hg
Bild vergrößern
Das Gipfelkreuz auf der Zugspitze Foto: epd

Anzeige

Kulturgut, Zankapfel und Tradition

Freizeit

7. August 2017

Tausende Gipfelkreuze stehen in den Ostalpen. Sie sind christliches Symbol, gehören zum Bergklischee - und geben Anlass für Diskussionen. An einigen hängen mittlerweile auch tibetische Gebetsfahnen.

Bild vergrößern
Das Gipfelkreuz auf der Zugspitze Foto: epd

Anzeige

München (epd). Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, soweit das Auge reicht, die Bergketten der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol - dem Gipfelkreuz. Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei "mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin", sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). "Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu, wie die Kirche zum oberbayerischen Ort".

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit sind Gipfelkreuze nicht. In großer Zahl wurde sie erst ab dem 18. Jahrhundert aufgestellt, besonders viele kamen Mitte des 20. Jahrhunderts dazu.

Himmel und Erde

Berggipfel gelten in vielen Kulturen als Punkte, in denen sich "Himmel und Erde berühren". Darum sind religiöse Symbole naheliegend. Das Kreuz in den Alpen aber ist auch umstritten. Ein prominenter Kritiker ist Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht "zu religiösen Zwecken möblieren", sagte er im vergangenen Jahr der "Süddeutschen Zeitung". Im Sommer 2016 beschädigten Unbekannte mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer.

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück, wie Claudia Paganini urteilt, Philosophin an der Uni Innsbruck. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen aufgestellt wurden, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt die Autorin, die das Buch "Dem Himmel so nah" über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat.

So habe es beispielsweise früh Kreuze auf "Wetterbergen" gegeben - jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah. "Es gab Gebetsrituale an diesen Kreuzen, um um ein mildes Wetter zu bitten". In entlegenen Bergregionen habe man sich auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen.

Fahnenmasten errichtet

Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch "weiter den Berg hinauf gewanderte" Verwandte von Wegkreuzen gewesen, sagt Paganini. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale - aber auch als eher profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zu einem Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Alpengipfel - und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre "Macht über den bezwungenen Berg", wie Paganini erklärt.

Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, "Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht in Frage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist", erzählt sie. Die Lösung fand sich im Gipfelkreuz.

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die meisten Kreuze sei aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Thomas Bucher vom Alpenverein - oft als Zeichen der Dankbarkeit von heimgekehrten Soldaten.

Religionen mischen sich

Als der Transport durch Helikopter möglich wurde, kam es nach Paganinis Beobachtung zu "echten Challenges, wer das größere, pompösere Kreuz aufstellt". Die Wissenschaftlerin urteilt: "Die haben dann oft eher wie Fremdkörper gewirkt." Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa hin zu künstlerisch gestalteten Kreuzen, die als Zeichen der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden könnten.

Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt Bucher. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. "Das ist gar kein Konflikt", betont der DAV-Sprecher - es gebe in Bergsteigerkreisen eine "große kulturelle Verbundenheit zu Nepal". Für viele Alpenfreunde im DAV sei das Kreuz ohnehin eher "Kulturgut" als religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage aufstellt, das sei völlig unterschiedlich: Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden oder Privatinitiativen sei alles dabei. Es gebe eine Art "Gewohnheitsrecht", sagt Bucher: "Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinauf kommt." Denn im Normalfall müsse ein Kreuz alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht werden: "Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen."

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viel der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. "Viele, viele tausend", sagt Bucher, "mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel in den Ostalpen". Und Paganini ergänzt: "Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen."

1

Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 7. August 2017, 14:01 Uhr


In einer alten Geschichte des Eifelkreises Bitburg- Prüm kann nachgelesen werden, dass einstmals in der Eifel 1500 Wegekreuze standen. Schon im Jahr 777 nach Christi Geburt empfahl Papst Leo der XXX III. Wegekreuze zu bauen. Diese Kreuze sollten dazu dienen, dass sich die Menschen auf Ihren Wegen trafen und Gott für die bisher zurückgelegten Wegstrecken zu danken.
Bis zu 4500 Wegekreuze standen sogar in der gesamten Eifel und über 411.000 Stück bundesweit ( rein statistisch).

Wer sieht und beachtet diese Wege -oder GIpfelkreuze aber in der heutigen hektischen Zeit noch ? Die Autofahrer, wo wir ja alle zu zählen, haben schon genug zu beachten, wenn wir den normalen Straßenverkehr und dort alle Verkehrszeichen beachten müssen, von denen es bundesweit sogar über 20 Millionen geben soll.
Hilfe bei Unfällen und Autopannen können die Kraftfahrer sogar an über 14.000 Notrufsäulen an Autobahnen und Bundesstraßen oder über ihre eigenen Handys anfordern !
Brauchen wir denn jetzt noch Wege- oder Gipfelkreuze,ist die provokante Zwischenfrage ?
Ich würde sagen ja, weil für die Autofahrer an den Autobahnen schon wieder über 32 Autobahnkirchen erbaut wurden.

Daher müssen wir immer wieder neu abwägen, ein jeder für sich, welche Zeichen für unser Leben wichtig sind und wir sollten darauf reagieren und dafür dankbar sein, daß es an vielen Wegen und auf Bergen in der heutigen hektischen Zeit noch Orte gibt, an denen wir noch näher bei Gott sein können.
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen