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Himmel und Erde berühren sich manchmal, wenn zwei Menschen sich berühren. Wenn der eine den anderen tröstet, ihm zuhört, ihm Kraft zuspricht und einfach da ist. Wenn Menschen Grenzen überwinden, sich versöhnen, fürsorglich und achtsam miteinander umgehen. Eine solche Haltung entspricht dem Reich Gottes. Jesus macht das deutlich, indem er auf die zugeht, die am Rande der Gesellschaft leben, und ihnen Achtung und Heilung bringt. Foto: Wayhome Studio

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Du lässt mich nicht kalt

Andacht

Von Klaus Breyer | 17. September 2017

Über den Predigttext zum 14. Sonntag nach Trinitatis: Markus 1, 40-45

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Himmel und Erde berühren sich manchmal, wenn zwei Menschen sich berühren. Wenn der eine den anderen tröstet, ihm zuhört, ihm Kraft zuspricht und einfach da ist. Wenn Menschen Grenzen überwinden, sich versöhnen, fürsorglich und achtsam miteinander umgehen. Eine solche Haltung entspricht dem Reich Gottes. Jesus macht das deutlich, indem er auf die zugeht, die am Rande der Gesellschaft leben, und ihnen Achtung und Heilung bringt. Foto: Wayhome Studio
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Klaus Breyer (58) ist Pfarrer und Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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Predigttext
40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41 Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will‘s tun; sei rein! 42 Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. 43 Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

Was für eine Geschichte! Jesus zieht durch Galiläa. Die Menschen jubeln ihm zu. Er heilt Kranke, treibt Dämonen aus. Mit „Vollmacht“ lehrt er in den Synagogen. Ein Aussätziger, ein von den Lebenden für immer Ausgestoßener, hört davon. Er macht sich auf zu Jesus. An der Grenze zwischen den Lebenden und den lebendig Toten treffen beide aufeinander. Der Kranke kniet nieder und bittet Jesus: „Wenn du willst, kannst du mich reinigen.“

Das Schicksal des Leprösen lässt Jesus nicht kalt. „Es jammerte ihn“, berichtet Markus. Dann geschieht etwas für die damalige Zeit Ungeheuerliches. Jesus streckt seine Hand nach dem Unreinen aus. Er berührt den im Wortsinn Unberührbaren. Jesus durchbricht die Mauer der Isolation, überschreitet die Grenze von Rein und Unrein, von festgefügten Ordnungen und Vorschriften. Nur ein knapper Satz folgt, keine langatmigen Erklärungen über das Wieso und Warum: „Ich will es tun: sei rein!“ „Und alsbald wich der Aussatz von ihm und er wurde rein.“ Jesus macht den Unreinen nicht nur „rein“ sondern holt ihn auch wieder „herein“ in die Gemeinschaft Er gibt dem gesellschaftlich tot Erklärten das Leben zurück.

Festgefügte, scheinbar unumstößliche Ordnungen, die Aufteilung der Welt in Reine und Unreine, Lebende und lebendig Tote, Starke und Schwache, Reiche und Arme, Einflussreiche und Ohnmächtige, all dies existiert nicht mehr, weil Gott sich an die Seite der Kranken und Ausgegrenzten stellt.

Dann nimmt unsere Heilungsgeschichte eine mich erst einmal sehr befremdende Richtung. Unerwartet und barsch fährt Jesus den geheilten Aussätzigen an. Mit keinem soll er über seine Heilung sprechen, sondern sich nur dem Priester zeigen. Nahm Jesus ernsthaft an, dass das Unfassbare, das Unerhörte und Wunderbare ein Geheimnis bleiben könnte? Ich glaube, Jesus hatte Sorge, als Wunderheiler missverstanden zu werden. Bei der Heilung des Aussätzigen geht es ihm um mehr als um die Gesundung eines einzelnen. Es geht ihm auch um die Gebrechen der Gesellschaft, um das Zurechtbringen aller zerbrochenen Gottesbeziehungen und die Heilung aller Menschen. Gott will alle Menschen versöhnen, nicht nur den einen oder anderen. Christi Tod und Auferstehung leuchten hier am Horizont auf.

In der Geschichte vom Aussätzigen begegnet daher Jesus auch uns. Nicht nur dem Aussätzigen, sondern jedem von uns sagt er: Gleich welches Schicksal dich plagt, gleich welche Schuld dich umtreibt, welche Geschichte du auch immer hast: Du bist mir willkommen, dich suche ich. Keiner soll Außenseiter bleiben, all die „Mühseligen und Beladenen“, sie sollen kommen und sie sind willkommen!

Jesus ermutigt uns, ein Leben zu führen in der Kraft der Hoffnung auf das kommende Reich. Solch ein Leben bleibt nicht folgenlos: nicht für uns persönlich, nicht für die Welt, in der wir leben. Jesus berührt uns, dass auch wir uns berühren lassen, von dem, was nicht gut ist in der Welt. Er tröstet uns, so dass auch wir trösten. Er liebt uns, so dass auch wir Liebe weitergeben. Jesus ermutigt uns, seine Gemeinde zu sein, eine Gemeinde mit anderen und für andere, eine Gemeinde, wo nicht der Reiche Vorrang hat vor dem Armen, die Gesunde vor der Kranken, der Mächtige vor dem Ohnmächtigen, wo Menschen aufrichtige Gemeinschaft und Wertschätzung erfahren.

Bei der wunderbaren Heilung des Aussätzigen erleben wir, was passiert, wenn Himmel und Erde sich berühren. Eine „andere Welt“, in der das Trennende überwunden wurde, ist nicht nur möglich! Gott hat uns diese „andere Welt“ verheißen. Jesus ermutigt uns, aus der Kraft der Hoffnung auf das noch Kommende heute schon zu leben und dafür das im Wortsinn Menschenmögliche zu tun. Mag uns vieles auch noch so klein erscheinen.

Gebet: Guter Gott, auch unter uns leben Aussätzige, Menschen, bei denen wir nur zu oft wegsehen, deren Klage wir nicht hören. Gott, du berührst uns, damit auch wir uns von ihrem Schicksal berühren lassen. Schenke uns die Kraft und den Mut, das Trennende zu überwinden. Amen.

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