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„Besondere sprachliche Fehlleistungen“ – die wirft der Verein Deutsche Sprache der evangelischen Kirche vor und kürt sie zum „Sprachpanscher des Jahres“. Worum geht es da? Grafik: TSEW

Locker bleiben

Sprachpanscher des Jahres

Aus der Printausgabe - UK 37 / 2017

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 8. September 2017

Kirche des Worts – so sehen sich die Evangelischen. Jetzt bekommen die Erben Martin Luthers gewaltig eins auf den Deckel: Ein Verein wirft ihnen Sprachpanscherei vor

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„Besondere sprachliche Fehlleistungen“ – die wirft der Verein Deutsche Sprache der evangelischen Kirche vor und kürt sie zum „Sprachpanscher des Jahres“. Worum geht es da? Grafik: TSEW

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Es gibt Worte, die können einen auf die Palme bringen. Peace box zum Beispiel. Das hat mal ein Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Bestatter in die deutsche Sprache einbringen wollen. Gemeint war der Sarg. Die bisherige Formulierung schien dem obersten Bestatter der Republik offenbar nicht mehr schmissig genug. Und wo er schon mal dabei war, wollte er auch gleich die Berufsbezeichnung aufpolieren: Funeral Master, so sollte der Bestatter der Zukunft heißen.

Durchgesetzt haben sich die Vorschläge nicht. Aber sie brachten dem Urheber den Titel „Sprachpanscher des Jahres“ ein.
Mit diesem Negativpreis zeichnet der „Verein Deutsche Sprache“ jährlich Personen oder Institutionen aus, die durch „besondere sprachliche Fehlleistungen“ auffallen, wie der Verein erklärt. Die zweifelhafte Auszeichnung haben Vorstandsvorsitzende erhalten, Politiker, eine Ministerin, eine Modeschöpferin. Und der deutsche Turnerbund.

In diesem Jahr hat es die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erwischt.
Sie wird dafür gescholten, dass sie Angebote zum Segnen mit den englischen Ausdrücken „Moments of Blessing“ und „Bless­U-2“ be­zeichnet. Auch der Ausdruck „Godspot“ (statt des üblichen „Hotspot“) für freie, drahtlose Internetzugänge in Kirchen war den Juroren ein Dorn im Auge.

Tatsächlich steckt hinter dem modischen Einstreuen, Mischen und Aufpfropfen englischer Worte in die deutsche Sprache häufig nichts anderes als Imponiergehabe. Unnötig, weil es – nicht immer, aber oft genug – durchaus Begriffe in der eigenen Muttersprache gäbe, die den gleichen Sachverhalt genauso treffend ausdrücken könnten.

Andererseits sollte man barmherzig sein. Wer Menschen erreichen will, steht immer in der Gefahr, sich anzubiedern. „Denglisch“ (die Vermischung von Deutsch und Englisch) mag manchmal peinlich daherkommen. Aber: Das ist der Preis für Kreativität. Wer ausprobiert, Neues wagt, wird auch mal über das Ziel hinausschießen. Und ganz ehrlich: So abwegig ist „Godspot“ als Bezeichnung für ein Angebot, das ja besonders eine junge und internationale Szene im Blick hat, nun auch wieder nicht.

Ist das Verrat an der Sprache?
Immer schon hat das Deutsche sich bei Fremdsprachen bedient. Portemonnaie, Niveau, Nase – wer stört sich heute noch an diesen, anderen Sprachen entlehnten Wörtern? Selbst Luther suchte bei der Bibelübersetzung zwar tagelang nach deutschen Begriffen, er ließ die Frohe Botschaft aber selbstverständlich griechisch „Evangelium“ heißen. Und einen seiner Mitstreiter kennt die Welt heute nur noch in der griechischen Version des Familiennamens Schwartzerdt: Melanchthon.
Locker bleiben. Sprache ist ein lebendig Ding. Natürlich kann man den Puristen herauskehren, die Sprache reinhalten wollen. Ein reizvolles Hobby.
Ist das Züchten von Brieftauben auch. Trotzdem würde heute niemand mehr auf die Idee kommen, auf den Gebrauch von Post, E-Mail und SMS zu verzichten.

