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Im böhmischen Elbtal in Tschechien erheben sich entlang eines Waldweges dutzende biblische Figuren– meisterhaft in Sandsteine gemeißelt. Hier ein Ausschnitt aus dem Zug der Heiligen Drei Könige, dazu die Hirten, die sich an der Krippe verbeugen. Foto: epd

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Eine Galerie mitten im Wald

Denkmalschutz

Von Kilian Kirchgeßner | 27. Dezember 2017

Im böhmischen Elbtal soll das „Bethlehem von Kuks“ aus dem Dornröschenschlaf erwachen: verwunschene Riesenskulpturen im Fels. Vor rund 300 Jahren hat sie ein Künstler geschaffen

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Im böhmischen Elbtal in Tschechien erheben sich entlang eines Waldweges dutzende biblische Figuren– meisterhaft in Sandsteine gemeißelt. Hier ein Ausschnitt aus dem Zug der Heiligen Drei Könige, dazu die Hirten, die sich an der Krippe verbeugen. Foto: epd

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Seit drei Jahrhunderten schon kauert der Heilige auf dem Waldboden, den Blick in Richtung Himmel gewandt. Das bärtige Gesicht ist von den Stürmen der Jahre verwittert, rings um Johannes den Täufer erheben sich Birken. „Ist das nicht verrückt?“, fragt Libor Svec und zeigt auf die Figur aus Sandstein: „Das ist so, als hätte Michelangelo mitten im Wald eine Galerie angelegt.“

Libor Svec ist Denkmalschützer, ein zupackender Mann in Fleecejacke, und verantwortlich für eines der ungewöhnlichsten Monumente in Tschechien: Im böhmischen Elbtal sind entlang eines Waldweges dutzende biblische Figuren zu sehen, meisterhaft gemeißelt in die Sandsteine, die sich aus dem Boden erheben. Matthias Braun (1684-1738) hat den Skulpturengarten zu Beginn des 18. Jahrhunderts angelegt – ein gefeierter böhmischer Barockbildhauer.

Sein imposantestes Werk ist in einen Felsvorsprung gemeißelt, meterhoch aufsteigend: Den Zug der drei heiligen Könige hat er darauf dargestellt, dazu die Hirten, die sich an der Krippe verbeugen – ein Wunderwerk mit dutzenden Figuren, gesäumt von Birken und Fichten. „Braun‘sches Bethlehem“ wird das Ensemble genannt.„Schon als die Skulpturen entstanden, wurden sie angestaunt“, sagt Libor Svec.

Auf ihn wartet hier im Wald eine große Herausforderung: Bevor die Witterung die Sandstein-Skulpturen endgültig verwäscht, will er sie retten. Libor Svec hat mit Rettungsaktionen seine Erfahrung. Ein paar Kilometer entfernt ist ihm eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte des Denkmalschutzes gelungen: Das Hospital Kuks, eine gewaltige barocke Anlage, die zeitgleich mit der Skulpturengalerie im Wald entstand, verwandelte er in nur zwei Jahren vom verfallenden Juwel in einen Besuchermagneten.
Die Renovierung wurde mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet; der höchsten Denkmalschutz-Auszeichnung, die es in Europa gibt. „Seitdem“, sagt Libor Svec, „laufen uns die Besucher hier die Türen ein“.
Das Hospital Kuks geht zurück auf eine Idee des Grafen Franz Anton von Sporck – er stammt aus einem westfälischen Adelsgeschlecht und sammelte Meriten in der Armee der österreichisch-ungarischen Kaiser. Kuks war eine seiner Liegenschaften im idyllischen Elbtal etwa anderthalb Stunden östlich von Prag. Hier richtete er ein Hospital für alte Soldaten ein, die bis zum Ende ihres Lebens gepflegt wurden. Zu der Anlage gehören auch ein Kloster, die zweitgrößte Barockapotheke im heutigen Tschechien und ein Heilkräutergarten gewaltigen Ausmaßes.
„Hier in Kuks kann man in der Architektur erkennen, wie die Menschen in der Barockzeit gedacht haben“, erklärt Libor Svec. Die Gebäude orientieren sich entlang einer Achse – auf der einen Elbseite stand früher das inzwischen abgebrannte Schloss, um das sich ein Kurbetrieb entwickelte. „Das war das Symbol für die Freuden des Lebens“, erklärt Svec. Über eine kleine Elbbrücke hinweg geht es zum Hospital, dem Symbol des Alters und Siechtums. Und dann, am Ende der Achse, findet sich ein Friedhof. Der drohende Tod war im Denken des Barock allgegenwärtig.

Graf Sporck ließ die Anlage überreich verzieren mit Statuen von Matthias Braun. „Als ich die Anlage vor 15 Jahren übernommen habe, mussten wir erstmal stückweise renovieren, für mehr gab es kein Geld“, erinnert sich Libor Svec: „Was fehlte, war eine Vision, wie sich so ein Haus im 21. Jahrhundert sinnvoll nutzen lässt.“
Europäische Fördermittel in Höhe von 16 Millionen Euro gaben den Startschuss für die grundlegende Sanierung. Heute nutzt die pharmazeutische Fakultät einer Universität die alte Barockapotheke und einen Übernachtungsflügel, es gibt Konzerte, Sportveranstaltungen, Festivals. Von 40 000 Besuchern pro Jahr vor der Renovierung schnellte die Zahl auf 140 000 hinauf.

Wenn es nach den Denkmalschützern geht, werden auch die barocken Figuren im Wald bald wieder nach historischem Vorbild aufleben. „Graf Sporck ließ sie errichten, damit die Kurgäste dorthin Ausflüge unternehmen können“, erzählt Svec, „je nach Konstitution zu Fuß, per Pferd oder mit der Kutsche“. Nach einer Renovierung soll der Besuch in der Freiluft-Galerie für die Gäste von heute wieder genauso selbstverständlich werden wie vor 300 Jahren.

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