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Haltung zeigen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Zum Beispiel dann, wenn andere nach dem eigenen Glauben fragen. „Beweis doch mal“, heißt es dann. „Gib uns ein Zeichen“, haben schon die Menschen von Jesus gefordert. Aber es geht nicht um äußere Beweise, sondern um eine Beziehung zu dem, der sich selbst das Brot des Lebens nennt. Dabei gilt: Wer sich zu Gott hält, kann andere nicht verhungern lassen. Foto: Photographee.eu
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Dr. Thorsten Jacobi (52) ist Pfarrer der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Antwerpen/Belgien und Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte an der Protestantischen Fakultät für Theologie in Brüssel.

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Das zweite Ich

Andacht

Von Thorsten Jacobi | 29. Juli 2017

Andacht über den Predigttext zum 7. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 6, 30-35

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Haltung zeigen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Zum Beispiel dann, wenn andere nach dem eigenen Glauben fragen. „Beweis doch mal“, heißt es dann. „Gib uns ein Zeichen“, haben schon die Menschen von Jesus gefordert. Aber es geht nicht um äußere Beweise, sondern um eine Beziehung zu dem, der sich selbst das Brot des Lebens nennt. Dabei gilt: Wer sich zu Gott hält, kann andere nicht verhungern lassen. Foto: Photographee.eu
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Dr. Thorsten Jacobi (52) ist Pfarrer der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Antwerpen/Belgien und Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte an der Protestantischen Fakultät für Theologie in Brüssel.

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Predigttext
30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? 31 Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): „Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.“ 32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. 34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. 35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium bedient sich einer Sprache, die verschlüsselt ist. Man braucht einen Schlüssel, um die Truhe zu öffnen und den Schatz zu finden, der darinnen liegt.

Mein erstes Schlüsselwort ist das Wörtchen „was“. In den ersten drei Versen erscheint es dreimal in Fragen, die Leute Jesus stellen: Was sollen wir tun, dass auch wir Gottes Werke wirken? Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was wirkst du überhaupt?

Die Leute fragen nach „etwas“, weil Religion für sie unter die vielen Dinge ihres Lebens gehört. So wollen auch sie wundersame Taten vollbringen und fragen danach, was sie dazu befähigen könnte. Sie wollen aber auch Aufschluss darüber haben, was sie von Jesus halten sollen: Er hat Fünftausend mit etwas Brot und zwei Fischen gesättigt, er ist ohne Boot quer über den See zu seinen Jüngern gelangt. Was hat das zu bedeuten? Religion ist für sie „etwas“ Wundersames, Rätselhaftes. Immerhin.

Religion als „Wundersache“?

Für einige Konfirmanden und ihre Eltern ist Religion zurzeit eher etwas Störendes, beinahe Lästiges. Viele Gemeinden haben vor den Sommerferien zum Konfirmandenunterricht eingeladen. Einige Pfarrerinnen und Pfarrer haben bereits genaue Zeitpläne mitgeschickt: Wann beginnt der Unterricht, wann ist der Vorstellungsgottesdienst? An welchem Wochenende findet die Freizeit statt? Auch bei uns in Antwerpen bewirken diese Angaben erst einmal einen Schock. Soviel Kirche auf einmal!

In der Regel ist bei den Jugendlichen die Bereitschaft, mitzumachen, durchaus vorhanden. Aber ihr Alltag ist schon jetzt mit Terminen und Verpflichtungen vollgestopft. Und nun kommt noch die Kirche, die Religion dazu. Es kommt noch „etwas“ obendrauf auf den Berg, der mit Schule, Sport und vielem anderen bereits ziemlich hoch ist. Andere im Lande empfinden dieses religiöse „etwas“ mittlerweile als etwas Überflüssiges. In Ostdeutschland, aber nicht nur dort, ist Religion oft etwas, was angeblich auch nicht fehlt. Aber ist Religion, ist Glaube überhaupt so ein „was“? Etwas, das noch dazukommen kann zu all dem anderen, aber nicht unbedingt dazukommen muss?

Es fällt auf: Jesus geht auf die Fragen der Leute nach dem „was“ nicht ein. In seinen Entgegnungen spricht er von seinem Vater, von Gottes Werk und Gottes Brot, und er sagt „Ich“. Diesen Schlüsselwörtern entnehme ich, dass es Jesus nicht um „etwas“ geht. Er spricht von Brot, das anders ist, keine Menschengabe, nicht von Mose. Es ist kein „etwas“, von dem man mehr oder weniger haben kann.

Worum es Jesus geht, ist vielmehr eine Haltung. Die gilt es zu entwickeln und einzunehmen. Religion ist eine Haltung, die mir zu einem zweiten Ich wird. Sie ist Ziel religiöser Bildung, auch des Konfirmandenunterrichts. Es ist eine Haltung, die ich in Verbindung mit Jesus entwickle. Und von der es nicht ein bisschen geben kann. Entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Ist mir diese Haltung zu eigen, so werden Menschen, die zu mir kommen, nicht seelisch verhungern. Und die auf mich ihr Vertrauen setzen, werden nicht am Durst menschlicher Enttäuschung leiden müssen. In Verbindung mit Jesus werde ich mit dem Wenigen, das mir zu Gebote steht, Menschen zum (Weiter-)Leben verhelfen.

Glaube kann es nicht „ein bisschen“ geben

Wenn es gut geht, werde ich mit meiner Haltung andere sogar verblüffen. Denn ich werde mit Problemen umgehen, als ob ich über Wasser laufen könnte. Mir stehen nämlich nicht Pralinen zur Verfügung, die man verzehren kann oder nicht. Es geht hier um, wie es heißt, „das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben“. Darum geht es. Haltung zeigen.

Gebet: Himmlischer Vater, halte mich, auf dass ich Haltung zeige. Lass uns Menschen nicht verhungern in unserem Sehnen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Lass uns nicht verdursten aus Mangel an Zuneigung und Ermutigung. Du gibst der Welt das Leben, du machst uns zu deinem Brot für andere. Amen

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