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Lutherbild in der Literatur «merkwürdig verfratzt»

Literatur

7. August 2017

Das Luther-Bild habe sich in den vergangenen 100 Jahren sehr verändert. So habe Thomas Mann die Reformation gelobt, den Reformator selbst jedoch als Antieuropäer gesehen, sagt der emeritierte Osnabrücker Theologieprofessor Horst Georg Pöhlmann.

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Luther-Denkmal in Wittenberg Foto: epd

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Frankfurt a.M. (epd). Das Luther-Bild in der modernen Literatur ist nach Ansicht des Theologen Horst Georg Pöhlmann "merkwürdig verfratzt". Aus dem umjubelten Heros des 18. und 19. Jahrhunderts sei im Verlaufe der vergangenen 100 Jahre so etwas wie ein Unhold geworden, sagte der emeritierte Osnabrücker Theologieprofessor im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das ziehe sich durch von Thomas Mann über Gottfried Benn bis hin zu Martin Walser. Kaum "verfratzt" dagegen sei dagegen die Darstellung von Feridun Zaimoglu in seinem jüngsten Roman "Evangelio".

Thomas Mann (1875-1955), der die Reformation einerseits eine "mächtige Befreiungstat" nannte, habe Luther angesichts seiner Betonung der Gewissensprüfung vorgeworfen, der Menschheit die "Selbstzerfleischung" gebracht zu haben, sagte Pöhlmann. Für Mann, der später in Luther auch eine Ursache des Hitler-Deutschland sah, sei der Reformator ein "Anti-Römer, Antieuropäer und Antisemit, ein Gottesbarbar" gewesen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

Kultureller Rückschritt

"Sein negatives Urteil über Luther ist mir unbegreiflich", sagte Pöhlmann. Dass Luther sich auf dem Wormser Reichstag 1521 auf sein Gewissen berief und sein Leben riskierte, hätte Mann doch eigentlich beeindrucken müssen. Luthers Plädoyer für das Individuum, sein bleibendes Erbe, sei letztlich doch auch für Thomas Mann wichtig gewesen, sagte Pöhlmann mit Blick auf die Romane "Doktor Faustus" und "Zauberberg".

Für Gottfried Benn (1886-1956) habe die Reformation geradezu einen kulturellen Rückschritt bedeutet, so Pöhlmann. Der expressionistische Dichter habe die Reformation als "Niederziehen" des von genialen Ansätzen in Malerei und Kunst geprägten 15. Jahrhunderts "zugunsten düsterer Tölpelvisionen" und "dumpfer konfessioneller Quälereien" bezeichnet, zitierte Pöhlmann den expressionistischen Dichter. Benn amüsiere sich über Luthers schrankenlosen Individualismus und seine Selbstquälerei, bei der alles "Schuld und Sühne" werde.

Walser warf Luther Inkonsequenz vor

Martin Walser habe Luther Inkonsequenz vorgeworfen, weil er die Wiedertäufer verurteilt habe, die erst durch ihn selbst entstanden seien, sagte Pöhlmann. "Wer hat den Münzer gemacht? Der Luther", zitiert Pöhlmann Walsers Äußerungen über den Begründer der Wiedertäufer-Bewegung, Thomas Münzer, und das Prinzip, ganz biblisch "ohne Amt, Eid und Eigentum" leben zu wollen. In seiner Abhandlung zur "Rechtfertigung" komme Walser mit dem Theologen Karl Barth zum Schluss, dass Glaube ein "Sprung ins Leere" und ein "Hohlraum" für die Gnade Gottes sei - eine Aussage, die wiederum auf Luthers Gnadenbegriff gründe.

Als eine der wenigen Ausnahmen unter mehrheitlich Luther-kritischen Literaten des 20. und 21. Jahrhunderts nennt Pöhlmann den von den Nazis in den Selbstmord getriebenen Dichter Jochen Klepper (1903-1942). Er habe erklärt, Luther sei Ersatz für den Kirchenbesuch.

Der jüngst erschienene Luther-Roman von Feridun Zaimoglu "Evangelio", der einen tobenden und von Ängsten gequälten Luther auf der Wartburg beschreibt, bringe auf den Punkt, worum es Luther gegangen sei: "um eine papstfreie Kirche, in der Christus allein das Oberhaupt ist."

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 13. August 2017, 9:43 Uhr


Zitat:

"Der jüngst erschienene Luther-Roman von Feridun Zaimoglu "Evangelio", der einen tobenden und von Ängsten gequälten Luther auf der Wartburg beschreibt, bringe auf den Punkt, worum es Luther gegangen sei: "um eine papstfreie Kirche, in der Christus allein das Oberhaupt ist."

Das nenne ich "auf den Punkt bringen".
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Atlantica, 18. August 2017, 7:46 Uhr


Das nennt man eben die Freiheit der Kunst!

Alle Bilder, seien es literarische, gemalte oder musikalische (J. S. Bach), nähern sich Martin Luther, dem Menschen, an. Ich habe in Wittenberg herrliche Zeichnungen gesehen, die fast wie Karikaturen wirken. Und auch die überlieferten Luther-Bildnisse sind sehr unterschiedlich. Augenfällig natürlich der junge Junker Jörg und der alte selbstsicher-gestrenge Herr.

Was ist nun mit "verfratzt" gemeint? Luther war tatsächlich eine Extrem-Person.

""Sein negatives Urteil über Luther ist mir unbegreiflich", sagte Pöhlmann."

Mir ist diese Mannsche Sicht sehr, sehr verständlich. Aber ich möchte gerne Luther rehabilitieren.

"Dass Luther sich auf dem Wormser Reichstag 1521 auf sein Gewissen berief und sein Leben riskierte, hätte Mann doch eigentlich beeindrucken müssen. Luthers Plädoyer für das Individuum, sein bleibendes Erbe, sei letztlich doch auch für Thomas Mann wichtig gewesen, sagte Pöhlmann mit Blick auf die Romane "Doktor Faustus" und "Zauberberg"."


Wer sagt denn, dass Thomas Mann NICHT von Martin Luther beeindruckt war? Nur dabei kann man doch nicht stehen bleiben. Nicht umsonst sind seit der Zeit des Ersten Weltkrieges völlig neue Vorstellungen aufgekommen. Jedenfalls war Luther nicht der Held, als der er aber noch 1917 gefeiert wurde. Hm, es scheint wohl eher so zu sein, dass eine differenzierte Wertung nicht angestrebt wird. Warum ist dies so? In der Tradition des Luthertums pflegte man ein Selbstverständnis - "lutherisch" - ganz auf Martin Luther verpflichtet. Aber ist dies heute noch aufrechtzuerhalten? Gibt es das noch? Selbstzerfleischung hin oder her, mir wäre das lieber als ein grassierender Fundamentalismus. Im einzelnen ist das schwer zu bewerten. Aber eines ist immer zu bedenken. Luther steht auf dem Boden der alten Theologie. Der Glaube wird durch Luther freier und moderner. Doch Begriffe wie die "Sünde" sind noch vorherrschend. Das ist in der Theologie vielleicht bis heute so. Auf der anderen Seite war die Rede davon, man könne Luther heute nicht mehr zum Kirchentag einladen. Das geht mir dann doch zu weit.
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