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Warum ein Mensch zum „schwarzen Schaf“ wird, ist nicht immer klar auszumachen. Oft steckt eine Mischung aus Unglück und eigenem Versagen dahinter. „Selbst schuld“, denken wir dann, und wenden uns ab. Für Jesus ist das egal. Er sieht die, die am Rand stehen. Er geht auf sie zu, spricht mit ihnen, isst mit ihnen, feiert mit ihnen. Er sieht die Menschen, wie Gott sie sieht: als wertvolle, liebenswerte Geschöpfe. Davon erzählen die Gleichnisse des Predigttextes. Foto: Yakobchukolena
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Carsten Griese (53) ist Pfarrer im Wartestand in der evangelischen Kirchengemeinde Witten-Rüdinghausen

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Schwarze Schafe

Andacht

Von Carsten Griese | 1. Juli 2017

Über den Predigttext zum 3. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 15, 1-7 (8-10)

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Warum ein Mensch zum „schwarzen Schaf“ wird, ist nicht immer klar auszumachen. Oft steckt eine Mischung aus Unglück und eigenem Versagen dahinter. „Selbst schuld“, denken wir dann, und wenden uns ab. Für Jesus ist das egal. Er sieht die, die am Rand stehen. Er geht auf sie zu, spricht mit ihnen, isst mit ihnen, feiert mit ihnen. Er sieht die Menschen, wie Gott sie sieht: als wertvolle, liebenswerte Geschöpfe. Davon erzählen die Gleichnisse des Predigttextes. Foto: Yakobchukolena
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Carsten Griese (53) ist Pfarrer im Wartestand in der evangelischen Kirchengemeinde Witten-Rüdinghausen

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Predigttext
1 Alle Zöllner und Sünder suchten seine Nähe, um ihm zuzuhören. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten: Der nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. 3 Er aber erzählte ihnen das folgende Gleichnis: 4 Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? 5 Und wenn er es findet, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern 6 und geht nach Hause, ruft die Freunde und die Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein verlorenes Schaf gefunden. 7 Ich sage euch: So wird man sich auch im Himmel mehr freuen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keiner Umkehr bedürfen. 8 Oder welche Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verloren hat, zündet nicht ein Licht an, kehrt das Haus und sucht eifrig, bis sie sie findet? 9 Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. 10 So, sage ich euch, wird man sich freuen im Beisein der Engel Gottes über einen Sünder, der umkehrt. (Züricher Übersetzung)

Als ich den Bibliotheksausweis aus meinem Portemonnaie zücken will, greife ich ins Leere. Das kann nicht wahr sein. Das Portemonnaie habe ich doch eingesteckt. Panik macht sich breit. Jetzt Ruhe bewahren und systematisch vorgehen. Taschen, Jacke und Rucksack durchsuchen. Nichts. Die Bücher gebe ich der Bibliothekarin zurück, die mich mitleidig anlächelt.

Wenn die Kreditkarten, der Personalausweis und der Führerschein verloren gegangen sein sollten, kostet das richtig viel Zeit und Geld. Schweißausbruch. Wann habe ich das Portemonnaie zuletzt in der Hand gehabt? Ich gehe alle Stationen noch einmal ab, lasse vorsichtshalber die Kreditkarten sperren und finde das Portemonnaie nach drei Stunden intensiver Suche wieder. Es war unter den Beifahrersitz gerutscht. Unendliche Erleichterung. Ich juble und genehmige mir ein Eis.

So wie mir muss es dem Hirten oder der Frau ergangen sein, von denen Jesus in den Gleichnissen erzählt. Sie sind erleichtert, freuen sich und feiern mit anderen.Dabei geht es um mehr als ein Geldstück, ein Portemonnaie oder ein Schaf. Jesus geht es um den Menschen, der verloren ist. Das schwarze Schaf.

„Ich bin das schwarze Schaf in der Familie“, sagt ein Mann nach der Beerdigung seiner Mutter zu mir. Ich lerne ihn erst nach der Trauerfeier kennen. Er steht auf dem Friedhof in Lederkluft vor mir, seine Arme sind tätowiert, den Kontakt zur Familie hat er verloren.

Wenn ein Mensch verloren gegangen ist, verliert er auch den Schutz der Sippe, ist alleine in unsicherer Umgebung unterwegs, gehört einfach nicht mehr zur Mehrheitsgesellschaft. So wie die Zöllner und Sünder, die Jesus hören wollen. Sie sind zwar schuldig geworden, aber erfahren in seiner Nähe: Hier ist einer, der uns nicht sofort moralisch in eine Schublade steckt. Einer, der uns offen begegnet und erkennt, welche menschlichen Fähigkeiten wir haben. Darum hören sie ihm aufmerksam zu, essen und trinken mit Jesus. Doch das stößt auf Unverständnis und stört andere. „Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten: Der nimmt Sünder auf und isst mit ihnen“. Ein Freund der Zöllner und Sünder. Ein Fresser und Weinsäufer.
Jesus antwortet diesen Vorwürfen mit den Gleichnissen vom Verlorenen. Er erinnert seine Kritiker damit an die gemeinsame prophetische Tradition: Gott ermöglicht Umkehr und Buße, hat ein großes Herz, kann auf krummen Linien gerade schreiben. „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken...“, sagt Gott durch den Propheten Hesekiel seinem Volk (Hesekiel 34, 16).

In dieser Tradition sieht sich Jesus von Nazareth, wenn er Menschen aufsucht, die verloren gegangen sind und trotzdem seine Nähe suchen. Allein darin sieht er ein Zeichen ihrer Umkehr. Sie wollen hören, was er ihnen zu sagen hat. Sie möchten wissen, was er von Gott erzählt. Die Bereitschaft umzukehren kann sich auch heute in kleiner Münze zeigen: im Nachdenken über den eigenen Lebensweg, im Gespräch über Lebensentscheidungen, im Gebet in einer offenen Kirche, im Zuhören, in einem Gottesdienstbesuch.

Es gibt viele Möglichkeiten, umzukehren, Gottes Nähe zu suchen und das Glück zu erleben, zu sich selbst zu finden. Jesus sagt, dass im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die nicht umzukehren brauchen.

Gebet: Aus der 5. Bitte des Achtzehn-Bitten-Gebets: Führe uns zurück, unser Vater, zu deiner Lehre, und bringe uns, unser König, deinem Dienst nahe und lass uns in vollkommener Rückkehr zu dir zurückkehren. Gelobt seist du, Ewiger, der du an der Rückkehr Wohlgefallen hast! Amen.

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