

Klaus Westrich aus Kaiserslautern, ehemals zuständig für den Brand- und Katastrophenschutz im Mainzer Innenministerium, hat viele Übungen im sogenannten Ausweichregierungssitz Rheinland-Pfalz in der Kreisstadt Alzey miterlebt. Wenn er für acht Tage im Regierungsbunker verschwand, sagte er nicht einmal seiner Frau, wohin er ging. "Wie im Liegewagen" seien die Beamten in den Bunkerräumen untergebracht gewesen. "Es war sehr eng und sehr warm", erinnert sich der 75-Jährige. So warm, dass oft die Bunkertür aufgestanden habe, was im echten Kriegsfall sicher weniger klug gewesen wäre.

Gigantische Stollenanlage

Die Anlage war unter einer Schulsporthalle in der Kreisstadt Alzey versteckt und hätte im Kriegsfall dafür sorgen sollen, dass die Landesbehörden noch 30 Tage lang handlungsfähig blieben. In den Jahrzehnten der Blockkonfrontation waren alle westdeutschen Bundesländer angewiesen worden, derartige Schutzräume für die politische Führung einzurichten. Und im rheinland-pfälzischen Ahrtal entstand eine gigantische Stollenanlage für die Bonner Bundesbehörden - angeblich das teuerste Bauwerk in der Geschichte der Bundesrepublik.

In Alzey waren ab 1979 Arbeits- und Schlafplätze für Ministerpräsidenten, Landesregierung und einige Abgeordnete, Ministeriumsreferenten und Schreibkräfte vorgesehen. "Ein Mensch, der sich von den 24 Stunden des Tages 16 Stunden im Schutzraum aufhält, hat gegenüber einem anderen, der dies nicht kann, eine 70 Prozent erhöhte Überlebensaussicht", hatte das Bundesinnenministerium schon in den 1960er Jahren errechnen lassen.

Je länger die Übung gedauert habe, umso mehr sei in den fensterlosen unterirdischen Räumen der Zeitbegriff verloren gegangen, berichtet Westrich: "Man wusste nicht mehr, ist es Tag oder Nacht?" Während der Dienstschichten ging es dann beispielsweise darum zu klären, welche Straßen noch passierbar waren und welche Krisenmeldungen für welche Behörde wichtig waren: "Die Situation als solche wurde ernstgenommen und sehr ernst durchgespielt."

Bei den Übungen, die Ministerialrat Westrich selbst miterlebte, sei weniger die Reaktion auf einen umfassenden Atomschlag, sondern eher konventioneller Krieg geübt worden: "Da wurde mehr oder weniger der Zweite Weltkrieg nachgespielt. Es waren zumindest noch Maßnahmen möglich."

Von "Schadenslage" sei damals im Bunker gesprochen worden, weil man das Wort "Weltkrieg" wohl scheute. Wirkliche Diskussionen habe es in der Bunker-Besatzung selten gegeben, gelegentlich habe die Bundeswehr verfügt, dass geplante Rettungs- und Löscharbeiten in einem bestimmten Stadtteil gerade nicht so wichtig wären.

Planungen fehlten

"Den meisten Ärger hatten wir mit der Post", erzählt der Fernmeldetechniker Walter Gerlich, der für die Technik im Regierungsbunker verantwortlich war. Deren Leitungen seien selbst in Friedenszeiten häufiger gestört gewesen. Die eigene Bunkertechnik, allen voran die ohne Pause vor sich her ratternden Fernschreiber, mussten stets einsatzfähig bleiben. So wollte man mit staatlichen Behörden im Austausch bleiben.

Die regelmäßigen Übungen in den Bunkern hatten immer auch das Ziel, die Kommunikation zwischen den Ländern im Kriegsfall zu proben. Kollegen aus Bayern hätten damals jeden Abend zum Abschluss die Bayernhymne an die Bunker-Kollegen im Rest der Republik gefunkt, erinnert sich Klaus Westrich: "Gott mit dir, du Land der Bayern."

Dass es tatsächlich einmal ernst werden könnte, habe er selbst nicht geglaubt, sagt der Rentner, der als Kind noch die Luftangriffe auf seine Heimatstadt Kaiserslautern miterlebte. Nachts beim Brummen der Belüftungsanlage im Bunker fühlte er sich an die Geräusche der Bomberstaffeln erinnert. Jedenfalls habe er sich immer ein wenig gewundert, wenn er nach dem Ende der Übung draußen auf der Straße normales Alltagsleben statt einer Trümmerwüste erblickte.

Mittlerweile gibt es Zweifel daran, dass die millionenteuren Bunker den Regierenden im Kriegsfall tatsächlich den erhofften Schutz geboten hätten. Für den Tag 31 nach Beginn eines nuklearen Weltuntergangs, wenn die Ressourcen des Regierungsbunkers erschöpft gewesen wären, fehlten sowieso jegliche Planungen, erzählt Jörg Diester, Koordinator der deutschen Bunker-Dokumentationsstätten. Die Ausweichsitze der Landesregierungen wurden dennoch erst nach der deutschen Einheit offiziell stillgelegt. In Alzey sind mittlerweile einmal jährlich sogar Führungen in der Anlage möglich.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 3. Februar 2017, 9:47 Uhr


Ich war mal mit einer Gruppe in dem Bunker in Ilbenstadt, wo die Stadtoberen von Frankfurt den 3. Weltkrieg überleben sollten. Es war gruselig. Vor allem die naiven Vorstellungen über die Dauer des möglichen Aufenthalts dort und die Verhältnisse, die man "draußen" vorgefunden hätte. Ich habe den Eindruck gewonnen, die wußten damals wirklich nicht, was ein Atomkrieg bewirkt hätte...

https://www.welt.de/kultur/history/article108972610/Der-Atombunker-fuer-die-Stadtoberen-Frankfurts.html

Matthäus53, 3. Februar 2017, 16:46 Uhr


In der Stadt Trier gibt es noch 3-4 sogenannte Hochbunker (ca.15-20m hoch) die im II.Weltkrieg eine gewisse Überlebenschance boten. Auch gibt es in Trier ein mehrstöckiges unterirdisches Parkhaus welches als unterirdisch. Atombunker genutzt werden kann.Davon ausgehend, daß hier in der Nähe (50Km) das AKW Cattenom vor sich hin brubbelt könnte die Bunkernlage vielleicht mal für einen solchen Katastrophen-Fall notwendig sein! Nur wer darf dann beim Schadenseintritt hinein ? Zuerst die Stadtoberen, dann Frauen und Kinder ,.......und dann geht das Gedrängel los!
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Schallblech, 4. Februar 2017, 7:48 Uhr


Das Gedrängel ginge schon vorher los. Respekt und Disziplin funktionieren ja nicht mal mehr auf See. Schon vergessen wie sich der Kapitän der Concordia zuerst ins Rettungsboot gedrängelt hat?
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