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Die kleine Flamme einer Kerze trotzt der Dunkelheit, tröstet und hält die Sehnsucht wach nach Gottes Reich. Foto: TSEW

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Das Leuchten der Ewigkeit

Ewigkeitssonntag

Aus der Printausgabe - UK 48 / 2017

Von Anke von Legat | 26. November 2017

Zeit ist eine zweischneidige Sache: Sie macht menschliches Erleben erst möglich – und begrenzt es zugleich durch ihre Vergänglichkeit. Wie gut, dass Gott mehr verheißt

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Die kleine Flamme einer Kerze trotzt der Dunkelheit, tröstet und hält die Sehnsucht wach nach Gottes Reich. Foto: TSEW

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Jetzt leuchten sie wieder auf den Friedhöfen, die roten Grablichter. Die kleinen Flammen haben etwas Trotziges angesichts der früh hereinbrechenden Novemberdämmerung: Seht her. Wir leuchten inmitten von Tod und Traurigkeit und halten die Ahnung wach von Wärme, Licht und Leben. Und auch wenn die kleinen Lichter geradezu rührend hilflos wirken angesichts der großen Dunkelheit rundherum, tut ihr Anblick doch oft gut. Weil Vergänglichkeit und Tod eben doch nicht alles sind im Leben. Weil es mehr gibt als Zeit: Ewigkeit.

Sicher – zunächst ist das, was wir haben, die Zeit. Sie schafft überhaupt erst die Möglichkeit, dass wir unser Leben auf dieser Erde mit Erlebtem füllen. Mit Schönem und Schwerem, Glück und Trauer, Liebe und Hass. Gleichzeitig ist dieser Segen der Zeit auch ihr Fluch. Unerbittlich vergeht sie. Nimmt alles mit sich, Gelingendes und Gescheitertes, Schönes und Schweres. Anhalten lässt sie sich nicht, so sehr wir es uns auch manchmal wünschen.

Während sie voranschreitet, verändert sich das Leben. Was heranwuchs, vergeht. Was leuchtete, verlischt. Was lebte, stirbt. Gleichzeitig entsteht wieder Neues, Lebendiges, Leuchtendes – aber aufs Ganze gesehen lauert eben doch hinter jedem erfüllten Moment die Vergänglichkeit. Eine deprimierende Perspektive, könnte man meinen. Wie damit umgehen? Wie überhaupt damit leben?

„Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine“ – diese Strophe eines Kirchenlieds der westfälischen Dichterin Marie Schmalenbach öffnet einen anderen Blick auf die Vergänglichkeit: Wir leben im Licht der Ewigkeit, und das verändert den Blick auf die Zeit. In die Zeit hinein leuchtet die feste Zusage Gottes, dass durch die Vergänglichkeit nicht alles vergeht, was das menschliche Leben wertvoll macht. Dass die vielen erfüllten Momente eines Lebens bei Gott aufgehoben sind und weiterbestehen. Dass die Menschen, deren Zeit abgelaufen ist, in der Ewigkeit ein Zuhause haben.

Darum werden die Namen der Verstorbenen vor Gott und den Menschen noch einmal genannt im Gottesdienst am Ewigkeitssonntag, und in vielen Kirchen ist es inzwischen üblich, für jede und jeden von ihnen eine Kerze zu entzünden. Auch diese kleine Flamme tröstet und lässt hoffen: Es ist noch nicht vorbei. Das Leben ist stärker als der Tod.

Wer das glaubt, für den bekommt der Ewigkeitssonntag noch eine weitere Dimension: als Tag, an dem wir uns daran erinnern lassen, dass bereits für das Leben in der Zeit Gottes Maßstäbe gelten. Das ist nicht nur tröstlich, sondern macht auch unruhig: Sollte es nicht jetzt schon so sein, wie es einmal zu werden verheißen ist? Der Glauben an die Ewigkeit wird dann zum Ansporn, schon in dieser Zeit etwas am Zustand der Welt zu verbessern – in der Hoffnung, dass Gott einmal alle Tränen abwischen wird.

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