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Du siehst mich nicht, wenn ich dich nicht sehe... Kleinkinder finden diese Art von Versteckspiel großartig. Wir Erwachsenen amüsieren uns darüber – aber wenn wir ehrlich sind, verhalten wir uns häufig ganz genauso: Es guckt ja gerade keiner. Also kann ich mir selbst gegenüber auch ein Auge zudrücken, wenn eigentlich Ehrlichkeit, Toleranz, Großzügigkeit und Nächstenliebe dran wären. Jesus fordert ein anderes Verhalten von uns: Jeden Augenblick ein Leben im Angesicht Gottes. Foto: Christin Lola

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Augenblicke, die zählen

Andacht

Von Frauke Hayungs | 26. November 2017

Andacht über den Predigttext zum Ewigkeitssonntag: Lukas 12, 42-48

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Du siehst mich nicht, wenn ich dich nicht sehe... Kleinkinder finden diese Art von Versteckspiel großartig. Wir Erwachsenen amüsieren uns darüber – aber wenn wir ehrlich sind, verhalten wir uns häufig ganz genauso: Es guckt ja gerade keiner. Also kann ich mir selbst gegenüber auch ein Auge zudrücken, wenn eigentlich Ehrlichkeit, Toleranz, Großzügigkeit und Nächstenliebe dran wären. Jesus fordert ein anderes Verhalten von uns: Jeden Augenblick ein Leben im Angesicht Gottes. Foto: Christin Lola
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Frauke Hayungs (40) ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Vorhalle im Kirchenkreis Hagen.

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Predigttext
42 Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht? 43 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht. 44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. 45 Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, 46 dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er‘s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. 47 Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden. 48 Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Carpe diem. – Nutze den Tag. Wenn ich Beerdigungen mache, denke ich oft an diesen Spruch von Horaz. Wir alle werden geboren und sterben. Unsere Lebenszeit hier auf Erden ist endlich. Darum ist sie so kostbar.

Wie oft schlage ich Zeit mit Kleinkram tot oder rege mich über Kleinigkeiten auf. Ich lasse immer wieder einfach die Zeit verrinnen, ohne mich bei meinen Lieblingsmenschen zu melden. Zu häufig ist mir gar nicht bewusst, wie kostbar die Gabe ist, die Gott mir anvertraut. Diese begrenzte Zeit und diese Freiheit, dieses Leben. Gott traut uns zu, ein gutes Leben zu leben. Jesus hat ein Beispiel gegeben, wie es aussehen soll:

Er war ein Menschenfreund. Jesus will, dass seine Freundinnen und Freunde, dass wir, unser Leben mit Güte füllen, Schwachen helfen, Kranke und Gefangene besuchen. Dass wir friedfertig sind. Wir sollen nicht leben, als wenn Gott gerade nicht schaut. Als wäre es bedeutungslos, was ich mache. Jesus sagt es deutlich: Es ist wichtig, was du tust und wie du lebst. Vor Gott. Jetzt schon und nicht erst irgendwann. Gott hat dir viel anvertraut. Verhalte dich doch bitte auch so.

Es hat Jesus wahnsinnig gemacht, dass noch nicht einmal seine engsten Vertrauten zu begreifen schienen, wie dringlich es ihm ist. Wie sehr Gottes Reich durch ihn in die Nähe gerückt ist. Darum findet Jesus so drastische Bilder: Er erzählt von einem Verwalter, dem ein ganzer Hof anvertraut wurde. Aber statt gut für alle zu sorgen, unterdrückt und schlägt er die anderen Knechte und Mägde. Er bereichert und berauscht sich selbst. Als der Gutsherr zurückkehrt, macht er kurzen Prozess: Er schlägt den tyrannischen Verwalter in Stücke.

Ich erschrecke. Was würde Gott sagen, wenn er jetzt zur Tür reinkäme, um einmal zu schauen, was ich so mit meinem Leben mache? Oder stellen Sie sich vor, wenn Jesus bei Ihnen vorbeikäme. Wären Sie bereit, plötzlich vor Gott zu stehen? Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Einfacher und sicherer wäre es, wenn mir erst gar nicht so viel anvertraut worden wäre. Keine Freiheit, mich auch falsch zu entscheiden. Keine Verantwortung. Kein Leben in dieser komplizierten Welt. Aber das ist doch auch keine Lösung. „Wer nichts macht, macht nichts falsch“, diesen Satz hat schon Jesus als Lüge entlarvt (vergleiche Matthäus 25,14ff.).

Ich komme aus der Nummer nicht raus. Und ehrlich gesagt, das will ich auch gar nicht. Uns ist viel anvertraut. Weil Gott uns liebt. Wir sollen nicht leben, als wäre das egal. Wir sind Gott nicht egal.

Wenn ich dann vor ihm stehe: Sieht Gott die treue und kluge Verwalterin, die ich so gerne wäre? Ich befürchte nicht. Zumindest nicht nur. Rechenschaft abzulegen wird beschämend – und schmerzhaft wohl auch.

Und dann? Dann liegt es in Gottes Hand. Ich vertraue und hoffe auf seine Gnade, die dem Tod und der Hölle nicht das letzte Wort überlässt. Die ein Ende macht mit dem In-Stücke-Hauen und In-Stücke-gehauen-Werden. Ich hoffe auf Gott, der nicht nur mein Richter sondern vor allem mein Verteidiger ist. Gott, der selbst verwundbarer Mensch wird.

Das feiern wir bald, an Weihnachten. Darum freue ich mich auf den Advent. Ich empfinde keine Angst davor, dass Gott vor der Tür steht. Sondern Vorfreude. In Jesus Christus fällt Gott sich selbst in den Arm und stellt sich an unsere Stelle.
Wie gut, dass wir unser Leben in Verantwortung vor ihm führen. Wie gut, dass es Gott ist, der kommt und mein Leben und Ihr Leben richtet. Der es zurecht und zu Recht bringt. Gott, der uns so viel anvertraut, der so viel bei uns sucht – und findet. Gott, der uns liebt.

Gebet: Gott, danke, dass du uns Menschen soviel anvertraust. Manchmal macht mir die Verantwortung Angst. Ich bitte dich, stärke mich in der Gewissheit, dass du uns gnädig anschaust. Dass du mich schon längst liebst. Dass daraus Liebe wachsen kann. Bitte, Gott, schenk Frieden und Mut und Freiheit. Amen.

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