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Endlich: eine neue Wohnung. Jetzt wird alles besser. Sauberer. Aufgeräumter... Soweit die guten Vorsätze. Aber schon nach wenigen Wochen zeigt sich: Veränderungen funktionieren nicht von selbst. Man muss viel Arbeit hineinstecken, muss sich immer wieder aufraffen, ausprobieren, reden. Diese Erfahrung macht auch das Volk Israel bei seiner Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Das führt zu Diskussionen mit Gott – siehe Andacht. Foto: SolisImages

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Neuanfang macht Arbeit

Andacht

10. Dezember 2017

Über den Predigttext zum 2. Sonntag im Advent: Jesaja 63, 15-64, 3

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Endlich: eine neue Wohnung. Jetzt wird alles besser. Sauberer. Aufgeräumter... Soweit die guten Vorsätze. Aber schon nach wenigen Wochen zeigt sich: Veränderungen funktionieren nicht von selbst. Man muss viel Arbeit hineinstecken, muss sich immer wieder aufraffen, ausprobieren, reden. Diese Erfahrung macht auch das Volk Israel bei seiner Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Das führt zu Diskussionen mit Gott – siehe Andacht. Foto: SolisImages
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Pfarrer Dr. Titus Reinmuth (52) ist stellvertretender Evangelischer Rundfunkbeauftragter beim WDR in Düsseldorf. Foto: Heiko Kantar

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Predigttext
63, 15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. 17 Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 64, 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! 3 Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Wir müssen reden“ – so sagt man, wenn es ernst ist. Wenn man etwas wirklich Wichtiges zu besprechen hat. So geht es dem Volk Israel mit seinem Gott. In der Beziehung stimmt etwas nicht. Da sind zwei einander fremd geworden. Sind längst nicht mehr heimisch in der eigenen Geschichte, die doch am Anfang so stark war.
Das Volk klagt es Gott: Schau uns an, wo ist dein Eifer, deine Macht, deine Barmherzigkeit? Soll heißen: Wo ist deine Liebe, die wir früher erlebt haben? Der sogenannte dritte Jesaja formuliert hier einen Klagepsalm des Volkes. Diese Klage ist ein einziges Dokument der Entfremdung. Nicht nur Gott hat sein Volk eine Zeit lang verlassen, auch die Menschen haben sich von ihm entfernt. Eine Paartherapeutin hätte ihre Freude: Das Volk macht Gott Vorwürfe, um von eigenen Fehlern abzulenken: „Wie konntest du zulassen, dass wir...?“ Da ist wohl einiges schiefgelaufen. Ob die beiden noch einmal zueinander finden?
Der dritte Jesaja schreibt in einer Zeit der Ernüchterung. Mehr als vierzig Jahre waren die führenden Kreise aus Juda und Jerusalem im babylonischen Exil gewesen. Jetzt können sie zurückkehren.

Doch da sind nur Trümmer und der Neuanfang ist mühsam. Dazu kommen Konflikte mit denen, die im Land geblieben waren. Wem gehört welches Land? Braucht es soziale Reformen? Soll der Tempel wirklich wieder aufgebaut werden?
Neu anfangen macht Arbeit. Dass Gott sich seinem Volk wieder zuwendet, hatten sich viele anders vorgestellt. So wie früher: mit Eifer, Macht und Barmherzigkeit. Immerhin: „Du bist doch unser Vater“ und „komm doch zurück“, klagen die Menschen, es scheint noch eine Basis zu geben, auf die sie sich berufen können. Es klingt wie ein Rechtsanspruch: Ganz im Stich lassen kann er uns doch nicht!
Wer heute auf die Welt schaut, kann auch ernüchtert sein und fragen: Wo bist du, Gott? Warum schweigst du? Krieg und Hunger im Jemen, Flüchtlingslager vor der eigenen Haustür in Griechenland und Italien. Unhaltbare Zustände, menschenunwürdige Verhältnisse an so vielen Orten. Oh Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf! Andere schauen auf die Trümmer ihres eigenen Lebens und klagen: Konnte ich mich nicht anders verhalten? Musste das in die Brüche gehen? Und wer glaubt, fragt dann womöglich auch: Siehst du mich noch an, Gott?

Advent ist eine Zeit der Buße. Die vorweihnachtliche Glitzerwelt scheint davon nichts zu wissen. Aber so ist es gemeint: gut drei Wochen lang innere Einkehr, Besinnung, Orientierung. Mit offenen Augen auf das Elend der Welt sehen und auf die Brüche des eigenen Lebens. Sich klar werden, Fragen stellen, innerlich aufräumen. Warten und sich vorbereiten, bis Gott zur Welt kommt.

„Wir müssen reden, Gott.“ Stimmt. Aber das können wir ja. Wenn wir beten, wenn wir mit Gott ringen und zu ihm klagen. Auch wenn wir singen im Advent. So könnten wir tatsächlich wieder zueinander finden, uns an die Kraft des Anfangs erinnern. Die Paartherapeutin hätte vielleicht noch einen weiteren Tipp: nicht nur reden, sondern auch wieder etwas zusammen erleben – in einem Gottesdienst etwa oder einem Adventskonzert. Denn Gott ist ja da. Er ist seinem Volk treu geblieben und er ist auch uns Christinnen und Christen treu. „Ich bin bei euch“, sagt er. Diese Antwort gilt – auch wenn es noch viel zu besprechen gibt.

Gebet: Schau uns an, Gott. Du weißt, wie es um uns steht. Du bist da, wenn wir ratlos sind. Du hörst zu, wenn wir Fragen haben. Du nimmst uns bei der Hand, wenn wir uns verrannt haben. Auf dich, Gott, können wir uns jederzeit verlassen, weil du uns nicht verlässt. Amen.

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