hg
Bild vergrößern
Endlich Ruhe. Ein Moment ganz für mich. Einmal tief durchatmen und spüren, wie die Anforderungen, der Trubel, der Stress langsam nachlassen. Wenn sie verstummen, kann Gottes Stimme wieder laut werden. Martin Luther hatte da ein einleuchtendes Rezept: „Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich heute viel beten“, soll er gesagt haben. Gerade wenn der Alltag dicht, das Leben voll ist, sind solche Momente unverzichtbar. Sogar für Jesus, wie der Predigttext zeigt. Foto: eugenesergeev

Anzeige

Eine Tasse Tee mit Gott

Andacht

Markus Matzke | 22. Oktober 2017

über den Predigttext zum 19. Sonntag nach Trinitatis: Markus 1, 32-39

Bild vergrößern
Endlich Ruhe. Ein Moment ganz für mich. Einmal tief durchatmen und spüren, wie die Anforderungen, der Trubel, der Stress langsam nachlassen. Wenn sie verstummen, kann Gottes Stimme wieder laut werden. Martin Luther hatte da ein einleuchtendes Rezept: „Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich heute viel beten“, soll er gesagt haben. Gerade wenn der Alltag dicht, das Leben voll ist, sind solche Momente unverzichtbar. Sogar für Jesus, wie der Predigttext zeigt. Foto: eugenesergeev
Bild vergrößern
Markus Matzke (45) ist Zerspanungsmechaniker und Prädikant und Presbyter der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Hartum-Holzhausen.

Anzeige

Predigttext
32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn. 35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. 36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Heute ist wieder einer dieser Tage. Alle wollen was von Yvonne. Gerade hat die Schule angerufen. Ihr Jüngster ist plötzlich im Unterricht krank geworden und muss abgeholt werden. Aber wie soll sie das anstellen? Ihr Ältester ist zwar schon vierzehn, aber durch seine Behinderung auf ihre Hilfe angewiesen. Sie wird die Nachbarin bitten, ein Auge auf ihn zu werfen. Wieder einmal. Und dann der Haushalt. Die Wäsche stapelt sich im Keller, das Geschirr in der Küche. Und Essen gekocht hat sie auch noch nicht.
Als sie losfahren will, klingelt das Telefon. Ihre Mutter ist dran. Vater geht es schlechter. Das Herz macht wieder Probleme. „Ja, Mama“, sagt sie und vertröstet sie. Sie merkt, wie ihr schwindelig wird. Der Boden unter den Füßen – wie weggezogen, der Raum fängt an sich zu drehen. Yvonne muss sich setzen, einmal tief durchatmen. Ja, heute ist wieder einer dieser Tage.
Am Abend, als ihre Kinder im Bett sind, schnappt sie sich ihre kleine Thermoskanne mit warmem Tee und ihre Jacke – und geht raus. Ihr Mann ist bei den Kindern. Jetzt schnell runter in den Garten. Es dämmert schon, es ist fast schon dunkel. Sie braucht jetzt Abstand. Sie braucht frische Luft und ihren Lieblingsplatz im Garten. Raus, einfach raus.
Da steht eine Bank im Garten, direkt unter den zwei Nussbäumen. Bunte Blätter liegen verstreut auf der Bank und dem Boden, wie Farbtupfer. Es ist kühler geworden und sie zieht die Jacke enger um sich. Ihr Blick schweift umher. In der Abenddämmerung schaut sie der Sonne beim Untergehen zu.
Wenn sie sich dorthin zurückzieht, bekommt sie wieder Luft. Kann endlich durchatmen. Ihre Seele baumeln lassen.
Sie lässt den Tag noch einmal an sich vorüberziehen. All die Menschen, die ihr wichtig sind, fallen ihr ein. Da sind so viele, denen sie sich verbunden fühlt. Ihre Kinder, ihr Mann und ihre Eltern. Es tut gut, diese Menschen bei sich zu wissen. Aber es ist oft anstrengend, alles zu schaffen.
Da erinnert sie sich an die Andacht heute Morgen im Radio. An die Geschichte, wie Jesus von so vielen Menschen belagert wurde. Alle wollten etwas von ihm. Und wie er sich dann am nächsten Morgen zurückzog, ganz für sich alleine. Betete. Und dabei wieder zu neuer Kraft fand. Viele hat er damals geheilt. Aber Jesus wollte nicht als der Rund-um-die-Uhr-Wunderheiler gesehen werden. Nicht nur. Er wollte auch predigen. Gottes Worte zu den Menschen bringen, um auch ihre Seele zu heilen. Aber immer mehr Leute kamen mit ihren körperlichen Leiden zu ihm, und wollten geheilt werden. Wollten Wunder sehen und erleben. Die ganze Stadt stand versammelt vor ihm. „Auch Jesus war der Trubel zu viel“, denkt sich Yvonne. Genau wie ihr. An solchen Tagen wie heute.
Die Sonne geht langsam unter und versinkt hinterm Horizont. Sie wird immer ruhiger. Der Abendhimmel zeigt sich in den schönsten Rottönen. Sie sitzt auf der Bank, die Beine eng an den Körper gezogen, mit dem warmen Teebecher in der Hand … Yvonne merkt, wie sie langsam zur Ruhe kommt, ein Gespür für sich selber stellt sich ein. Die Gedanken bekommen wieder Raum, sie beginnen zu fließen … ins Offene … „Lieber Gott, du bist da. Hier und jetzt, auf der kleinen Bank unter den Nussbäumen. Ein schönes Gefühl. Danke für alles, auch wenn es anstrengend ist.“ Sie bittet Gott für ihre Kinder, ihren Mann, ihre Eltern. Und für sich selbst.
Gott, wird ihr klar, ist genau hier zu finden. In diesem Abendrot, vor ihr am Horizont. In den kleinen Nüssen, die der Nussbaum reichlich verteilt. Gott ist einfach da. An diesem Abend, und an jedem neuen Morgen. „Du bist da. Danke.“

Gebet: Lieber Gott, in den Wirren des Alltags verlieren wir uns oft in Stress und Hektik. Viele zerbrechen an den Aufgaben, die ihr Leben jeden Tag fordert. Wir bitten dich, zeige uns deine Gegenwart in den Wundern deiner Schöpfung, lass uns neue Kraft schöpfen, bleibe bei uns am Morgen und am Abend. Amen.

1

Leser-Kommentare öffnen

Vera Raudzis, 23. Oktober 2017, 12:45 Uhr


Lieber Markus, Deinem Vater verdanke ich den Tip, Deine Predigt zu lesen. Deine Worte gefallen mir sehr. Ich wünsche Dir für Deinen Weg alles Gute.
Herzlichst Vera
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen