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Wie zerbrechlich so ein Gebäude doch sein kann. Ein winziger Stoß, ein Lufthauch, und alles stürzt in sich zusammen. Ganz wie die Gebäude, die wir bauen. Wie lange sie halten, weiß kein Mensch, und was stabil für die Ewigkeit schien, verschwindet manchmal über Nacht. Der Apos­tel Paulus aber tröstet: Der Grund, auf dem wir bauen, steht fest – und was unsere Anstrengungen wert sind, das entscheidet allein Gott. Foto: Günter Menzl

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Mutig weiterbauen

Andacht

Von Annette Kurschus | 29. Oktober 2017

Über den Predigttext zum Reformationstag: 1. Korinther 3,11

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Wie zerbrechlich so ein Gebäude doch sein kann. Ein winziger Stoß, ein Lufthauch, und alles stürzt in sich zusammen. Ganz wie die Gebäude, die wir bauen. Wie lange sie halten, weiß kein Mensch, und was stabil für die Ewigkeit schien, verschwindet manchmal über Nacht. Der Apos­tel Paulus aber tröstet: Der Grund, auf dem wir bauen, steht fest – und was unsere Anstrengungen wert sind, das entscheidet allein Gott. Foto: Günter Menzl
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Annette Kurschus (54) ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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Predigttext
11 Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen, denn mit Feuer wird er sich offenbaren.

Der Grund ist gelegt. Wie wackelig die Beine gerade sein mögen; wie unsicher der Schritt sich anfühlt; wie vage die Zukunft im Blick ist. Der Grund ist gelegt. Wir haben Boden unter den Füßen.
Das gilt. Darauf ist Verlass.

Für mein Leben. Für die Kirche. Für unsere Gesellschaft. Für unser Miteinander in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt.
„Reformation“ heißt: Auf den gelegten Grund zurückkommen. Nach vorn gehen in der Gewissheit, dass er trägt.

Das Jubiläumsjahr der Reformation geht auf seinen Höhepunkt, den Reformationstag 2017, zu. Das Wichtigste bleibt auch danach: Der Grund ist gelegt. Wir werden weiterhin Boden unter den Füßen haben.

Paulus: beinahe verrückt aktuell

Ausgerechnet diese befreiende Gewissheit verbindet der Apostel Paulus mit dem beängstigenden Gedanken vom Gericht. „11 Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen, denn mit Feuer wird er sich offenbaren.“

Das predigt der Apostel Paulus einer Gemeinde, die er selbst gründete: Manches von dem, was sie dort über Jahre hinweg aufgebaut, bewahrt und gepflegt haben, wird verschwinden, vergehen, verbrennen.

Beinahe verrückt aktuell hört sich das an – nicht nur im Blick auf unsere Kirche.
Die Wahrheit vom Verschwinden und Aufhören und Vergehen: Von Rednerpulten tönt sie uns entgegen. Aus Bildern springt sie uns ins Auge. Prognosen und Trends schreiben sie uns ins Stammbuch. Ängste jagen sie uns in den Nacken.
Und mitten darin hören wir Paulus predigen.

Hören genau hin – und trauen unseren Ohren kaum: Der Mann predigt über Gemeindeaufbau. Er spricht von Zukunft. Er ist voller Hoffnung. All das im Gewand einer buchstäblich brenzligen Rede vom Gericht.
Ein solcher Prediger muss entweder selbst ein Tor sein. Oder der Prediger eines Toren.

Unsere Kirche ist gegründet auf die Torheit des Kreuzes. Dieser törichte Grund ist ihr gelegt. Kein anderer.
Nach der Logik der Welt ein schwacher, unansehnlicher, ärgerlicher Grund. Auf diesem Grund erhebt sich kein strahlendes Prachtgebäude. Vielmehr ein Bau, der das Wissen um die eigene Verletzlichkeit und Begrenztheit sichtbar in und an sich trägt. Die Vergänglichkeit ist ihm ins Material eingeschrieben: Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh.

Allerdings – und das ist der Clou dieser seltsamen Aufzählung! – haben die Bauleute während des Bauens keine Ahnung: Was ist eigentlich was? Sie bauen, und es könnte Heu sein – oder Silber. Holz oder Edelsteine. Stroh oder Gold. Erst der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen.

Das ist abenteuerlich und beunruhigend – denn gebaut werden muss doch! Wir alle bauen mit an unserer Kirche: Haupt- und ehrenamtlich. Glaubend oder zweifelnd. Betend oder mit Rat und Tat.
Was bauen wir da? Was wird daraus? Gold? Silber? Heu? Stroh? Oder eben doch nur Papier? Vielleicht am Ende gar Edelsteine? Wenn wir‘s nur wüssten! Das Brenzlige liegt nicht im Gericht. Brenzlig ist die Ungewissheit beim Bauen. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen.

Ich gehe davon aus: Wir werden uns wundern. Was wie dürres Stroh schien, wird womöglich Goldes wert sein. Was als morsches Holz knirschte, kann sich als funkelndes Kleinod erweisen. Und es mag sich versilbern, was mir wie lästiger Schimmel und peinlicher Rost vorkam. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen.

Was mag der Kirche bevorstehen? Als was mag sie offenbar werden?
Unsere geliebte Kirche mit ihren wunderlichen und wunderbaren Menschen; mit ihren großen, alten, hier und da dysfunktionalen Strukturen; mit ihren schönen und kostspieligen Gebäuden; mit ihrer Leidenschaft für die Schwachen und ihrem Eifer für Gerechtigkeit?

Material ist da: Gold, Heu, Holz, Silber, Stroh und Edelsteine ... .
Und der Grund ist gelegt, welcher ist Jesus Christus.
Lassen Sie uns auf diesen Grund zurückkommen und mutig weiterbauen. Jetzt erst recht.

Gebet: Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun. Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, heute und morgen zu handeln. Gib uns den Mut, voll Liebe, Herr, heute und morgen zu leben. Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr, heute von vorn zu beginnen. Amen. (nach EG 658)

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