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Plötzlich steht man da. Gerade noch schien das Leben wohlgeordnet – und jetzt ist alles anders. Ein Plan ist gescheitert, ein Lebenskonzept nicht aufgegangen. Die Fragen kommen: Warum, Gott? Wieso gerade ich? Was nun? Und – wo bist du überhaupt? Nicht nur das Leben ist erschüttert, auch der Glaube gerät ins Wanken. Nur mühsam geht es weiter, in kleinen, zaghaften Schritten. Und doch nicht allein: Gott ist nah, auch im finsteren Tal. Seine Verheißungen gelten. Foto: kieferpix

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Wo bist du?

Andacht

Von Anke Thimm | 24. September 2017

Über den Predigttext zum 15. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 18, 28-20

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Plötzlich steht man da. Gerade noch schien das Leben wohlgeordnet – und jetzt ist alles anders. Ein Plan ist gescheitert, ein Lebenskonzept nicht aufgegangen. Die Fragen kommen: Warum, Gott? Wieso gerade ich? Was nun? Und – wo bist du überhaupt? Nicht nur das Leben ist erschüttert, auch der Glaube gerät ins Wanken. Nur mühsam geht es weiter, in kleinen, zaghaften Schritten. Und doch nicht allein: Gott ist nah, auch im finsteren Tal. Seine Verheißungen gelten. Foto: kieferpix
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Anke Thimm (41) ist Pfarrerin in der LWL-Klinik Dortmund und im Maßregelvollzug.

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Predigttext
28 Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. 29 Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, 30 der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben.

Religiös war Anna irgendwie schon immer. Oder sensibel. Oder aufgeschlossen für die Welt und für das, was über sie hinausragt.
Als sie sechs Jahre alt war, starb ihre Oma bei einem Verkehrsunfall. „Omas sterben, weil sie alt sind und doch nicht bei einem Autounfall!“ Anna warf es ihrem Gott wütend entgegen. Ja, Anna forderte Antworten von Gott und dem Leben. Darin war sie gut. Doch außerdem war sie ein ganz gewöhnliches Mädchen, das auf dem Schulweg mit ihrer besten Freundin herumblödelte.

Irgendwie religiös war sie dabei immer. Sie hielt auch zum Pastor, der unter dem Spott der Konfirmanden litt. Auf seine Frage, ob sie Gott schon einmal getroffen hätten, antwortete sie mit Ja. Im Urlaub war sie einmal in einem Kloster. In der Gebetsstille spürte sie Gott, eindeutig und klar. Der Pastor war es auch, der sie ansprach, bei einer Kinderbibelwoche mitzuhelfen.

So sehr Anna Gott mochte, so wenig konnte sie etwas mit der sogenannten verfassten Kirche anfangen. Nee, sie suchte das Leben und die Fragen und Gott in ihrem Leben. Doch helfen tat sie auch stets gern und sagte zu.

An einem Sonntag im April war der Abschluss der Kinderbibelwoche. Nach dem gemeinsamen Pizza-Essen brachte jemand sie nach Hause. Sie war da 16 Jahre alt. Sie sah die offenen Fenster und wusste: Ihre Mutter war verstorben auf dem Krankenbett im Wohnzimmer. Mammakarzinom.
Anna schleuderte Steine gegen den Himmel. „Wo bist du?“
Gott zeigte sich ihr leise weinend neben ihr sitzend. Und Anna beschloss, anderen in ihrer Not beizustehen.

Sie fing an, Soziale Arbeit zu studieren. Sie schloss ihr Studium ab und fasste Fuß in ihrem Beruf. Kein Anfang ist leicht, doch Anna machte sich gut. Das Kloster hatte sie nie aufgehört zu besuchen. So war es kein Zufall, dass sie vor einer beruflichen Entscheidung dort ein Gespräch suchte. Auch das Gebet.
Plötzlich standen da Anna nicht nur die Option A oder B vor Augen, sondern auch C. Warum nicht Gott ganz und gar folgen? Warum nicht ihr ganzes Leben in die Nachfolge stellen?

Anna führte viele Gespräche. Mit Vorgesetzten, mit Freundinnen, mit Kollegen. Sie entschloss sich zu einer Auszeit, sagte Termine und Einladungen ab, zog durch die Lande. Anna lebte in Klöstern, half in Spülküchen und beim Fegen des Gäste-Parkplatzes. Was wollte Gott von ihr? War es möglich, dass er sie meinte?
Anna machte viele Erfahrungen und kehrte immer wieder zu ihrem Kloster zurück. Irgendwann war es soweit. Anna wurde vorgeschlagen, ihre Bitte um Aufnahme in die Gemeinschaft an die Priorin zu richten. Sie schrieb einen Brief. Sie ganz allein. Es war ihr Wunsch, ihr Wille.

Nach einer Woche erhielt sie Antwort der Priorin. Nein. Sie, die Priorin, könne nicht der Bitte entsprechen. Vielfältige Gründe sprächen dagegen, dass Anna eine Zukunft in der Gemeinschaft haben könne. Für Anna brach eine Welt zusammen. Sie hatte getan und gemacht, ihre Ersparnisse aufgebraucht, Gespräche gesucht, gebetet, reflektiert, gehofft, gebangt. Nein. Unendlich viele Tränen flossen. Mehr als es Krüge hätte geben können. Nein.

Zum Leben braucht es Geld und eine Wohnung. Anna fand eine kleine Wohnung in einer Großstadt. Sie konnte anknüpfen an alte Bekannte, Freundinnen. Sie stieg wieder in ihren alten Beruf ein. Viele freuten sich, sie wiederzusehen. Das tat ihr gut, wenn es auch den Schmerz berührte, dass sie eigentlich hätte woanders sein wollen.
Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Mittlerweile hat Anna schon im dritten Jahr Tomaten auf ihrem Balkon ernten können. Im Oktober geht sie mit ihrem Bruder zu einem Toten-Hosen-Konzert. Sie liebt ihre Arbeit mit psychisch Kranken und überlegt, sich einen Hund anzuschaffen.
Ja. Religiös ist sie noch immer mit ihren Fragen und Zweifeln. Religiös ist sie noch immer, wenn auch anders. Ganz anders.

Gebet: Herr, mit Petrus stehen wir vor Dir. Wir sehen, was wir hinter uns gelassen haben. Manches freiwillig, anderes unfreiwillig. Wir bitten dich, hilf uns, Dir und deinem Wort zu vertrauen. Wer dir nachfolgt, wird neu und reich beschenkt. Lass es uns entdecken und nicht müde werden, dir zu folgen. Amen.

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