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Die Liebe Gottes in Wort und Tat bezeugen

Wahl (II)

Aus der Printausgabe - UK 47 / 2017

17. November 2017

Hochspannung in Westfalen: Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen wird einen neuen Theologischen Vizepräsidenten wählen. Der ist der Stellvertreter der Präses, der leitenden Theologin. UK stellt die beiden Kandidaten vor

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Kirche, die mutig Schwerpunkte setzt: Das wünscht sich Ulf Schlüter. Foto: Lutz Bahmüller

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BIELEFELD – Die westfälische Landessynode wählt bei ihrer Jahrestagung in der kommenden Woche in Bielefeld-Bethel einen neuen Theologischen Vizepräsidenten der Evangelischen Kirche von Westfalen. Zur Wahl stehen der Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der westfälischen Landeskirche, Peter Böhlemann, sowie der Superintendent des Kirchenkreises Dortmund, Ulf Schlüter.

Wer sind die beiden? Für die Leserinnen und Leser von UK haben die  beiden Kandidaten einen Fragebogen ausgefüllt.

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?
Griffbereit auf meinem Nachttisch liegt ein E-Book. Theoretisch also eine ganze Bibliothek – in der Praxis meist eine schnell wirkende Einschlafhilfe. Umfangreiche Werke überfordern mich nachts. Aktuell lese ich dort alte Krimis von Jan Willem van de Wetering. Für den nächsten Urlaub auf dem Reader: Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen.

Was ist Ihr Lieblingslied im Gottesdienst?
Eins?? In der Frühe: „All Morgen ist ganz frisch und neu“. Zum Denken: „Wir beten für den Frieden“. Am Abend: „Der Mond ist aufgegangen“.
Das Allerschönste – leider meist nur Weihnachten zu singen: „Hark! The Herald Angels sing“. Für dessen Melodie Felix Mendelssohn ohne Zweifel Ober-Komponisten-Engel ist.  

Wenn Sie einen Gottesdienst völlig frei gestalten könnten, wie würde der aussehen?
Ich liebe den evangelischen Gottesdienst in seiner klaren und reichen Liturgie lutherischer Prägung. Ein Blick ins Gottesdienstbuch genügt. Eröffnung und Anrufung, Verkündigung und Bekenntnis, Abendmahl, Sendung und Segen – ich schätze es sehr, wenn die Struktur des Gottesdienstes klar erkennbar ist. Frei gestalten heißt für mich zuerst: Lass mal den Kirchenmusiker machen! An der St. Reinoldi-Kirche in Dortmund habe ich das unverschämte Glück, jeden Monat mit einem großartigen Kantor und seinen Chören zusammenzuarbeiten.

Mit der Gemeinde durch die Welt der Bibel wie durch unsere Welt zu wandern, darum geht’s in der Predigt. Wobei hörbar sein muss: Wir glauben im Jahr 2017! So verstanden ist für mich die Predigt ein unerlässlicher, zentraler Teil des Gottesdienstes. Für den ich gern sechs, acht Stunden an Worten und Gedanken feile.  

Nicht vorgesehen, aber für mich ein Muss: Am Anfang eines Gottesdienstes die Menschen zu begrüßen, den Sonntag, die Situation, die Themen und die Texte kurz zu umreißen. Ein knappe Zeitansage zu Beginn, gefeiert wird im Hier und Jetzt.

Was hat Sie in Ihrer Frömmigkeit geprägt?
Mein Großvater väterlicherseits war Lehrer und Organist bei Hannover, die anderen Großeltern betrieben eine Gastwirtschaft. Ohne dass ich sie lange gehabt hätte, haben sie mich gewissermaßen generationenübergreifend geprägt. Das Denken, die Musik, der gedeckte Tisch, so erschließen sich mir Welt, Leben und Glauben. Ansonsten war’s  bei uns „normal volkskirchlich“.

Meine Eltern haben uns von klein auf unerschütterliches Vertrauen geschenkt – das war und ist die Basis von allem. Ich habe einen katholischen Kindergarten besucht, zu meinem Glück! Das Anschauliche wie das Geheimnisvolle, die Rituale und der Ernst des christlichen Glaubens sind mir dort früh begegnet. Dazu kam der Kindergottesdienst, Sonntag für Sonntag, die ganze Grundschulzeit durch. Die Bilder der biblischen Geschichten sind dort in mir gewachsen – und bis heute abrufbar.

