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Der Glaube soll Halt und Orientierung geben. Aber was wir davon verstehen, muss immer wieder neu erbeten und ausgehandelt werden. Foto: TSEW

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Ewige Wahrheiten

Glaube

Aus der Printausgabe - UK 33 / 2017

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 14. August 2017

Veränderungen machen Angst. Und davon gibt es zurzeit jede Menge: Die Welt sortiert sich neu. Gesellschaft und Kirche stellen ehemals eherne Grundsätze zur Diskussion. Was bleibt?

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Der Glaube soll Halt und Orientierung geben. Aber was wir davon verstehen, muss immer wieder neu erbeten und ausgehandelt werden. Foto: TSEW

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Die Welt wankt. Vielleicht war das nie anders. Krieg, Terror und Tote durch Gewalt gab es zu allen Zeiten. Was aber anders ist: Die Welt scheint sich neu zu ordnen.

Allem voran das erneute Rempeln und Rangeln der Supermächte. Die USA und Russland verstricken sich immer mehr in einen neu aufflammenden Zwist. Von Nickligkeiten über Stellvertreterkonflikte geht es zu ernsthaften Drohgebärden. Eine Linie ist dabei nicht zu erkennen. Mal sieht es nach Annäherung aus (Präsident Trump, dem man persönliche Sympathien zum russischen Präsidenten Putin nachsagt). Mal nach Eskalation (Kongress und Senat, die einstimmig Sanktionen gegen Russland beschließen). Wenn man morgens die Schlagzeilen anschaut, ist man ja schon fast überrascht, wenn es über Nacht mal keine Kapriolen gegeben hat.

Im Windschatten dieses Hickhacks zieht China auf. Viele Beobachter sagen, dass hier das kommende Machtzentrum des politischen und wirtschaftlichen Weltgeschehens liegen wird.

Irgendwo dazwischen sorgen Islamismus und Nordkorea für Angst und Verwirrung.
Wenn man zynisch sein wollte, könnte man sagen: Der Kalte Krieg hatte immerhin garantiert, dass die Fronten klar waren. Wir hier (der Westen). Die da (der Osten).
Und jetzt? Die Grenzen verwischen. Bis hin zu Regierungskreisen wird in Deutschland laut da­rüber nachgedacht, dass man sich unabhängiger von den USA machen müsste. Allmählich dämmert es, dass das neue „America first“ auch bei Sanktionen, Gerichtsprozessen und einem möglichen drohenden Wirtschaftskrieg eine Rolle spielen könnte. Aber wo liegen die Alternativen? Europa heillos zerstritten und gelähmt in neuen Nationalismen. Russland gilt als Erzfeind. China wegen seiner Menschenrechtslage als ausgeschlossen.

Veränderungen machen Angst.
Aber: Leben ist Veränderung. Ein Werden und Vergehen. Und wieder neu Werden.  Das gilt auch im persönlichen Bereich.
Und auch im Glauben.

Das, was ich als Kind geglaubt und verstanden habe, ist etwas anderes, als das, was ich als Jugendlicher verstanden und geglaubt habe. In der Mitte des Lebens war es dann wieder anders. Und schließlich, wenn das Ende in Sichtweite gerät, mag noch mal eine ganz neue Sicht des Lebens und Glaubens dazukommen.

Ehe für alle – wer hätte denn vor 30 Jahren daran gedacht, dass das mal von der Kanzel gepredigt werden würde? Und überhaupt, die Kanzel: Es ist noch nicht lange her, da durften da oben nur Männer reden – in der heutigen Zeit zumindest für die evangelische Kirche ein Unding.

Der Glaube soll und kann Halt geben. Aber nicht, in dem er vermeintlich „ewige Wahrheiten“ aufstellt, die sich nie mehr ändern dürften. Gottes Wahrheit ist ewig. Aber was wir davon verstehen, muss immer wieder neu erbeten und ausgehandelt werden.

Die Richtschnur dabei ist Gottes Liebe in Jesus Christus. Die gibt Halt und die Richtung an. Auch und gerade, wenn alles andere um uns herum ins Wanken gerät.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 14. August 2017, 13:52 Uhr


Die Welt wankt. Vielleicht war das nie anders. Krieg, Terror und Tote durch Gewalt gab es zu allen Zeiten. Was aber anders ist: Die Welt scheint sich neu zu ordnen.

