hg
Bild vergrößern
Das war nichts! Weg mit der Seite. Neuer Versuch. – Wenn es doch so einfach wäre im Leben! Die Josefsgeschichte, aus der der Predigttext für diesen Sonntag stammt, ist da realistischer. Die Fehler und Konflikte der Vergangenheit lassen sich nicht ausradieren. Wir müssen damit leben. Trotzdem gilt Gottes Wort: „Fürchtet euch nicht.“ Das macht einen Neubeginn möglich. Die Geschichte Gottes mit uns Menschen geht weiter. Foto: Ivan Kruk
Bild vergrößern
Professor Dr. Alexander Deeg (45) ist ordinierter Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und lehrt Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

Anzeige

Seitenwechsel

Andacht

Von Professor Dr. Alexander Deeg | 8. Juli 2017

Über den Predigttext zum 4. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 50, 15-21

Bild vergrößern
Das war nichts! Weg mit der Seite. Neuer Versuch. – Wenn es doch so einfach wäre im Leben! Die Josefsgeschichte, aus der der Predigttext für diesen Sonntag stammt, ist da realistischer. Die Fehler und Konflikte der Vergangenheit lassen sich nicht ausradieren. Wir müssen damit leben. Trotzdem gilt Gottes Wort: „Fürchtet euch nicht.“ Das macht einen Neubeginn möglich. Die Geschichte Gottes mit uns Menschen geht weiter. Foto: Ivan Kruk
Bild vergrößern
Professor Dr. Alexander Deeg (45) ist ordinierter Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und lehrt Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

Anzeige

Predigttext
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Die letzte Seite ist aufgeschlagen, das letzte Kapitel des Buches Genesis, des ersten Buches Mose. Die Familiensaga von Josef und seinen Brüdern steuert auf ihr Finale zu. Die Geschichte der Jakobsöhne erscheint – vorsichtig gesagt – einigermaßen verwirrend. Jedenfalls anders, als man sich Normalbiographien unter dem Schutz und Schirm des Höchsten vorstellen könnte. Sie kennt die Überheblichkeit Josefs und den Hass seiner Brüder; sie ist eine Geschichte der Intrigen und des Verrats, der Lüge und der Täuschung. Und auch Kriminelles gibt es zu berichten: versuchter Mord, Menschenhandel. All das wird dargestellt in vierzehn Kapiteln des Buches Genesis (Gen 37–50).

Die letzte Seite ist aufgeschlagen. Und nun steht die Angst im Raum. Der Vater Jakob ist tot. Das könnte der Moment sein, auf den der Jüngste so lange gewartet hat, die Gelegenheit zur Vergeltung. „Ihr gedachtet es böse, mit mir zu machen, nun werde ich euch zeigen, was ihr davon habt!“ Es ist schon verständlich, dass sich die Brüder nicht direkt zu Josef trauen. Sie schicken andere vor, lassen ihm ausrichten: Dein Vater hat doch gesagt: Vergib deinen Brüdern! Ob er das gesagt hat oder ob die Brüder der Geschichte von Lüge und Täuschung eine weitere (Not-)Lüge hinzufügen? Josef jedenfalls sagt nichts, schweigt und weint.

Das erinnert an die verworrenen Familiengeschichten, in denen wir stecken – manchmal gut versteckt unter dem Deckmantel äußerer Aufgeräumtheit. Geschichten in einer unübersichtlichen Gemengelage der Gefühle. „Hätte ich damals doch …“ „Könnte ich es doch ungeschehen machen …“ „Aber soll ich wirklich zugeben, dass ich Mist gebaut habe?“ „Und wieso eigentlich ich? Er hat doch … Sie war doch immer …“ „Soll ich um Vergebung bitten?“ „Aber wie, bitte schön, soll ein erster Schritt der Versöhnung aussehen, ohne dass ich mich komplett lächerlich mache?“ In solchem Wirrwarr der Gefühle geht es um Wut und Angst und Scham, fließen Tränen, und gleichzeitig schimmert die Hoffnung, dass es vielleicht ja doch irgendwie wieder gut werden kann.

Die letzte Seite der Genesis ist aufgeschlagen, und die Brüder gehen den entscheidenden Schritt. Sie stehen direkt vor Josef, fallen vor ihm nieder. Und nun redet Josef. Aber er sagt nicht, was die Brüder doch erbeten hatten: „Ich vergebe euch! Macht euch keine Gedanken mehr wegen eurer Schuld. Schwamm drüber! Vergeben – vergessen. Wir fangen neu an!“ Die Genesis ist nicht Hollywood – und unsere Lebensgeschichten auch nicht. „Fürchtet euch nicht“, sagt Josef – Worte, die jenseits der Angst einen neuen Anfang ermöglichen, nicht jenseits der Schuld.
Auf der letzten Seite der Genesis ereignet sich der entscheidende Perspektivwechsel. „Ihr gedachtet … – Gott gedachte …“ So erhält der Kreislauf von Schuld und Vergeltung einen Riss. Die dunklen Kapitel in der Familiengeschichte des Jakob-Clans bleiben. Aber auf wundersame Weise ist die eigene Geschichte Teil einer umfassenderen Perspektive.

Wie gut! Ich muss mein Leben nicht zurechtbiegen, bis es irgendwie doch ganz wunderbar und sinnvoll erscheint, und ich kann darauf verzichten, mir und den Meinen eine Lebensgeschichte zusammenzulügen, die ich mir ja selbst nicht glaube. Das große Finale hätte man sich vielleicht triumphaler gewünscht. Aber so ist es allemal realistischer. Die Schuld bleibt ein Teil der Geschichte. Die Ganzheit kannst du getrost Gott überlassen.

So ist das letzte Kapitel der Auftakt zu einer neuen Geschichte. Es geht turbulent weiter, wenn die Nachfahren der zwölf Jakobsöhne ihre Wege gehen: als Sklaven in Ägypten, jubelnd nach der Befreiung, orientierungslos in der Wüste. Dann werden neue Kapitel aufgeschlagen. Und in denen spielen auch wir unsere Rolle – mit all unseren verworrenen Lebensgeschichten. „Gott gedachte es gut zu machen …“ Daher: Fürchtet euch nicht!

Gebet: Gott, die dunklen Kapitel meiner Lebensgeschichte stehen mir vor Augen. Du kennst sie. Die Schuld brauche ich vor dir nicht zu verstecken. Hilf, Gott, neue Seiten aufzuschlagen in den verwirrenden Zusammenhängen meines Lebens. Befreie mich von der Angst! Mach möglich, was mir unmöglich erscheint. Amen.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen