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Menschen Gelegenheiten zum Glauben geben

Wahl (I)

Aus der Printausgabe - UK 47 / 2017

17. November 2017

Hochspannung in Westfalen: Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen wird einen neuen Theologischen Vizepräsidenten wählen. Der ist der Stellvertreter der Präses, der leitenden Theologin. UK stellt die beiden Kandidaten vor

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Fröhliche und geistvolle Kirche: Das wünscht sich Peter Böhlemann. Foto: gmh

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BIELEFELD – Die westfälische Landessynode wählt bei ihrer Jahrestagung in der kommenden Woche in Bielefeld-Bethel einen neuen Theologischen Vizepräsidenten der Evangelischen Kirche von Westfalen. Zur Wahl stehen der Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der westfälischen Landeskirche, Peter Böhlemann, sowie der Superintendent des Kirchenkreises Dortmund, Ulf Schlüter.

Wer sind die beiden? Für die Leserinnen und Leser von UK haben die beiden Kandidaten einen Fragebogen ausgefüllt.

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?
„Marlene“ von Hanni Münzer, ein ziemlich verstörender Roman unter anderem über Auschwitz, der zeigt, wie der Zweite Weltkrieg und nationalistische Feindbilder uns bis heute beeinflussen, und zugleich ein Appell für Frieden und Gleichberechtigung.

Was ist Ihr Lieblingslied im Gottesdienst?
Das schwankt mit den Zeiten. In der Advents- und Weihnachtszeit, der wir uns gerade nähern, ist es „Ich steh an deiner Krippen hier“, und in der Passionszeit wird es „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ sein, allerdings gerne mit E-Gitarren-Vorspiel. Im Augenblick bevorzuge ich aber eher „Verleih uns Frieden gnädiglich“ in der Vertonung von meinem Freund und Kollegen Matthias Nagel.

Wenn Sie einen Gottesdienst völlig frei gestalten könnten, wie würde der aussehen?
Gottesdienste sind gemeinsame Feiern und sollten nicht von einer Person „völlig frei“ gestaltet werden. Aber wenn Sie fragen, wie ich mir einen Gottesdienst wünschen würde, in den ich meine Familie und Freunde mitnehmen und mich mit ihnen wohlfühlen würde, dann hätte ich schon ein paar Ideen: Als Vorspiel gerne etwas Modernes, das uns aus der Welt in den geistlichen Raum begleitet, etwa Cohens „Halleluja“, „Tears in Heaven“ oder „One of us“.

Ich stelle mir für den gemeinsamen Gesang eine gut singbare Mischung aus neuen und alten geistlichen Liedern vor, gerne im Wechsel begleitet von Band, Orgel und Posaunen. Und Beleuchtung und Akustik wären auf dem neuesten Stand, so dass man auf jedem Platz in der Kirche gut sieht und hört.

Bei der Verkündigung wünschte ich mir, dass das vorkommt, was meine Freunde und mich wirklich bewegt und innerlich beschäftigt, und für uns interessant und relevant wird. Wahrhaftigkeit und Authentizität wären mir wichtig. Ich möchte meinen angefochtenen Glauben im Gottesdienst gestärkt wissen und mit Gott in Verbindung kommen. Nichts muss perfekt sein, aber es wäre schon schön, wenn alle merken, dass Menschen hier ihr Bestes geben, weil Gott selbst mit uns feiert. Und anschließend Kirchkaffee und zwanglose Kommunikation!
Übrigens fände ich gar nicht schlecht, wenn dieser Gottesdienst erst um 18 Uhr beginnen würde.

Was hat Sie in Ihrer Frömmigkeit geprägt?
Die kirchliche Frömmigkeit meiner Eltern, die beide aus dem Ruhrgebiet kommen, der selbstbewusste und engagierte Glaube der Menschen im Siegerland, wo ich heranwuchs und Gemeindepfarrer war, und die intensive Beschäftigung mit der befreienden Theologie des Evangelisten Lukas, über die ich promoviert habe. In den letzten Jahren waren es persönliche Zeiten in Taizé und Pilgern auf den Spuren des Franz von Assisi.