Das finde ich wunderbar zutreffend formuliert! Die Welt ordnet sich nach jeder Apokalypse, wie sie bei verhaltenem Betrachten die Zeit noch längst nicht erreicht hat, neu. Der Zeitgeist jeweiliger Veränderungen prägt die Art der Untergänge und Neuordnungen. Verzeichnet und überliefert, der Mensch ist sich zu verändern unfähig. Die Güte Gottes und Christus als Vorbild unumstösslicher Bestand.
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Atlantica, 15. August 2017, 8:47 Uhr


Ich empfinde es voellig anders als du, Alwite. Was ich hier lese, erstaunt mich. Erst wird die augenblickliche politische Lage beschrieben. Dann kommt voellig unvermittelt, ohne jegliche gedankliche Bruecke, Jesus Christus ins Spiel. Jesus, der alles heilen kann. - Da muss ich mein Fragezeichen einbringen. Was meint ihr?
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Glybyrne, 15. August 2017, 10:06 Uhr


die brücke ist die angst vor veränderung. verunsicherung. so verstehe ich es.

Atlantica, 15. August 2017, 11:21 Uhr


Danke fuer die Erlaeuterung, glybyrne. - Leben ist Veraenderung. - Angst ist natuerlich ein weites Feld. Menschen wollen keine unsicheren, veraengstigten, Leitbilder und -figuren.
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Alwite, 15. August 2017, 18:12 Uhr


Wer als Kind den 2. Welt-Krieg erlebte. Verlust der Heimat, Haus und Hof und Familienmitgliedern erfuhr, fürchtet Neuordnung nicht. Sie ist für ihn so gegenwärtig, wie der Untergang der Mayas, Atztheken oder anderer Hochkulturen. Angst oder nicht, der Mensch hat sich Jahrmillionen nicht zu ändern vermocht. Die Natur (Gott) braucht den Menschen nicht - der Mensch braucht klare Ansagen, wie sie Jesus konsequent, bis zur Selbstaufgabe vorlebte.

Atlantica, 15. August 2017, 18:50 Uhr


Ein guter Ansatz, Alwite: Gott in der Natur. Auch Friedrich Schleiermacher ging von pantheistischen Gedanken aus. Später aber machte er die Liebe zum Programm seiner Theologie. Gott ist die Liebe. Die übersteigt die - auch menschliche - Natur.

Alwite, 16. August 2017, 7:43 Uhr


https://www.blick.ch/news/politik/interview-mit-dem-deutschen-philosophen-peter-sloterdijk-man-sollte-nie-etwas-fuer-unmoeglich-halten-id6391441.html
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Ulrich Keßler, 16. August 2017, 17:35 Uhr


"Die Ehe ist ein äußerlich, weltlich Ding", hat Martin Luther in seiner Schrift "Von Ehesachen" (1530) fest- und heraus gestellt. Für Eheschließungen ist ihm zufolge der Staat zuständig und soll dafür die (rein weltlichen) Regeln aufstellen. Auch dies gilt es im Jahr des Reformationsjubiläums einfach einmal festzustellen. Von daher ist die "Ehe für alle" aus protestantischer Sicht eine rein staatliche Regulierung und nicht Teil der Verkündigung von der Kanzel. Diese hat sich an der Bibel und ihren Aussagen, insbesondere am Evangelium von Jesus Christus, und seinen Aussagen, zu orientieren. - Dies nur als kleine Anregung von mir zu dem (durchaus merkwürdigen!) Satz von Herrn Hoeffchen: "Ehe für alle – wer hätte denn vor 30 Jahren daran gedacht, dass das mal von der Kanzel gepredigt werden würde?" -

Atlantica, 16. August 2017, 18:57 Uhr


Das finde ich durchaus überzeugend. Doch vermute ich, dass die "Ehe für alle" schon Konsens unter Pfarrern ist. Ich finde immer schade, dass Menschen Herdentiere sind und die Meinung vertreten, die gerade en vogue ist. Da ist vielleicht die Bibel nicht der schlechteste Maßstab. Hier lese ich jedenfalls nichts von der Ehe für alle. Ich denke, in dem Punkt habe ich mich geirrt. Man kann auch einmal einen Fehler zugeben.
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Paperback, 17. August 2017, 9:15 Uhr


