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Ohne Unterschiede geht es nicht. Aber wenn Einkommen zu ungleich verteilt sind, droht der Knall. Grafik: TSEW

„Geld wie Dreck“

Soziale Gerechtigkeit

Aus der Printausgabe - UK 39 / 2017

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 22. September 2017

Geld ist genug da. Aber davon müssen alle profitieren. Das ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern hat auch mit reinem Eigennutz zu tun: Denn sonst droht irgendwann der große Knall

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Ohne Unterschiede geht es nicht. Aber wenn Einkommen zu ungleich verteilt sind, droht der Knall. Grafik: TSEW

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„Es gibt auf der Erde Geld wie Dreck, es haben nur die falschen Leute.“ Der Satz klingt nach Klassenkampf. Gesagt hat ihn aber der kürzlich verstorbene Heiner Geißler. Der war CDU-Politiker. Die bringt man normalerweise nicht mit Klassenkampf in Verbindung.

Geißler war ein erstaunlicher Mensch (UK berichtete). Vom Scharfmacher des politisch konservativen Lagers in Deutschland zum Globalisierungskritiker – der Wandel des langjährigen CDU-Generalsekretärs hatte fast biblische Züge: vom Saulus zum Paulus. Und tatsächlich spielte die Bibel bei ihm eine grundlegende Rolle: „Die Bergpredigt ist auch der Aufruf zu einer neuen, friedlichen und gerechten Weltordnung.“ Der katholische Christ wurde nicht müde, diese Sicht des Evangeliums zu predigen: Wer an Jesus Christus glaubt, darf sich nicht zufrieden geben mit der extrem ungleichen Verteilung von Geld und Macht.

Mit der Kritik am Geld steht Geißler nicht allein. Auch ein anderer früherer Repräsentant des „Establishments“ prangert die ungleiche Verteilung von Einkommen an. Edzard Reuter stand jahrelang an der Spitze eines Unternehmens, das als Symbol für die Welt der Mächtigen und Reichen gilt: Von 1987 bis 1995 leitete Reuter den Vorstand des Stuttgarter Autokonzerns Daimler. Heute sagt er: Es muss etwas geschehen. „Wir müssen nachsteuern, wenn wir nicht wollen, dass es auch hier in Europa bald selbstverständlich wird, dass wie in den USA unter der Brücke arme Schlucker hausen und oben Millionäre drüberflanieren.“ Immer mehr Menschen mit Zeitarbeitsverträgen stünden Managern gegenüber, die Bezüge im zweistelligen Millionenbereich bekommen, so Reuter in einem Interview der Süddeutschen Zeitung.
Kapitalismuskritik ist nicht neu. In diesem Fall aber kommt sie von Menschen, die lange den Kapitalismus vertreten haben. Man hört bei ihnen heraus, dass das nicht allein eine Frage der Moral ist. Sondern auch mit Realitätssinn zu tun hat.
Denn im Laufe seines Lebens macht ein aufmerksamer Mensch zwei Erfahrungen mit dem Kapitalismus.

Erstens: Ohne Unterschiede geht es nicht. Der Traum von der Gleichheit aller mag Visionen befeuern. Auf lange Sicht aber funktioniert er nicht. In aller Regel wird nur der mehr leisten, der dafür einen höheren Lohn bekommt.
Aber zweitens: Wenn diese Unterschiede zu groß werden, funktioniert es auch nicht. Wenn ein Vorstandsvorsitzender bis zu 400-mal so viel verdient wie der Arbeiter, ist Revolution vorprogrammiert. Oder, mit den Worten von Edzard Reuter: Es wird knallen, wenn wir nicht endlich aufwachen.

Am Sonntag ist Wahl. Egal, welcher Bundestag dann über die Geschicke in Deutschland bestimmen wird: Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, wie die Dinge sind. Wir – als Bürgerinnen, als Christen, als Kirche – dürfen nicht aufhören, zu mahnen, zu argumentieren und einzufordern: Die Spaltung der Gesellschaft darf nicht noch weiter voran­galoppieren.

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 22. September 2017, 17:56 Uhr


