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Zur Zeit wird viel über die Verrohung der Sprache geklagt. Aber haben Sie schon mal Luther gelesen? Grafik: TSEW

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Himmel, Arsch und Luther

Theologie 

Aus der Printausgabe - UK 31 / 2017

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 2. August 2017

Martin Luther nutzte eine derart derbe Sprachform, dass man heute dafür vermutlich von der Kanzel fliegen würde. Warum ist das so? Und: Sollte man daran etwas ändern?

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Zur Zeit wird viel über die Verrohung der Sprache geklagt. Aber haben Sie schon mal Luther gelesen? Grafik: TSEW

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Donnerwetter! Wenn man sich mit Martin Luther beschäftigt, wird man irgendwann auch auf seine Sprache stoßen. Und die hatte es in sich. „Scheiß-Bischof“, „Doktor Sau“, der große Reformator hatte keine Probleme, den Dreck gleich kübelweise über seine Gegner auszugießen. „Furz“ und „Arsch“ gingen dem Augustiner-Mönch und Theologieprofessor genauso leicht über die Lippen wie griechische oder hebräische Vokabeln.

Kraftausdrücke und Fäkal-Sprache – da kann es einem vorkommen, als ob man ins RTL 2-Programm geschaltet hätte. So dürfte auf der Kanzel heute wohl keiner mehr reden.

Aber: Das, was aus dem Munde heutiger Predigerinnen oder Prediger vermutlich einen Eklat auslösen würde, wird bei der Überfigur Martin Luther bewundert. Luther ist die Ausnahmeerscheinung, der Held, der für die gute Sache kämpfte. Der durfte das.
Tatsächlich aber fühlt man sich bei der Lektüre seiner Zitate frappierend an die heutige „hate speech“ erinnert; die „Hassrede“ – jene neu aufkommende Verrohung der Sprache, die in unsäglichen, aber quotenträchtigen Talkshows allabendlich in die Wohnzimmer flimmert und endlos wiederholt wird in den sozialen Medien des Internets.

Auch Luthers Zeit war eine Periode der „hate speech“. Die Kulturwissenschaft bezeichnet diese Periode mit dem Wort „Grobianismus“. Luther war also keineswegs der Erfinder der deftigen Worte.

Nur, dass Martin Luther immer noch einen draufsetzte. Der große Reformator schimpfte und provozierte, wütet und kanzelte ab wie kaum ein zweiter.
Luther war ein Phänomen. Vom Akademiker zum Straßenprediger, vom wissenschaftlichen Diskurs zur Wort-Gewalt eines Fischverkäufers, der die Menschen Kraft seiner Sprache zum Zuhören zwingt. Nicht alles ist dabei seiner Veranlagung zum Choleriker zuzuschreiben. Auch nüchternes Kalkül wird eine Rolle gespielt haben.

Denn Luther wollte die Menschen erreichen. Nicht nur die Akademiker und Gebildeten. Sondern das ganze Volk. Deshalb nutzte er die derbe Sprache. Deshalb schuf er einprägsame Wortbilder. Er suchte und fand die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Straßen. Er buhlte regelrecht darum.
Und genau daran hapert es heute.

Wer heute Theologinnen oder Theologen nach Gott und Glaube fragt, erhält meist erst mal eine Antwort: Das ist alles nicht so einfach.
Das stimmt auch. Es ist nicht einfach, eine 2000 Jahre alte Botschaft in heutiges Denken und Fühlen zu übersetzen. Aber auch für Martin Luther lagen schon 1500 Jahre zwischen dem, was er verkündete und wie er es verkündete. Und er fand einen Weg.

Niemand kann eine Jahrtausend-Figur wie Martin Luther einfach kopieren. Das muss man erst gar nicht versuchen. Aber: Das Evangelium so zu verkündigen, dass auch RTL 2-Zuschauer hinschauen und hinhören – wäre nicht das die Herausforderung heutiger Theologie?

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Leser-Kommentare öffnen

denkglaub, 2. August 2017, 15:03 Uhr


Ich predige gerne, wie mir der Schnabel gewachsen ist und lege nicht unbedingt jedes Wort auf die Goldwaage. Ich glaube und hoffe, meine Hörerinnen und Hörer mögen das.

Und es gibt Bereiche, da ist es auch gut, einmal ordentlich zuzuspitzen.

Auch die Bibel selbst ist ja nicht immer zimperlich in ihrer manchmal sehr direkten, manchmal gut versteckten und doch deutlichen Polemik.

