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Von schwarz bis bunt sind bei diesem ökumenischen Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen alle Amtstrachten vertreten. Foto: epd

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Wofür steht der Schwarzkittel?

Gottesdienst

Aus der Printausgabe - UK 31 / 2017

Von Anke von Legat | 30. Juli 2017

Der schwarze Talar ist zum Symbol für das evangelische Pfarramt geworden. Dabei gibt es durchaus Unterschiede in der Amtstracht

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Von schwarz bis bunt sind bei diesem ökumenischen Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen alle Amtstrachten vertreten. Foto: epd

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Die einen mögen es schwarz-weiß: Einen schwarzen Talar soll die Pfarrerin oder der Pfarrer tragen und dazu ein weißes Beffchen. So sind sie als diejenigen, die für die Verkündigung ausgebildet und mit der Feier der Liturgie beauftragt sind, deutlich zu erkennen. Gleichzeitig tritt die Person unter dem weiten schwarzen Gewand zurück. Die Aufmerksamkeit liegt auf dem Gesicht und den Händen, und das kann der Konzentration auf die Predigt nur nützen.

Unmöglich, diese Betonung des Amtes, finden andere. Gilt nicht das Priestertum aller Gläubigen? Da ist es doch nur konsequent, auf die Äußerlichkeiten eines „geistlichen Standes“ zu verzichten und den Gottesdienst statt im Talar in Alltagskleidung zu verrichten. Auf diese Weise wird die Gleichwertigkeit aller Gläubigen stärker verdeutlicht; jeder Anschein von Abstand wird vermieden.
Wieder anderen ist das viel zu wenig feierlich. Sie vermissen die Sinnesfreude in den protestantischen Kirchen und schielen neidisch auf die prächtigen Gewänder der katholischen Geistlichen. Soll ein Gottesdienst denn nicht ein Fest für alle Sinne sein? Eine helle Albe mit bunter Stola ist da doch prächtiger anzuschauen als der dunkle, triste Talar.

Der Talar schafft Abstand und Sicherheit

Talar oder nicht, und wenn ja, in welcher Form – das ist zwar keine Glaubensfrage, wird aber trotzdem gern diskutiert. Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass die Kleiderfrage in evangelischen Gemeinden seit der Reformation durchaus unterschiedlich gehandhabt wurde. Zunächst wurden in der Regel die liturgischen Gewänder der katholischen Messe einfach weitergetragen. Schließlich waren die ersten protestantischen Prediger in den meisten Fällen nichts anderes als katholische Priester, die sich der Reformbewegung Luthers angeschlossen hatten.
Das gottesdienstliche Gewand galt den Reformatoren als „Adiaphoron“, also als eine biblisch nicht begründete Nebensächlichkeit, die für das Heil keine Rolle spielt. Wenn die Reinheit der Lehre stimmte, war es egal, ob ihr Verkündiger sie in schwarzer Professoren-Tracht oder in bunten liturgischen Gewändern vortrug.

In den folgenden Jahrhunderten war mehr oder weniger erlaubt, was gefiel. Erst der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) machte im Jahr 1811 dem Wildwuchs ein Ende. Er führte für alle Beamten – zu denen auch evangelische Pfarrer und jüdische Geistliche in Preußen gehörten – den schwarzen Talar inklusive weißem Beffchen ein. Das war weniger eine theologische als vielmehr eine pragmatische Entscheidung, denn Friedrich Wilhelm III. wollte vor allem eines: Einheitlichkeit.
Die aber hat sich letztlich nicht durchgesetzt. Heute ist das Tragen eines Talars für Pfarrerinnen und Pfarrer zwar in vielen evangelischen Kirchen Normalität; es gibt aber auch jede Menge Ausnahmen. So orientieren sich Pfarrer der Selbständigen Evangelisch-lutherischen Kirche (SELK), die sich der Kirchenreform Friedrich Wilhelms III. verweigert hatte, eher an den katholischen Amtsbrüdern und tragen weiße Gewänder mit Stolen oder auch einem Kasel genannten Überwurf in den Farben des Kirchenjahres.

In manchen reformierten Gemeinden, etwa in der Schweiz, treten Pfarrerinnen und Pfarrer dagegen häufig ohne Talar auf. Das Gleiche gilt für viele Freikirchen. Meist tragen die, die in ein geistliches Amt ordiniert worden sind, einen schwarzen Anzug oder – als Frau – schlichte dunkle Kleidung.

Auch Freikirchen betonen liturgische Funktion

Allerdings ist auch hier eine Tendenz zu einer deutlicheren Betonung bestimmter liturgischer Funktionen auszumachen: Bei Taufen zum Beispiel wird auch in Freikirchen inzwischen gerne zu einem „Tauftalar“ gegriffen, um den feierlichen, freudigen Charakter des Sakraments hervorzuheben. Und auf dem Friedhof macht ein Talar den Unterschied zu einem weltlichen Trauerredner deutlich. Hier, wie auch sonst in der Öffentlichkeit, gilt: Talarträgerinnen und -träger verschwinden mit ihren persönlichen Merkmalen in dem weiten Gewand – und werden andererseits durch seine Andersartigkeit besonders auffällig und erkennbar.
Übrigens: Gerade ordinierte Frauen – seien sie landeskirchliche oder freikirchliche Pfarrerinnen oder Prädikantinnen – sehen im Gebrauch eines Talars häufig einen Vorteil. Nicht nur, weil sie sich das Recht, ihn zu tragen, mit der Einführung der Frauenordination hart erkämpfen mussten, sondern auch, weil sie sich über das „Darunter“ dann weniger Gedanken machen müssen. „Die Leute sollen über meine Worte nachdenken, nicht über mein Dekolleté“, sagt eine baptistische Pfarrerin.
Da wird die unkleidsame Form des weiten, wallenden Schnitts, der nun einmal ursprünglich für breite Männerschultern geschneidert wurde, in Kauf genommen. Und das triste Schwarz frischen Männer wie Frauen inzwischen immer häufiger mit einer farbigen Stola auf. Das macht die schlichte Gelehrten-Tracht etwas sinnenfreudiger – und ein schönes Symbol für ökumenische Verbundenheit ist es außerdem.

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