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Wer bin ich? Was will ich? Und wer zeigt mir den richtigen Weg? Solche Fragen stellen Jugendliche besonders intensiv – an Äußerlichkeiten sieht man den Protest gegen alles „Spießige“, aber auch die Suche nach der eigenen Persönlichkeit. Aber nicht nur junge Menschen suchen. Im Leben gibt es immer wieder Momente, in denen wir neu nach Orientierung fragen; in denen ein früheres Nein fraglich wird und in ein Ja umgewandelt wird – oder andersrum. Siehe Predigttext! Foto: raisondtre

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So viel Nein

Andacht

Von Karen Koers | 26. August 2017

Über den Predigttext zum 11. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 21, 28-32

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Wer bin ich? Was will ich? Und wer zeigt mir den richtigen Weg? Solche Fragen stellen Jugendliche besonders intensiv – an Äußerlichkeiten sieht man den Protest gegen alles „Spießige“, aber auch die Suche nach der eigenen Persönlichkeit. Aber nicht nur junge Menschen suchen. Im Leben gibt es immer wieder Momente, in denen wir neu nach Orientierung fragen; in denen ein früheres Nein fraglich wird und in ein Ja umgewandelt wird – oder andersrum. Siehe Predigttext! Foto: raisondtre
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Karen Koers (37) ist Pfarrerin in der evangelisch-lutherischen Friedenskirchengemeinde Hagen.

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Predigttext
28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. 29 Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. 30 Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. 31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. 32 Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr‘s saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.

Als sie in den Konfirmandenunterricht kommt, versteckt sie sich hinter ihrer lila gefärbten Mähne. Mit dem Messer ritzt sie sich zuhause die Arme und Beine auf. Vanessa ist ein haltloser Teenager. Da ist keiner, der sie in ihrer Abwärtsspirale stoppen kann. Wenn sie etwas gefragt wird, sagt sie meistens Nein. Und wo immer sie es zeigen kann: Sie ist auf jeden Fall dagegen.

Im Duett mit ihrer Schulfreundin mischt sie die Gruppe auf. Zickenalarm von der feinsten Sorte. Auf der Konfi-Freizeit machen die zwei sich in der Mittagspause auf den Weg in das kleine Wäldchen. Ein ausgetrunkener Tetrapak Wein und eine leere Schachtel Zigaretten liegen dort, als die Konfirmandengruppe sich mit dem Bus auf den Rückweg macht.

Wo immer es geht, ist Vanessa dagegen

 „Ach, Zachäus, ich wusste noch gar nicht, dass du jetzt auch hier arbeitest?“, sagt Rosi. Ihr ausschweifendes Leben in der Vergangenheit lässt sie älter aussehen als Mitte 40.

„Ja, ist auch noch nicht so lange. Ich bin nach einem Praktikum hier hängengeblieben“, antwortet Zachäus. „Ist ja echt eine Menge zu tun in so einem Weinberg. Und mittlerweile macht es mir auch richtig Spaß.“ Auch er sieht immer noch etwas mitgenommen aus, wie damals, als sie sich im Sperrbezirk kennengelernt hatten. „Meine kleine Gelddruckmaschine“, so hatte er seinen Ein-Mann-Betrieb immer bezeichnet. Da schwang Stolz mit, einen Namen hat er sich auch gemacht, über die Stadtgrenze hinaus.

Keinen guten. „Abzocker“, schimpften die Leute. Wenn er jetzt von seiner neuen Arbeit erzählt, leuchten seine Augen. „Ach, es ist so schön grün hier, das tut mir gut. Grün, das war doch die Farbe der Hoffnung. Ich freu mich, wie es hier wächst. Und der Chef ist ja auch ein netter Typ.“

„Ja, das ist er wirklich. Ganz anders als die Männer, für die ich früher so arbeiten musste“, sagt Rosi augenzwinkernd.
„Das glaube ich dir. Und ich staune immer wieder, wer hier alles so zum Team gehört …“

Als Fresser und Weinsäufer hat er sich von ihnen beschimpfen lassen müssen. Eben hat Jesus noch im Tempel für klare Verhältnisse gesorgt: „Mein Haus soll ein Bethaus sein.“ Schon steht die Riege der Jerusalemer Frommen vor seiner Tür: „Wie kommst du dazu, hier so ein Theater zu veranstalten? Für wen hältst du dich eigentlich?“

Ach, wie mühsam diese Menschenfischerei in Jerusalem ist! Und gerade die, die damals schon den Einführungskurs bei Johannes mitgemacht hatten, sind jetzt die schwerfälligsten. Ja soll Ja und Nein soll Nein heißen – das war doch seine klare Ansage auf dem Berg. Und trotzdem: Es scheint nicht viel anzukommen bei ihnen. Was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, bleibt ein Geheimnis.

Halt finden und Halt geben

„Worte über Worte, Reden ohne Sinn. Lauter leere Phrasen wehen her und hin. Nur ein Wort, ein Wort genügt. Nur ein Wort, das nicht betrügt… Nur dein Wort schärft mir den Sinn. Nur dein Wort zeigt, wer ich bin.“ Die Gemeinde singt einen alten Kirchentagshit beim Gemeindefest. Vanessas lila Haare schimmern jetzt grün. Sie stemmt das Kinderprogramm, als hätte sie zehn Hände und zwanzig Ohren.
Viele sind zum Fest gekommen. Auch die „Problemkinder“ des Stadtteils, Jugendliche mit Migrationshintergrund, die kaum Deutsch sprechen, aber mitspielen wollen. Mit welcher Leidenschaft sie die Kinder einbezieht und herzliche und klare Ansagen macht! Sie hat hier nicht nur Halt gefunden, sie gibt selber Halt, als Leiterin des Jugendzentrums. Wer hätte darauf gehofft, nach so viel Wein und Nein?

Gebet: Guter Gott, wir danken dir, dass dein „Ja“ uns allen gilt. Deine Liebe lädt jeden ein, in deinem Weinberg mitzuarbeiten. Schenk uns auch ein offenes Ohr, immer wieder auf dein Wort zu hören. Gib uns ein Herz, das für dich schlägt und einen Mund, der halten kann, was er verspricht. Amen.

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