Welche Schwerpunkte möchten Sie als Theologischer Vizepräsident setzen?
Partizipation, Transparenz und Kommunikation! Die Menschen, die bei uns in der Kirche arbeiten, sollen das Gefühl haben, sie werden wahrgenommen und nach Kräften unterstützt und gefördert. Deshalb würde ich gerne unsere Personalentwicklung weiter voranbringen. Die Ergebnisse und Erkenntnisse aus unserem Prozess rund um den Pfarrdienst müssen nun auch umgesetzt werden. Das bedeutet einen ja auch schon angedachten Ausbau der vorhandenen Unterstützungssysteme, flexiblerer Modelle für den Übergang in den Ruhestand und vor allem Entlastung von dienstfremden Aufgaben.
Ich finde auch, dass wir deutlich mehr in die Ausbildung, Begleitung und Anerkennung von Ehrenamtlichen investieren sollten.
Für die Kirchenleitung und das Landeskirchenamt würde ich mich gerne um gute Teamarbeit bemühen. Für mich ist die Grundhaltung einer dienenden Leitung mit einem agilen Management durchaus vereinbar. Dafür sind allerdings der Abbau behördlicher Strukturen und die Umgestaltung von kirchlichen Verwaltungen zu echten Dienstleistungszentren notwendig.

In den nächsten Jahren stehen Einsparungen und Strukturdebatten auf der landeskirchlichen Agenda, und ich weiß, wie schwer es Menschen fällt, gewohnte Dinge zu lassen. Aber ich möchte in diesem Prozess an den Auftrag Jesu für seine Kirche erinnern, nämlich Menschen Gelegenheiten zum Glauben zu geben. Das ist der Zweck unserer Organisation, und dieser Maßstab sollte bei allen Veränderungen unsere Entscheidungen und Prioritäten bestimmen.

Die Amtszeit beträgt zunächst acht Jahre. Wie sehen Sie die Kirche im Jahr 2025?
Ich hoffe, dass wir im Jahr 2025 eine fröhliche und geistvolle Kirche sind, die gelernt hat, ihre eigenen Grenzen nicht ganz so ernst zu nehmen, und die darauf vertraut, dass Gott seine Kirche baut und erhält. Wir werden weniger materielle Ressourcen zur Verfügung haben, diesen (im weltweiten Vergleich dann aber immer noch so zu nennenden) „Reichtum“ aber hoffentlich gezielt und effizient verwenden.
Schließlich würde ich mir wünschen, dass wir dann deutlich mehr über den landeskirchlichen Tellerrand hinausblicken und als evangelische Kirchen in Deutschland unsere Kräfte bündeln und Synergien nutzen.

Wir werden uns als Kirche auf allen Ebenen dann hoffentlich wieder mehr mit Theologie und Glaubensinhalten beschäftigen als mit Geld und Strukturen. Und genau deshalb engagieren wir uns für die Menschen, die Gott uns schickt – egal ob sie geflohen sind oder einfach nur Stärkung für ihren Glauben suchen.
Kirche hat ihren Platz und ihren Auftrag mitten in der Gesellschaft und an ihrem Rand.

 

Der derzeitige Theologische Vizepräsident Albert Henz (63) geht im Sommer 2018 in den Ruhestand. An der Seite der Präses der westfälischen Kirche (zur Zeit Annette Kurschus) stehen jeweils ein Theologischer und ein Juristischer Vizepräsident (seit Mai 2016: Arne Kupke).

Wie alle Mitglieder der Kirchenleitung werden die Vizepräsidenten von der Landessynode für acht Jahre gewählt. Die Wahl des Theologischen Vizepräsidenten findet statt während der nächsten Tagung des „Kirchenparlaments“ vom 20. bis 23. November in Bielefeld.

Peter Böhlemann

Peter Böhlemann (53), in Siegen geboren, ist Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung (IAFW) der westfälischen Landeskirche in Schwerte-Villigst. Nach dem Studium der Theologie in Marburg und Bielefeld-Bethel lernte er ab 1990 als Vikar praktische Gemeindearbeit in Siegen, dann  absolvierte er ein Sondervikariat an der Kirchlichen Hochschule Bethel. 1994 wurde er dort zum Doktor der Theologie promoviert.

Als Gemeindepfarrer arbeitete Böhlemann in Siegen und in der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Deuz. 1999 wurde er Dozent am IAFW, das er seit 2012 leitet. Seit 2001 leitete er das westfälische Pastoralkolleg; seit 2010 das Gemeinsame Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Lippischen Landeskirche und der Reformierten Kirche. Böhlemann hat mehrere Bücher zum Gemeindeaufbau und zu geistlicher Leitung veröffentlicht und ein christliches Liederbuch herausgegeben. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

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