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 8. September 2017, 13:14 Uhr


Um entwicklungsfähig zu werden, muss man auch einmal Kritik einstecken können. Es gehört zu den normalen gesellschaftlichen Spielregeln, Experten-Urteile zu akzeptieren. Und zwar sogar dann, wenn diese nicht ganz berechtigt sein mögen. Und da Kirche von sich aus diesen Zug zur Säkularisierung anstrebt, kann sie sich dem nicht entziehen.

"Locker bleiben". Das ist Wunschdenken. Es kommt mir vor wie ein Schüler, der einen mangelhaften Aufsatz zurückbekommt, zum Lehrer geht mit der Meinung: "Der Aufsatz war gut."
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Alwite, 8. September 2017, 19:29 Uhr


Wir lasen zum Thema ja bereits: Die EKD erklärte, sie nehme die Wahl "mit lutherischer Gelassenheit und Standhaftigkeit zur Kenntnis." So sehr ich den Wohlklang deutscher Sprache auch verehre und ein gepflegtes Deutsch hochachte, sagen die einen so und die anderen so...."Wenn wir nämlich gewisse Richtlinien des sprachlichen Ausdrucks nicht gründlich lernen, können wir weder unsere eigenen Gedanken darlegen, noch die Schriften aus früherer Zeit verstehen"... (Melanchthon) Selbst macht mich ein Imponiergehabe in Form angewandter Fremdworte wie auch der Preis schmunzeln. Doch sollte die letzte Zeile im Mathias-Claudius-Lied, "und meinen kranken Nachbarn auch" original erhalten bleiben. Wenn der Preis den Wandel unserer Sprachkultur auch nicht stoppen wird und sich doch um Beachtung verdient macht, hat die Vergabe seinen Zweck erfüllt:-)



Atlantica, 11. September 2017, 11:43 Uhr


Ich bin entsetzt, Alwite! Es muss heißen, "die Vergabe hat IHREN Zweck erfüllt"!!!.

Alwite, 11. September 2017, 12:40 Uhr


Lach - Dein Entsetzen voll krass. LOCKER BLEIBEN. "Deutsche Sprache schwere Sprache" - gemeint war: Der Preis - Doch befinden wir uns ja mitten im Preisausschreiben und da bist Du the winner.

Atlantica, 11. September 2017, 14:43 Uhr


Ach so. Wenn das man kein fake ist ;-).
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Atlantica, 18. September 2017, 10:24 Uhr


Es sollten auch gute Begriffe honoriert werden, die durch die neue Zeit entstanden sind: ein solcher ganz hervorragend nützlicher Begriff ist "Nachhaltigkeit". Alles dasjenige, welches nachhaltig ist, wirkt auf Dauer, ist keine Eintagsfliege, temporäre Schlagzeile. Nachhaltigkeit vielleicht ein Begriff für die Theologie? Dasjenige, welches heute gilt, soll auch morgen und alle Zeit gelten! Ist das nicht die höchste Stufe der Nachhaltigkeit?
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Atlantica, 18. September 2017, 10:24 Uhr


Es sollten auch gute Begriffe honoriert werden, die durch die neue Zeit entstanden sind: ein solcher ganz hervorragend nützlicher Begriff ist "Nachhaltigkeit". Alles dasjenige, welches nachhaltig ist, wirkt auf Dauer, ist keine Eintagsfliege, temporäre Schlagzeile. Nachhaltigkeit vielleicht ein Begriff für die Theologie? Dasjenige, welches heute gilt, soll auch morgen und alle Zeit gelten! Ist das nicht die höchste Stufe der Nachhaltigkeit?
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Atlantica, 18. September 2017, 10:24 Uhr


Es sollten auch gute Begriffe honoriert werden, die durch die neue Zeit entstanden sind: ein solcher ganz hervorragend nützlicher Begriff ist "Nachhaltigkeit". Alles dasjenige, welches nachhaltig ist, wirkt auf Dauer, ist keine Eintagsfliege, temporäre Schlagzeile. Nachhaltigkeit vielleicht ein Begriff für die Theologie? Dasjenige, welches heute gilt, soll auch morgen und alle Zeit gelten! Ist das nicht die höchste Stufe der Nachhaltigkeit?
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