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Da soll ich jetzt raus. Vor das Publikum. Unter Menschen. Ins Leben. Muss mich vor allen zeigen. Quasi nackt, mit meinen Fehlern und meinem Scheitern. Wie das wohl ankommt? Werden sie über mich lachen oder mich ernst nehmen? Mich verachten oder gnädig sein mit meinen Schwächen? „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“, heißt es im Predigttext zum Männersonntag. Da gibt es nichts zu verstecken. Also los – Vorhang auf!

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Bühne frei fürs Scheitern

Andacht

Von Martin Treichel | 15. Oktober 2017

Über den Predigttext zum Männersonntag (18. Sonntag nach Trinitatis): 1. Korinther 15,10

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Da soll ich jetzt raus. Vor das Publikum. Unter Menschen. Ins Leben. Muss mich vor allen zeigen. Quasi nackt, mit meinen Fehlern und meinem Scheitern. Wie das wohl ankommt? Werden sie über mich lachen oder mich ernst nehmen? Mich verachten oder gnädig sein mit meinen Schwächen? „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“, heißt es im Predigttext zum Männersonntag. Da gibt es nichts zu verstecken. Also los – Vorhang auf!
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Martin Treichel (49) ist Pfarrer für Männerarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen und Leiter des Fachbereichs „Männer, Familie, Ehrenamt“ am Institut für Kirche und Gesellschaft.

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Predigttext

„Durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“

Ein Spätsommerabend in Düsseldorf. Es ist warm, das Altbier fließt, auf Stühlen sitzen etwa 120 Menschen vor einer kleinen Bühne. Sie sind zur zehnten „Fuckup-Night“ in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt gekommen. „Fuck up“ bedeutet in diesem Zusammengang so viel wie „eines Sache vermasseln, versauen“. In den nächsten drei Stunden werden hier Menschen über ihr Scheitern berichten. 

Was ist schiefgelaufen, was habe ich gelernt?

FuckUp-Nights ist eine globale Bewegung, die 2012 in Mexiko geboren wurde. Es werden Geschichten von erfolglosen Geschäften und Projekten erzählt, infrage gestellt und gefeiert. Das Format bietet eine Plattform für jeweils drei bis vier Menschen, die ein Unternehmen gründeten und in knapp zehn Minuten ihr gescheitertes Geschäftsmodell oder Projekt präsentieren. Anschließend gibt es einen Austausch mit dem Publikum: Was ist schiefgelaufen? Was würde ich anders machen? Was habe ich daraus gelernt? 

Fuckup-Nights. Sicher ein provokanter Titel, aber auch eine faszinierende Idee, wie ich finde. Nicht der Erfolg, sondern das Scheitern bekommt eine Bühne. Nicht das Gelingen steht im Mittelpunkt, sondern das Misslingen. Denn aus Geschichten des Misserfolgs ist womöglich mehr zu erfahren als aus Geschichten des Erfolgs. Diese Veranstaltungen sind darum so etwas wie moderne Beichtstühle. Menschen berichten von ihren Fehlern, ihren Grenzen, ihrem Unvermögen – und erhalten Zuwendung, Verständnis und neue Inspiration.

„Gnade…! Womit habe ich das verdient?“, das ist das Jahresthema der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sicher kein Zufall, im Jahr des Reformationsjubiläums einen zentralen Begriff der Theologie Martin Luthers in den Mittelpunkt der Arbeit von Männergruppen zu stellen. Sicher aber auch, dass der Begriff „Gnade“ in den Ohren nicht nur von Männern alles andere als eingängig ist.  Denn er spielt auf Situationen und Erfahrungen an, in die man(n) lieber nicht geraten möchte. Die Emotionen, die das Wort aufruft, sind eher unerfreulich. Vermutlich ging das Menschen noch nie anders, womöglich auch dem Apostel Paulus nicht, der über die Gnade viel zu sagen und zu schreiben wusste.  

So gehört also nicht viel Phantasie dazu, sich Paulus bei der Fuckup-Night an einem Sommerabend des Jahres 51 nach Christus in Korinth auf der Bühne vorzustellen. Nachdem andere vor ihm von gescheiterten Geschäften mit Olivenöl und Töpferwaren erzählt haben, berichtet er über seine Unternehmensgründung namens „Christentum“. 

Unternehmensgründung „Christentum“

Vieles ist ihm nicht gelungen, obwohl er bis zum Umfallen gearbeitet hat: Die Gemeinden, die er gegründet hat, sind klein geblieben oder untereinander in Streit geraten, aus manchen Orten haben sie ihn davongejagt und ein begnadeter Redner ist nie aus ihm geworden.  Am Ende seines Beitrags sagt er: „Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“

Anschließend erst Stille, dann intensive Diskussion. Paulus erhält Vorschläge zum Gemeindeaufbau und zur Finanzierung seines Projekts, sogar ein Kollektenkörbchen geht herum. Ein paar ganz Mutige sind sich sicher, dass seine Gedanken und Ideen die Menschen noch in 2000 Jahren trösten, aufrichten und begeistern werden. Das löst allgemeine Heiterkeit aus. 

Eine zeitlos schöne Vorstellung

Auf dem Heimweg aber, beschwingt vom Rotwein und unterwegs unter einem weiten Himmel, sind viele begeistert von dieser zeitlos schönen Vorstellung: Menschen werden menschlich nicht nur im Gelingen, sondern zuallererst im Scheitern. Menschen haben Gnade verdient. Sie sollen wissen, dass sie rundum angenommen sind. Auf Gottes Gnade zu vertrauen, das ist Scheitern für Fortgeschrittene.

Gebet: Lebendiger Gott, du hast dich Menschen zugewandt, ihnen dein barmherziges Angesicht gezeigt, deinen Geist der Liebe in diese Welt gebracht. Wir danken dir, dass du uns vergibst und uns neue Anfänge ermöglichst. Lass uns unseren Nächsten sehen, wie du uns gesehen hast durch Jesus Christus. Amen.

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