Ich zitiere:

"Die Natur (Gott) braucht den Menschen nicht - der Mensch braucht klare Ansagen, wie sie Jesus konsequent, bis zur Selbstaufgabe vorlebte. "

Dieser Gottesbegriff scheint mir aber arg reduziert. So kann ich und will ich auch die Genesis-Geschichten nicht verstehen, handeln sie doch von einer Gott-Mensch-Beziehung.

Und ja: Gott braucht den Menschen nicht, aber- und das ist für mich theologisch nicht verhandelbar- Gott hat uns, hat mich von Anfang an als Gegenüber ins Leben gerufen.

Wie Jesus auch dürfen wir ihn Vater nennen, uns als seine Kinder verstehen. Davon aber redet die pantheistische Vorstellung nicht, sondern steht ihr diametral gegenüber.

Paperback
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Atlantica, 17. August 2017, 12:14 Uhr


Wie gut, dass du das nochmal geklaert hast, Paperback. Dass Gott und Natur nicht identisch sind, sieht man schon daran, dass es schoen und haesslich gibt. Ich hoerte mal eine Theologin, die allen Ernstes predigte: lasst euch nicht einreden, dass ihr haesslich seid. Von einem solchen Glauben halte ich nicht viel.
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Atlantica, 17. August 2017, 12:14 Uhr


Wie gut, dass du das nochmal geklaert hast, Paperback. Dass Gott und Natur nicht identisch sind, sieht man schon daran, dass es schoen und haesslich gibt. Ich hoerte mal eine Theologin, die allen Ernstes predigte: lasst euch nicht einreden, dass ihr haesslich seid. Von einem solchen Glauben halte ich nicht viel.

Alwite, 17. August 2017, 13:21 Uhr


Ist Gott mit der Natur auseinander zu devidieren nicht zu klein gedacht? Wenn der Mensch denn fähig ist, Gottes Geboten die Aufmerksamkeit zu widmen, die in Gottes Ordnung vorkommen, ist er integriert.
>Gottes Wahrheit ist ewig. Aber was wir davon verstehen, muss immer wieder neu erbeten und ausgehandelt werden.<
Wir wahr doch diese Worte sind...So lange wir uns nicht mühen, des anderen Ansinnen als lauter zu begreifen, werden Menschen wie Kain und Abel einander morden.

Atlantica, 17. August 2017, 14:16 Uhr


Nein. Es ist nicht zu kurz gedacht, Alwite.

Die Natur - was man sieht und was man weiss. Auch vermeintlich Unsichtbares wie Infrarot.

Gott - was man nicht weiss. Strenggenommen kann es keinen Logos von Gott, keine Theologie, geben.

Alwite, 17. August 2017, 17:41 Uhr


Ups - lieber Artlantica, weder Flora noch Fauna einschließlich menschlicher Anwesenheit auf unserem Miniplaneten. Mit Natur war das gewaltige Systhem eines lenkenden Schöpfers abermillionen Galaxien, in deren präziser Ordnung sich unser unbedeutender Erdball als winziger Punkt ins Ganze fügt, gemeint.
In diesem allmächtigen Lenker den Vater zu erkennen, fällt mir nicht schwer. Mögen Gelehrte noch so hoch studiert sein, allein Jesus gibt mir das WIE christlichen Verhaltens vor.
Die Unterscheidung Deiner Wahrheit zu meiner Wahrheit und allen anderen Wahrheiten veranlasst, sie als rechten Weg immer wieder neu zu erbitten.

Atlantica, 17. August 2017, 21:03 Uhr


Liebe Alwite, du hast einen dichterischen Zugang zu Gott, ich einen wissenschaftlichen. Einverstanden?