Welche Schwerpunkte möchten Sie als Theologischer Vizepräsident setzen?
Ein Theologischer Vizepräsident setzt erst einmal keine eigenen Schwerpunkte – das ist wichtig. Das Amt des „Vize“ ist – schon dem Wortsinn nach – ein stellvertretendes Amt. Die prägenden Akzente nach innen wie nach außen kommen von der Leitenden (!) Geistlichen, und sie in ihrem Handeln und Leiten nach Kräften zu unterstützen, ist eine wesentliche Aufgabe.  Zugleich sind Präses und Vizepräsident natürlich – gut evangelisch – auf mehrfache Weise synodal und kollegial eingebunden, üben Verantwortung stets in der Gemeinschaft der Landessynode, der Kirchenleitung und des Landeskirchenamts. Innerhalb dieses Rahmens nur kann ein Vizepräsident „Schwerpunkte“ setzen. Welche einzelnen Arbeitsbereiche diesem Amt zugeordnet werden, ist noch nicht entschieden; solche Zuordnungen müssen zudem reformierbar sein.

Grundsätzlich kommt dem Vizepräsidenten meines Erachtens die Aufgabe zu, Beratungsprozesse in der Kirchenleitung und im Landeskirchenamt zu bündeln, zu befördern, sie transparent zu halten, für die nötige Kommunikation zu sorgen. Gelegentlich hat man in der Vergangenheit den Begriff des „Innenministers“ bemüht, nicht ganz verkehrt.

Einsetzen würde ich mich für eine vertiefte Kommunikation zwischen Landeskirche und Kirchenkreisen. Besonders die Verbindung zu den Superintendentinnen und Superintendenten ist ausbaufähig, beide Seiten können davon profitieren.
Außerdem hoffe ich sehr, dass ich – ob in Bielefeld oder Dortmund – weiterhin aktiv an der Vorbereitung des Kirchentags 2019 mitwirken darf. Darauf freue ich mich sehr.

Die Amtszeit beträgt zunächst acht Jahre. Wie sehen Sie die Kirche im Jahr 2025?
2025, so sagen die Hochrechnungen, wird das Jahr sein, in dem die Mitglieder der großen christlichen Kirchen erstmals weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung stellen. Die Kirche ist Teil einer auch religiös pluralisierten Gesellschaft – im Ruhrgebiet ist das vor Augen. Klagelieder über den Untergang des Abendlands führen dabei ebenso in die Irre wie der Rückzug in fromme Konventikel.  

Wir werden auch 2025 und danach „Volkskirche“ sein können – wenn wir es wollen. Nicht im Sinne überkommener Rechte und Selbstverständlichkeiten. Sondern als eine Kirche, die auf allen Kanälen ihrem Auftrag folgt – das Evangelium von der befreienden und barmherzigen Liebe Gottes in Wort und Tat zu bezeugen. In diakonischen Unternehmen wie in sozialen Netzwerken, in Taufen, Trauungen und Bestattungen, die nicht „Amtshandlungen“, sondern persönliche, liebevolle Begleitung und evangelische Lebensdeutung sind. Ich wünsche mir für 2025 eine Kirche, die mutig Schwerpunkte setzt und ihre Kräfte bündelt, die an weithin sichtbaren kirchlichen Orten mit Qualität handelt.  

Ich wünsche mir eine Kirche, die sich nicht an alte Strukturen klammert, sondern danach fragt, was vom Evangelium her dem Leben und den Menschen heute dient.

 

Der derzeitige Theologische Vizepräsident Albert Henz (63) geht im Sommer 2018 in den Ruhestand. An der Seite der Präses der westfälischen Kirche (zur Zeit Annette Kurschus) stehen jeweils ein Theologischer und ein Juristischer Vizepräsident (seit Mai 2016: Arne Kupke).

Wie alle Mitglieder der Kirchenleitung werden die Vizepräsidenten von der Landessynode für acht Jahre gewählt. Die Wahl des Theologischen Vizepräsidenten findet statt während der nächsten Tagung des „Kirchenparlaments“ vom 20. bis 23. November in Bielefeld.

Ulf Schlüter

Ulf Schlüter, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund, ist 55 Jahre alt und stammt aus Lünen-Brambauer. Nach dem Abitur in Dortmund studierte er Theologie in Bethel und Bochum. 1986 kam er als Vikar nach Bottrop in die dortige Altstadtgemeinde. Nach Abschluss seines Vorbereitungsdienstes arbeitete er als Studieninspektor im Pädagogischen Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen in Schwerte-Villigst. Von 1989 bis 1994 leitete Schlüter die landeskirchliche Arbeitsstelle „Konziliarer Prozess“.

Im Anschluss an eine publizistische Zusatzausbildung an der Evangelischen Medienakademie Frankfurt wechselte er 1994 in den Gemeindedienst und war 19 Jahre lang Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Asseln in Dortmund. Seit 2014 steht er als erster Superintendent an der Spitze des Kirchenkreises Dortmund, der aus der Vereinigung von vier Kirchenkreisen hervorging. Ulf Schlüter ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

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