Aber was Luther sich da erlaubt hat, sorry, das ging zu weit.
Und das muss man auch deutlich sagen.

Hatespeech geht einfach nicht.
Hatespeech ist denen vorbehalten, die das "Kreuzige ihn" brüllten.
In der Nachfolge Christi gehört man hingegen unter das Kreuz.
"Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Bei der Verkündigung sollten wir wissen, was wir tun und welche Geister wir rufen würden, wenn wir Hatespeech ala Luther propagierten.

Atlantica, 4. August 2017, 21:19 Uhr


Hatespeech ist bei Luther sicher ein grosses Problem. Ein weiteres Problem sehe ich in seiner mittelalterlichen Fixierung auf die Bibel: sola scriptura. Dennoch halte ich Luther fuer fortschrittlich und bis heute unverzichtbar. Er entdeckte a) das "Ich" und b) die Freiheit des Christenmenschen.
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Alwite, 2. August 2017, 18:26 Uhr


Das Evangelium so zu verkündigen, dass auch RTL 2-Zuschauer hinschauen und hinhören – wäre nicht das die Herausforderung heutiger Theologie?

Über dem Artikel und der Frage am Schluss, habe ich lange gesessen. Bei Georg Büchmann lesen wir: „Kein Werk der Literatur hat unsere Sprache so nachhaltig beeinflußt wie die Heilige Schrift. Das ist namentlich das Verdienst eines Mannes: Martin Luther, der seine Bibelübersetzung 1521 auf der Wartburg begann und 1534 abschloß.“

Luthers „hate speech“ oder die mittelalterliche Judensau beweisen, dass der Grobianismus der Kirchensprache zu keiner Zeit fremd war. Quantentheorie bis stellvertretende Wahrnehmung und RTL 2, sagen mir: "Alles ist eins".

Bleibt zu wägen, wess Sprache wie verstanden wird. Wenn Theologen in der Sprache der RTL 2-Zuschauer so überzeugend sind, dass das Evangelium ankommt, wird anschließend der Beweis der Geschwisterlichkeit und der Augenhöhe zum Gebot nicht nachlassender Mission. Mit Luthers erwiesener Sprachgewalt, an die Sprache von RTL 2 -Zuschauern anknüpfen - keine schlechte Idee:-) Wer traut sich?

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Atlantica, 2. August 2017, 21:49 Uhr


Die Reformation in den noerdl. Breiten geht wesentlich auf Martin Luther zurueck. Daher halte ich es fuer kontraproduktiv, ihn jetzt zum Buhmann zu machen. Die Kritik haette frueher erfolgen sollen. Ohne Luther keine Reformation. Ohne Reformation keine evangelische Kirche.
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Paperback, 9. August 2017, 23:03 Uhr


Danke Dir wieder einmal, Atlantica. Bei den auch in diesem Forum zu lesenden Vorbehalten gegenüber Luther kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, wir Protestanten müssten uns für den Reformator entschuldigen.
Ich stimme Dir völlig in Deiner Wertung zu, dass der Reformator ein Kind seiner Zeit war. Was denn sonst?
Nicht Luther pervertierte seiner Zeit die christliche Botschaft, sondern die Kirche Roms und die Päpste ihrer Zeit.
Will man heute die Spaltung überwinden, müssen sich beide Seiten aufeinander zubewegen. Im Moment sehe ich, dass man hier nur von den Protestanten Bewegung erwartet.
Ich- und ich denke, da stehe ich nicht alleine- sehe nach wie vor wesentliche Unterschiede zwischen den beiden christlichen Kirchen.
Da ist das Papsttum, das mit protestantischem Verständnis nicht vereinbar ist.
Auch die katholische Vorstellung vom Abendmahl hat keinen Platz im protestantischen Verständnis, wie auch nicht die Heiligenverehrung.
Ich wundere mich nicht zuletzt über die ranghohen Damen unserer Kirche, die dem Katholizismus immer wieder Brücken bauen wollen, hätte doch keine von ihnen auch nur annähernd eine Chance, ein vergleichbares Amt zu begleiten, wie sie es in unserer Kirche innehaben.
Nein, hier wird versucht, gleichzumachen, was so nicht zusammenpasst.

Paperback

Atlantica, 14. August 2017, 13:26 Uhr


Sehr gut auf den Punkt gebracht. Danke und Gruss an dich, Paperback. Atl.
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