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Ach ja, mein Kind ... wenn ich noch einmal so jung wäre wie du, würde ich alles anders machen. Oder doch nicht? Foto: TSEW

Ich bereue nichts  

Entscheidungen

Aus der Printausgabe - UK 41 / 2017

Von Anke von Legat | 9. Oktober 2017

Wenn wir noch einmal in die Vergangenheit zurückgehen könnten – würden wir unser Leben genauso führen, wie wir es getan haben? Überlegungen zu einer spannenden Frage

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Ach ja, mein Kind ... wenn ich noch einmal so jung wäre wie du, würde ich alles anders machen. Oder doch nicht? Foto: TSEW

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Nein, ich bereue nichts, überhaupt nichts! Dieses Lied der französischen Sängerin Edith Piaf wurde ein Welthit. Und wenn man sie auf der Bühne sah, glaubte man ihr jedes Wort. Nur: Ich bereue nichts, überhaupt nichts – das singt sich so leicht. Ob das jeder Mensch sagen kann, der auf sein Leben zurückschaut?

Wer an die eigene Vergangenheit denkt, an die vielen Verzweigungen, die vielen Entscheidungen, die vielen Beziehungen im Laufe eines Lebens, wird sicher an der einen oder anderen Stelle eine Bedauern, ein Bereuen spüren. War es richtig, genau so zu wählen – diesen Beruf, diesen Menschen für eine Partnerschaft, diese Stadt zum Leben? War es richtig, auf manches zu verzichten, weil gerade anderes wichtiger schien – Kinder großzuziehen, im Beruf voranzukommen, Kranke zu pflegen, ein Haus zu bauen? War es richtig, ein Leben lang diese Partei zu wählen? Und zur Kirche zu gehen?

Im Nachhinein würden wir vielleicht an mancher Abzweigung eine andere Richtung einschlagen. Was im Moment der Entscheidung richtig schien oder einfach unabänderlich, sieht im Rückblick anders aus. Manches war tatsächlich richtig; anderes eher nicht.

Der Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal sinngemäß formuliert, dass wir das Leben erst rückwärts verstehen; leben aber müssen wir es vorwärts. Das ist das Problem: Im Moment der Entscheidung wissen wir nicht, was kommt. Wir können nur in die Zukunft hinein hoffen. Erst der Rückblick zeigt, ob wir richtig lagen. Wenn wir mit diesem Wissen der späteren Jahre noch einmal die Möglichkeit hätten, an den entscheidenden Stellen zu wählen – wie schön wäre das! Wie richtig würde dann das Leben, ohne Scheitern, ohne Schuld, ohne Reue! Oder?

Genau das ist die Frage. Denn egal welche Abzweigung wir gewählt hätten – jede davon hätte tausend neue Entscheidungen nach sich gezogen. Ohne diese Möglichkeit zur Wahl ist menschliches Leben nicht zu haben, und es ist dadurch auch immer vom Scheitern bedroht.

Aus der Sicht des Glaubens ist das keine Katastrophe. Beim Blick in die Bibel könnte man fast meinen: Ganz im Gegenteil. Hier gibt es kaum eine Frau, kaum einen Mann, deren Leben keine Brüche kennt. Adam und Eva, Jakob, Hannah, Petrus und Paulus hätten alle etwas zu bedauern oder zu bereuen. Und von Reue, Klage, Zweifeln und Verzweiflung ist in der Bibel viel die Rede. Was aber auch erzählt wird, ist: All diese Menschen hatten das Vertrauen, dass Gott an ihnen festhält. Das Leben kann weitergehen trotz aller Fehler, es kann sich sogar zum Guten wenden, weil Gott hält und leitet.

„Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben. Wer mit diesem Vertrauen auf sein Leben blickt, wird Gottes Spuren entdecken, im Guten wie im Schlechten. Aus den vielen Entscheidungen ist das geworden, was ich mein Leben nenne, und es liegt in Gottes Hand. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, mit Piaf zu sagen: Nein, ich bereue nichts.

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 9. Oktober 2017, 15:13 Uhr


Nur eine kleine Anmerkung: alles, was man tut, sollte man bejahen. Etwas zu tun, das man "eigentlich" nicht tun möchte, das ist schlimm. Es ist eine Sache der Reifung und Persönlichkeitsentwicklung. Wenn man das Glück hatte, nicht gebrochen worden zu sein, und viele Menschen wurden vom Leben gebrochen, dann weiß man, was man an diesem Leben hat und kann sagen: ich lebe gerne, nicht, ich muss leben. Freilich, was noch kommen wird? Das ist ungewiss? Wird man in zukünftiger Not noch dankbar sein können? Man mag nicht daran denken. Aber jetzt, jetzt ist es gut, oder?

Aus ökonomischer Sicht heißt "entscheiden" immer auch "verzichten". Nun ist der Verzicht generell nichts Schlechtes; erst durch den Verzicht (auf Unnötiges) lernen wir, den wahren Wert des Lebens zu schätzen und auch zu genießen.
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Alwite, 9. Oktober 2017, 15:51 Uhr


Auch ich las diesen Artikel mehrere male recht aufmerksam und dachte, ach ja mein Kind, man tut das, was man für richtig und gut hält, doch gibt es niemanden auf der großen weiten Welt, das er getan zu haben nicht bereut. Nein ich bereue nichts - sagt u.a. aus, sich für fehlerfrei zu halten.

Atlantica, 9. Oktober 2017, 16:06 Uhr


Immer wieder wird von menschlichen Schwächen, von "Fehlern", gesprochen und geschrieben. Doch nur aus Fehlern kann man lernen. Das Leben lehrt uns u.a., liebesfähig zu werden. Das Ideal eines fehlerfreien Menschen ist ein falsches Ideal - und doch, würde der Mensch lieben, er machte keine Fehler!
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Alwite, 9. Oktober 2017, 18:48 Uhr


https://www.youtube.com/watch?v=G634YSKfQy0

Atlantica, 9. Oktober 2017, 19:01 Uhr


Vielen Dank, Alwite. Gute und geschmackvoll dargebotene Musik steht in meiner Gunst noch höher als die Lyrik.
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