Herzl. Gruß

Atlantica
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Paperback, 17. August 2017, 13:49 Uhr


Ja, wir leben in einer Zeit geistiger, theologischer Verwirrung. Orientierung wird dadurch nicht nur erschwert, sondern partiell sogar verunmöglicht. Und ich fürchte, dahinter steckt Prinzip.
Das beginnt damit, dass die Begrifflichkeiten nicht mehr scharf sind. Ein solche Beispiel dafür wurde gerade geliefert: Gott=Natur.
Noch ist niemand auf die Idee gekommen, etwa die Wetterexperten in die theologischen Fakultäten einzugliedern.
Wir sehen uns in der christlichen Welt ja seit einiger Zeit vom Islam angegriffen und in vielen Bereichen auch real bedroht. Und es fehlt an der Abgrenzung unserer christlichen Repräsentanten gegenüber dieser Bedrohung. Der Islam hat ein Gewaltproblem, das nicht zu den öffentlichen Auftritten christlicher und muslimischer Repräsentanten passt. Während sie sich im Geburtsland Jesu Seite an Seite präsentieren, suggerieren, alle dem selben Geist zu dienen, morden die Anhänger der Einen quer durch die Welt.
Morden ist nicht christlich. Und es widerspricht Gottes Willen, wenn man denn die Zehn Gebote versteht. Da gibt es keine Gleichung.
Das will gesagt werden. Und es muss gesagt werden.
Übrigens ja: Die Natur hat streckenweise grausame Züge, weil sie keinem ethischen Prinzip folgt, sondern einer physikalischen, biologischen Dynamik.
Das aber hat mit Gott nichts, gar nichts zu tun, sondern wurde vom Menschen gemacht. Hier Gottes Willen zu unterstellen, Gott mit der Natur gleichzusetzen, missbraucht Gott als gefällige Chiffre.
Da lese ich die Bibel anders.

Paperback

Atlantica, 17. August 2017, 21:43 Uhr


Erste Anmerkung

Lieber Paperback, du schreibst von "unserer christlichen Welt". Das ist ein weitverbreitetes Missverstaendnis unter uns Christen: das Christentum, also wir, sind IN der Welt. Die Welt ist nicht christlich.



en detail


Lieber PB, leben wir in einer Zeit der Verwirrung? Du nennst als Beispiel die von Alwite aufgemachte Gleichung "Natur = Gott". Diese Gedanken pantheistischer Art existieren nicht erst seit der Zeit der Aufklärung, sondern sind viel älter. Aber Goethe, Schlegel und Schleiermacher griffen sie auf. Jedoch kann ich darin keine Verwirrung erkennen, wenn jemand heute pantheistisch denkt.

Die Schärfe der Begrifflichkeiten ist ein generelles Problem von menschlicher Kommunikation; allerdings bin ich einverstanden, wenn du sagst, die Welt ist heute komplizierter, wird aber simpler und mehrdeutiger kommuniziert. Das kann wohl sein.

Dass der Islam generell ein Gewaltproblem habe, ist deine Meinung, die ich so stehen lassen möchte. Ich kann in den meisten Muslimen, die man auf der Straße sieht, dagegen nichts Gewaltbereites entdecken.

Deine letzte Aussage bleibt mir unklar. Du gehst von einer Natur aus, die grausam sein kann. Wie ist dann der Bezug zum Menschen? Vom Glauben her möchte ich sagen, der Mensch kann sich frei zwischen gut und böse entscheiden.

Gruß
Atlantica
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Atlantica, 17. August 2017, 21:09 Uhr


Paperback, es ist nicht schlecht, was du schreibst. Bei allem Respekt: lass dich nicht verwirren. Nie war die Wissenschaft so weit entwickelt wie heute. Dass Wissenschaftler auf dem Glaubens-Auge blind sind, wusste schon Schleiermacher - und das gilt heute je mehr als zuvor! Wissen kann ja auch eine Versuchung sein, Gott abzuschaffen. Aber man kann nicht alles wissen, Gott lässt sich nicht abschaffen.

Dass der Islam ein Gewaltproblem hat, nun, auch das erinnert mich an Schleiermacher: das Christentum von der Barbarei befreien, die Wissenschaft vom Unglauben.

Ich werde deinen Beitrag im einzelnen noch lesen nach diesem etwas chaotischen Tag...
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