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Berufen? Ich? Wieso das denn? Manchmal denken wir, dass es ganz besondere Helden sein müssen, die Gottes Geschichte vorantreiben. Aber die Bibel erzählt andere Geschichten: Berufen werden Versager, Ungebildete, Ausgestoßene, Schwächlinge. Eben Menschen wie du und ich. Daran erinnert Paulus im Predigttext, und er betont: Genauso will es Gott in seiner Weisheit. Darin liegt unsere Würde und unsere Kraft. Foto: lightpoet

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Ganz normale Leute

Andacht

7. Januar 2018

Über den Predigttext zum 1. Sonntag nach Epiphanias: 1. Korinther 1, 26-31

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Berufen? Ich? Wieso das denn? Manchmal denken wir, dass es ganz besondere Helden sein müssen, die Gottes Geschichte vorantreiben. Aber die Bibel erzählt andere Geschichten: Berufen werden Versager, Ungebildete, Ausgestoßene, Schwächlinge. Eben Menschen wie du und ich. Daran erinnert Paulus im Predigttext, und er betont: Genauso will es Gott in seiner Weisheit. Darin liegt unsere Würde und unsere Kraft. Foto: lightpoet
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Ingrid Behrendt-Fuchs (58) ist Pfarrerin und Leiterin der Telefonseelsorge Dortmund

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Predigttext
26 Seht doch eure Berufung an, Geschwister: Es sind nämlich nicht viele Weise von ihrer Herkunft her, nicht viele Mächtige, nicht viele aus den Elitefamilien unter euch. 27 Vielmehr hat Gott die Ungebildeten der Welt erwählt, um die Weisen zu beschämen; und die Schwachen der Welt hat Gott erwählt, um die Starken zu beschämen. 28 Und die Geringen und die Verachteten der Welt hat Gott erwählt, die nichts gelten, um denen, die etwas sind, die Macht zu nehmen. 29 Das geschieht, damit sich kein Mensch aufgrund von Wohlstand und Erfolg von Gott unabhängig wähnt, 30 denn durch Gott seid ihr mit dem Messias Jesus verbunden, der uns von Gott her zur Weisheit geworden ist, und zur Gerechtigkeit und Heiligung und Befreiung. 31 So geschieht, was geschrieben steht: Wer groß sein will, preise die Größe des Ewigen.
Bibel in gerechter Sprache

Seht eure Berufung an, Geschwister…“, so beginnt Paulus seine klugen Worte an die Menschen seiner Zeit, und – über die Jahrtausende hinweg – auch an uns.
Schaut, was Gott mit euch vorhat, zu welchem Leben ihr bestimmt seid.
Bedeutende Worte sind das – auch ein bisschen beängstigende Worte. Berufen sein, das klingt nach Größe und Verantwortung, das hört sich nach viel Arbeit und Disziplin an, manchmal auch nach Humorlosigkeit und strenger Pflichterfüllung.

Der Komiker Otto Waalkes hat eine ganz andere, sehr humorvolle Berufungsgeschichte erzählt, über den Heiligen Hein:
„Ich beginne mit der Legende von Heins Berufung. In seiner Jugend nämlich war Hein ein ganz gemeiner Schlickrutscher. Und als er eben mal wieder ganz tierisch schnell über den Schlick rutschte, da ertönte plötzlich eine Stimme von oben, die also sprach: „Hein, Hein, du bist berufen“ – „Häh?“ – Hein, du bist berufen – „Was ist das?“ – „Ach, Hein – du bist behämmert.“

„Da geschah es“, erzählt Otto, „dass die Stimme ein zweites Mal zu ihm sprach: „Hein, würdest du dir auch zutrauen, dem Volk eine Predigt zu halten?“ – „ICH!? Aber immer!“ Und Hein ging und predigte dem Volke.“
Und er wurde immer heiliger.

Was Otto da auf seine unnachahmliche Weise singt, löst in mir immer zwei Gefühle aus: Heiterkeit über die unverschämte Art, eine göttliche Berufung zu erzählen. Und gleichzeitig eine kleine moralische Entrüstung über diese Unverschämtheit. So kann man doch mit der Stimme Gottes nicht spielen!

Oder doch? Sagt Paulus zweitausend Jahre vor unserer Zeit eigentlich nicht Ähnliches, nur auf eine andere, ruhige, besonnene Weise?
Er schreibt es den zerstrittenen, unruhigen Menschen in Korinth, die den richtigen Weg zu Gott suchen und dabei ständig aneinandergerieten. Die Eliten mit den Arbeitern, die Reichen mit den Armen, die Männer mit den Frauen und immer auch umgekehrt.

Sie streiten um das richtige Essen, um die richtige Art, von Gott zu reden, um die Rolle der Frauen in den Gemeinden.
Und dabei sind sie uns, über die Jahrtausende hinweg, sehr ähnlich. Bei näherer Betrachtung erschreckt es ein bisschen, wie sehr ihre Streitereien unseren kleinlichen Konflikten in unseren Familien, Gemeinden und Gemeinschaften ähneln.
So, als hätten wir in der Menschheitsgeschichte nichts gelernt aus den Fehlern der vorherigen Generationen.
So, als hätten wir nichts begriffen von der Güte Gottes, die nach anderen Regeln spielt, als wir dies oft tun.

Denn bei Gott geschieht es so, wie Otto, der Komiker, es irgendwie auf seine Weise begreift: Bei Gott werden ganz andere Menschen berufen, als wir das für möglich halten:

Ungebildete? Wie soll das denn gehen?? Es gibt doch so viele Aufgaben in unseren Gemeinschaften, die Bildung und Intelligenz erfordern!
Verachtete?? Das wird ja immer bunter und unbegreiflicher. Welche Gemeindeglieder wählen denn Menschen, die keine Anerkennung erhalten, in ein Presbyterium?
Das ist doch ganz undenkbar. Im wirklichen Leben spielen die Starken und Gebildeten und Reichen die Hauptrolle im Spiel der Mächte.
Das ist unsere Erfahrung. Ein Hein Blöd kann im echten Leben nichts werden. Das geht nur auf der Bühne mit einem Komiker.

Und doch: Jede und jeder kennt eine Geschichte, wo ein Schwacher durch Mut Großes bewirkt hat; ein Ungebildeter durch Herzensgüte Dunkelheit vertrieben hat; ein Verachteter durch seinen klaren Blick Würde geschaffen hat; ein Armer durch Hilfsbereitschaft Reichtum ausgestrahlt hat.

Jeder von uns weiß um die verborgenen Kräfte, die man erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt. Unsere Erfahrungen lassen uns wissen:
Gottes Weisheit spielt in einer anderen Liga, als die Wichtigtuer dieser Welt.

Gebet: Gott, du führst uns in deine ganz eigene, göttliche Weisheit. Du blickst mit anderen Augen auf uns Menschen. Bei dir gelten andere Maßstäbe, die zur Freiheit führen. Unbegreiflich, wunderbar ist diese Erkenntnis. Schenke uns die Bereitschaft, unsere Herzen für deine Gerechtigkeit zu öffnen. Amen.

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