Wohl wahr, Herr Hoeffchen. In der Tat schwimmen wir im Geld, und es gibt Vertreter unserer Eliten, die sich nach Gutdünken daran bedienen.
Es entspricht meiner politischen Erfahrung, dass Geld immer dann floss, wenn mächtige Interessen danach verlangten.
Gegenüber den Bedürftigen zeigte sich unsere Obrigkeit in der Regel weit weniger spendabel. Ja, es sei schon wünschenswert, aber man könne nicht alles leisten, hörten wir sie dann.
Ich hörte vor wenigen Tagen den Repräsentanten einer neuen Regierungskoalition in meinem Bundesland sagen, dass finanzielle Mittel, nach denen verlangt werde, erst einmal von den Fleißigen erarbeitet werden müsse.
Da grauste es mich. Da scheffeln etliche Milliarden, streichen unanständige Gewinne ein und verordnen "denen da unten" schmale Küche.
Unser Land ist ungerechter geworden. Die Einen horten Aktienpakete, die Anderen sammeln Leergut, um über die Runden zu kommen. Man sieht sie täglich, diese armselig gekleideten Zeitgenossen, die sich verstohlen von Abfalleimer zu Abfalleiner schleichen, um ein paar Flaschen Leergut zu ergattern.
Die Flüchtlingskrise hat gezeigt, was eine Gesellschaft leisten kann, wenn sie denn will.
Wollen aber muss sie schon, und um es banal zu sagen, können kann sie auch.
Die Ressourcen sind da.
Mir graust vor dem Wahlsonntag und mit einem unguten Gefühl erwarte ich das Ergebnis für die AFD. Mir begegnen Menschen, die sich von den Eliten nicht mehr wahrgenommen fühlen und es "denen da oben" mit dem Stimmzettel heimzahlen wollen.
Wer nichts mehr hat, hat eben auch nichts mehr zu verlieren.
Danke für Ihren Beitrag.

Paperback
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Schallblech, 22. September 2017, 18:44 Uhr


Volle Zustimmung, Paperback. Wenn Geld, Nahrung, Böden, Ressourcen zu gleichen Teilen verteilt würden, könnte es für alle reichen.
Wie schon Peter Alexander sang: Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere.
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Michib, 30. September 2017, 13:23 Uhr


„In aller Regel wird nur der mehr leisten, der dafür einen höheren Lohn bekommt.“ Der Satz wird nicht wahrer, wenn man ihn endlos wiederholt. Schauen Sie sich - naheliegend - die ehrenamtliche Arbeit an; beobachten Sie Müllwerker oder Reinigungskräfte bei ihrer Arbeit. Wenn sie nicht geschunden werden, um das Letzte aus ihnen herauszuholen, entwickeln sie in ihrer Arbeit Fähigkeiten, Kompetenzen und leisten mehr - ohne sich bessere Bezahlung erhoffen zu können. Triebfedern sind Spaß und Ehrgeiz; Entgelt als Antriebskraft funktioniert nur, wenn der Spaß grundsätzlich fehlt.
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Atlantica, 17. Oktober 2017, 22:12 Uhr


In den 50er Jahren war es sicher in der BRD eine weitverbreitete Vorstellung und wichtig fuer das "WIRTSCHAFTSWUNDER" (welches keines war), dass Leistung sich lohnt.

HEUTE gilt dieses Prinzip sehr eingeschraenkt. Der Wohlstand wird nicht mehr im Schweisse des Angesichts errungen. In der Tat befremdlich das Festhalten an dem von Michi kritisierten Satz. Richtig!
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Ruckzuck, 19. Oktober 2017, 17:33 Uhr


Ich finde den Satz gar nicht so falsch: „In aller Regel wird nur der mehr leisten, der dafür einen höheren Lohn bekommt.“ Nach meiner Lebens- und Berufserfahrung stimmt das - auch wenn der Lohn nicht immer monetär ausfallen muss. Insofern stimme ich dann der Kritik in gewisser Weise auch zu. Aber: Auch Anerkennung, Lob, Erfüllung, das Erfahren von Sinnhaftigkeit können dann „Lohn“ der Mühe sein. Und ganz ehrlich: In vielen Bereichen musst du einfach mehr zahlen, wenn jemand mehr Leistung/Verantwortung übernehmen soll.
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Atlantica, 19. Oktober 2017, 21:18 Uhr


Der Mensch muss seine Arbeit machen. Wie gut, wenn er sie gerne macht, motiviert ist. In solchen Augenblicken fragt man doch nicht nach Geld, Michi hat recht.


Ruckzuck, ja, niemand arbeitet ohne Aussicht auf Belohnung, richtig.

Glybyrne, 20. Oktober 2017, 11:32 Uhr


dich, uch frage nach geld denn ich muss davon leben und ich bin manchmal schon froh wenn meine arbeit auch nur halbwegs erträglich ist. beamte in quasi unkündbarer stellung mögen das gerne anders sehen. ehrlich ich rege mich nanchmal auf wenn unser pastor über diese dinge redet. ist ein guter mensch aber davon hat er keine ahnung woheer auch ?

Glybyrne, 20. Oktober 2017, 11:33 Uhr


doch, ich frage nach geld denn ich muss davon leben und ich bin manchmal schon froh wenn meine arbeit auch nur halbwegs erträglich ist. beamte in quasi unkündbarer stellung mögen das gerne anders sehen. ehrlich ich rege mich nanchmal auf wenn unser pastor über diese dinge redet. ist ein guter mensch aber davon hat er keine ahnung woheer auch ?
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Atlantica, 20. Oktober 2017, 18:56 Uhr


Das kann ich verstehen, Glybyrne, das Thema ist schwer. Nach Geld fragen, ja. Aber nicht während der Arbeit: da soll ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren, sonst wird das nichts.
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