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Diakon Herbert Wiesner am Mittellandkanal in Minden. Der 63-Jährige war der letzte Schifferpastor in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Er geht nun in den Ruhestand. Foto: epd

Schifferdiakon geht von Bord

Seelsorge

Von Thomas Krüger | 25. Januar 2018

Mit Herbert Wiesner tritt der letzte Binnenschifferseelsorger in Westfalen in den Ruhestand. Der Diakon bleibt mit seiner Frau in Minden – es sind viele Beziehungen gewachsen

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Diakon Herbert Wiesner am Mittellandkanal in Minden. Der 63-Jährige war der letzte Schifferpastor in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Er geht nun in den Ruhestand. Foto: epd

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Zum Jahreswechsel endete mit dem Eintritt von Diakon Herbert Wiesner in den Ruhestand die fast 100-jährige Tradition der Binnenschiffermission in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 1990 hatte der Seelsorger in Minden die Schiffergemeinde am Wasserstraßenkreuz von Mittellandkanal und Weser geleitet.
„Nachdem ich die Arbeit mit den Binnenschiffern angefangen hatte, wollte ich nie mehr was anderes machen“, sagt Herbert Wiesner. Dabei schlug das Herz des Diakons eigentlich für die Jugendarbeit. 1954 in Nordhorn geboren, wuchs Wiesner nach dem Verlust seiner Eltern bei einer älteren Schwester in Münster auf, lernte Industriekaufmann. Schwerer als die Aussicht auf einen sicheren Job in der Wirtschaft wog für den jungen Mann sein Engagement in der evangelischen Jugend: „Das wollte ich gerne auch beruflich machen.“

Wiesner bewarb sich bei der Diakonenanstalt Nazareth in Bethel, studierte dort Theologie und Sozialpädagogik. Nach sieben Jahren Jugendarbeit im rheinischen Neuss zog es Wiesner nach Ostwestfalen zurück. Die westfälische Landeskirche suchte damals gerade einen Binnenschifferdiakon. Nach dem ersten Eindruck von Minden im grauen November sei er zwar erstmal skeptisch gewesen, räumt Wiesner ein. Doch Gespräche mit seinem Amtsvorgänger Artur Schwentikowski und ein Bordbesuch überzeugten ihn.

Am 1. April 1990 trat Wiesner seinen Dienst am Wasserstraßenkreuz an. Das Angebot der Binnenschiffergemeinde baute er aus, rief zusätzlich zu den Gottesdiensten eine Männerarbeit, Frauennachmittage und einen Kreativkreis ins Leben, gründete einen Shantychor. In der Arbeit unterstützt ihn bis heute seine Ehefrau Heidrun.

Über 600 Menschen zählten sich zur Mindener Schiffergemeinde – damit galt sie als die größte in Deutschland. 40 bis 50 Besucher kamen zweimal monatlich zum Gottesdienst in die kleine Binnenschifferkirche. Richtig voll wurde es in Haus und Garten bei den legendären Sommerfesten – Hunderte feierten unter den schattigen Bäumen.

Seine Arbeit beschreibt Wiesner als Mischung aus Verkündigung, Sozialarbeit, Diakonie und Seelsorge. „Das Schwerste für die Binnenschiffer ist die soziale Isolation“, sagt der Diakon. An Bord seien die Schiffer-Ehepaare immer nur zu zweit. „Da entsteht großer Redebedarf, wenn Besuch kommt.“ Mit Fahrrad und Auto machte sich Wiesner auf den Weg zu Besuchen und Gesprächen auf den Schiffen. „Man muss sehr gut und lange zuhören können“, nennt Wiesner als wohl wichtigste Eigenschaft eines Schifferpastors.

Früher brachte der Diakon auch mal Einkäufe mit oder setzte am Wochenende Kinder der Binnenschiffer in den Zug zu den Eltern. Inzwischen haben die Schiffer ihr Auto an Bord und können viel selbst erledigen. Geblieben sind ihre wirtschaftlichen Sorgen. „Immer mehr Fahrten müssen sie unternehmen, um über die Runden zu kommen“, erzählt der Schifferpastor. Auch die billigere Konkurrenz etwa aus Osteuropa mache vielen heimischen Fahrensleuten zu schaffen, so Wiesner. Zugleich legt er Wert darauf, dass er auch die Menschen auf polnischen oder tschechischen Schiffen besucht.

Das Durchschnittsalter der noch aktiven Binnenschiffer liege bei 57 Jahren, berichtet der Seelsorger. Mehr als zwei Drittel der Menschen in der Mindener Gemeinde seien im Ruhestand. So musste Wiesner so manche Beerdigung halten. Umso mehr freute er sich, mittlerweile Kinder von ehemaligen Konfirmanden taufen zu können.
Im Albert-Schweitzer-Haus, dem nächstgelegenen evangelischen Gemeindehaus, übernimmt Wiesner gelegentlich Predigtdienste – das will er auch im Ruhestand fortsetzen. Die Wiesners bleiben in Minden wohnen, zumal zu den Schiffern viele persönliche Bindungen gewachsen sind. Wenn der Treffpunkt am Wasserstraßenkreuz nun wegfällt, könnten viele Mindener Binnenschiffer „kirchlich unterversorgt“ bleiben, befürchtet Wiesner. Nur wenige von ihnen würden ihre Kirchengemeinden am Wohnort aufsuchen.

Auch bundesweit sieht der Diakon die Binnenschiffermission „allmählich austrocknen“. Weil inzwischen nur noch wenig Stellen übrig sind, hat sich der 1922 gegründete Verband im vergangenen September aufgelöst.

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