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So viele Formen, so viele Sprachen, so viel Liebe... Erklären lässt es sich nicht, dieses tiefe Gefühl der Verbundenheit, des Vertrauens und der gegenseitigen Anerkennung. Aber es ist da, und es findet so vielfältigen Ausdruck, wie es Menschen gibt. So ist es auch mit der Liebe zu Gott, dem Glauben: Jede und jeder findet ihren oder seinen eigenen Weg – und alle stehen dabei unter dem Schutz Gottes. Foto: olly
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Dr. Annette Müller (46) ist Pfarrerin in der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Heiden und Lehrbeauftragte für Homiletik an der Universität Göttingen.

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Liebe passt in kein Schema

Andacht

Von Annette Müller | 15. Juli 2017

Andacht über den Predigttext zum 5. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 1, 35-42

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So viele Formen, so viele Sprachen, so viel Liebe... Erklären lässt es sich nicht, dieses tiefe Gefühl der Verbundenheit, des Vertrauens und der gegenseitigen Anerkennung. Aber es ist da, und es findet so vielfältigen Ausdruck, wie es Menschen gibt. So ist es auch mit der Liebe zu Gott, dem Glauben: Jede und jeder findet ihren oder seinen eigenen Weg – und alle stehen dabei unter dem Schutz Gottes. Foto: olly
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Dr. Annette Müller (46) ist Pfarrerin in der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Heiden und Lehrbeauftragte für Homiletik an der Universität Göttingen.

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Predigttext
35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. 38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen‘s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. 40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“, dichtete Hermann Hesse am 4. Mai 1941 nach einer schweren Krankheit. Ursprünglich wollte er das Gedicht „Transzendieren!“ nennen,  was so viel heißt wie „überschreiten, sich wandeln“. Dann nannte er es einfach „Stufen“.

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Warum sie ausgerechnet diesen Mann anziehend findet, kann sie nicht sagen. Sein gestrickter Pullunder ringt ihr ein Lächeln ab. Aber sie mag seine zuvorkommende Art. Obwohl es längst aus der Mode ist, trägt er ihr die Tasche vom Bahnhof zur Uni und nachmittags wieder zurück. In der Bahn teilen sie Butterbrote mit Fleischwurst. Die beiden werden ein Paar und bleiben es, fünfzig Jahre lang. Leicht ist ihre Beziehung nicht, zu gegensätzlich sind sie vom Wesen her. Sie überstehen Krisen und lange Phasen des Schweigens. Aber ihre Liebe wird über die Jahre tiefer und reifer. Bei ihrer Goldenen Hochzeit hält der Ehemann eine Rede. Zum Schluss senkt er den Blick und murmelt verschämt in Richtung seiner Frau: „Danke, dass du es mit mir ausgehalten hast!“

Liebe übersteht Krisen und Schweigen

Jesus erblickt Simon, erkennt ihn und gibt ihm einen neuen Namen: Kephas, Felsbrocken.  Es ist wohl Liebe auf den ersten Blick. Woher nimmt Jesus das Vertrauen? Verdient hat er es nicht, der Fischer, der zum Missionar berufen wird. Simon neigt zur Selbstüberschätzung, was zu missglückten Experimenten auf dem See Genezareth führen wird: Fast ertrinken wird Simon, als er versucht, auf den Wellen zu balancieren. Als Feigling wird er sich erweisen, wenn sein Lehrer Loyalität dringend brauchen könnte: Jesus wird in Haft sitzen und auf seine Verurteilung warten. Aber Simon wird sich nicht dazu durchringen, für ihn Partei zu ergreifen. Und doch wählt Jesus genau diesen Mann zu einem seiner engsten Mitarbeiter. Im Laufe seines Lebens wird Simon über sich hinauswachsen und zu einer Führungsperson der jungen Christenheit heranreifen, einem Fels in der Brandung der Geschehnisse.  
Bei manchen Menschen ist die Begegnung mit Jesus Christus so intensiv wie Liebe auf den ersten Blick. Ihr Leben wird plötzlich erhellt von der Gewissheit: Dieser Wanderprediger ist nicht irgendein Retter, sondern ihr Retter. Diese Erkenntnis ist für sie wie ein Blitz, der alles erleuchtet und erschüttert. Bei anderen wächst die Beziehung zu Jesus Christus eher stetig. Das gleicht einem Hineinfinden, einem Sich-Hineinlieben oder Sich-Hineinleben in eine Verbindung, die sich als erstaunlich stark erweist über die Zeiten.

Liebe passt in kein Schema. Jeder und jede liebt auf eigene Weise. Auch die handelnden Personen im Predigttext haben einen je eigenen Zugang zu Jesus Christus und eine je eigene Sichtweise auf ihn. Entsprechend finden sie verschiedene Namen für ihn. Aber diese unterschiedlichen Perspektiven und Zugänge sind erwünscht!

Es ist Christus, der uns hilft zu leben

Ob es Liebe ist oder eine flüchtige Begeisterung, erweist sich im Laufe der Zeit. Für die Liebe zu einem Menschen oder zu Gott gilt: Im Zauber des Anfangs liegen möglicherweise Kraft und Euphorie. Wenn der Rausch verfliegt, wandeln sich Menschen und Gefühle. Das Ringen, das Scheitern und Neubeginnen gehören zum Reifen einer Beziehung dazu. Fest steht jedenfalls: Es ist nicht der Anfang, der beschützt und hilft zu leben, sondern Jesus Christus. Und das nicht nur im Taumel der ersten Liebe.

Gebet: Der Glaube kommt nicht aus mir selbst, sondern aus dir, Gott.  Mach dich bemerkbar in meinem Leben! Stärke in mir das Vertrauen zu dir, damit ich mich auf dich verlasse. Mein Leben und meine Zeit liegen in deiner Hand. Danke, dass du mich siehst und hörst. Amen.

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