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Predigten, die den Raum erschüttern: Die wünschen sich viele. Gerade auch jene, die predigen. Aber wie sehen solche Predigten aus? Foto: TSEW

Sanftes Säuseln

Kirche und Sprache

Von Bernd Becker | 8. November 2017

Herumeiern, einlullen, keine klaren Gedanken – ein Experte für Kommunikation wirft der Kirche kraftlose Sprache vor. Aber wie schafft man das: durch Reden die Menschen erreichen?

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Predigten, die den Raum erschüttern: Die wünschen sich viele. Gerade auch jene, die predigen. Aber wie sehen solche Predigten aus? Foto: TSEW

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Knapp zwei Wochen nach dem Reformationstag wird noch fleißig über die Bedeutung und die Folgen des 500-jährigen Jubiläums diskutiert. Im Internet sorgt dieser Tage ein Vortrag mit dem Titel „Es sterbe das Zitat, es lebe die Reformation“ für Aufsehen. Veröffentlicht hat ihn Erik Flügge, der sich „strategischer Berater“ nennt und der im vergangenen Jahr mit dem Buch „Der Jargon der Betroffenheit“ einen Bestseller gelandet hat.

Der 31-Jährige zieht, insbesondere im Blick auf die Sprache auf evangelischen Kanzeln, eine vernichtende Bilanz. Flügge spricht von einem „Wohlfühl-Reformationsgedenken“, das ihn zuweilen anwidere, und von „herumeiernden Reden, in denen man sich nicht traut, einen starken Gedanken zu formulieren“. In seinem Vortrag betont er, es treibe ihn in den Wahnsinn, von protestantischen Rednern „pausenlos mit Zitaten eingelullt zu werden“ – von Luther bis Bonhoeffer.

Martin Luther vergleicht er mit dem Schauspieler Klaus Kinski und beschreibt ihn als „brutalen, beleidigenden und großartigen Redner, einen Virtuosen ohne Rücksicht.“ Und solch eine Sprache und ein Auftreten wünscht Erik Flügge sich auch von den heutigen Theologinnen und Theologen.

Predigten, die den „Raum erschüttern"

Flügge möchte Predigten hören, die den „Raum erschüttern, spaltend, aggressiv und deutlich“. An den Wahlerfolgen der AfD könne man beobachten, welche Wirkung einfache, prägnante Sprache erziele. Darum müsse die Sprache evangelischer Theologie ähnlich unkompliziert klingen, aber klüger und hassfrei. Das Erstaunliche: Gerade unter Theologinnen und Theologen wird der Vortrag, den Flügge in Gießen gehalten hat, sehr gelobt. Vermutlich spricht der Werbestratege etwas aus, was viele Predigerinnen und Prediger empfinden: Man müsste kraftvoller und wirkungsvoller predigen können. Sich mehr trauen. Mehr gehört werden.

Und die Vorstellung ist ja tatsächlich faszinierend. Fragt sich nur, ob das immer angemessen ist. Klaus Kinski etwa wurde vielleicht beachtet, bewundert und gefürchtet. Viele bezeichnen ihn aber schlicht als Psychopathen, launisch und gewalttätig. Das kann nun nicht die Zukunft der evangelischen Predigt sein.
Sicher wird deutlich, was Erik Flügge protestantischen Predigern ins Stammbuch schreibt, wenn er dazu aufruft: „Werden Sie einfacher. Werden Sie kürzer. Werden Sie Luther!“ Da ist gewiss nichts gegen zu sagen.

Was der Autor jedoch übersieht: Neue Gedanken und Worte, die zu Herzen gehen, können auch leise daherkommen. Oft berühren gerade seelsorgerliche Predigten. Auch sie können aufrütteln, trösten, anspornen.

Im ersten Buch der Könige im Alten Testament wird erzählt, wie Gott dem Propheten Elia begegnet. Und da heißt es: Gott war nicht im Sturm, und er war nicht im Erdbeben, und er war nicht im Feuer – sondern in einem „sanften, leisen Säuseln“. Predigten und Reden dürfen also gern originell, unkompliziert und klar sein. Aber sie müssen und sollten nicht zwingend laut, aggressiv, brutal oder spaltend daherkommen.  

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 9. November 2017, 20:20 Uhr


Genauso wie ein Rechtsstaat wie Deutschland , Rechtsanwälte braucht die das Recht vertreten und nicht verdrehen oder dehnen, so brauchen wir auch Prediger und Predigten die die Aussagen der Bibel nicht verwässern. Aber leider ist es wahrscheinlich auch eine Zeitgeistfrage, ob die Leute heute überhaupt noch kritische mahnende Auslegungen der Evangelien hören wollen, oder ob dann eine neue, zusätzliche Austrittswelle drohen könnte ?
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Erika Moers, 10. November 2017, 9:12 Uhr


Dazu fällt mir der eine und andere Auftritt von sog. ErweckungsPredigern vor Jahrzehnten ein, die dann und wann von der Kanzel herab gestenreich auf uns hinunter predigten. Wie Fanfarenstöße schmetterten sie Botschaften auf uns hinunter, bekräftigt durch jähes Recken eines Armes, der Sekunden lang in der Luft verharrte und uns fast das Atmen vergessen ließ.
Mag sein: Ziel war Aufrütteln, Erschrecken.
Nachhaltiger erscheinen mir ruhigere Töne mit frohen Botschaften zu sein, die auf festem Grund stehen und mich weiter begleiten.
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Alwite, 10. November 2017, 11:16 Uhr


Gehe nicht vor mir, vielleicht folge ich Dir nicht.
Geh nicht hinter mir, vielleicht kann ich Dich nicht führen.
Geh einfach neben mir und sei mein Freund.
Albert Camus

Des Menschen Art ist so mannigfalt, dass nur eine einzige Sicht, die rechte sei, von Gott nicht gewollt sein kann. Wie es für mich gut ist, muss es nicht für Dich gut sein und umgekehrt. Jesus, unser Mittler und Vorbild, war selten zornig. Wenn sanfte, ruhige, umsichtige Töne nicht nachhaltiger als aufrüttelndes Kriegs-Geschrei wären, würde es nicht so sein, dass das Gute (die Liebe) am Ende IMMER obsiegt.
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