hg
Bild vergrößern
Die Beraterinnen von Theodora sind da, wo andere wegsehen – bei den Frauen, die ihre Körper verkaufen. Foto: Quinn Norten / Wikimedia
Bild vergrößern
Katharina Hontscha-Stavropoulos von der diakonischen Beratungsstelle Theodora. Foto: sabine portmann

Anzeige

Hinter der Rotlicht-Fassade ist‘s kalt

Prostitution

3. Juli 2017

Die diakonische Beratungsstelle Theodora in Herford kümmert sich um Sexarbeiterinnen und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wenn sie aussteigen wollen. Zum Team gehört Sozialarbeiterin Katharina Hontscha-Stavropoulos

Bild vergrößern
Die Beraterinnen von Theodora sind da, wo andere wegsehen – bei den Frauen, die ihre Körper verkaufen. Foto: Quinn Norten / Wikimedia
Bild vergrößern
Katharina Hontscha-Stavropoulos von der diakonischen Beratungsstelle Theodora. Foto: sabine portmann

Anzeige

Rund 15 Milliarden Euro werden Schätzungen zufolge jährlich mit Prostitution in Deutschland verdient. Doch von dem Geld kommt bei etlichen Sexarbeiterinnen wenig an. Die Nebenkosten in ihrem Gewerbe sind so hoch, dass viele an der Armutsgrenze leben. Zudem leiden sie unter der gesellschaftlichen Isolierung. Sozialarbeiterin Katharina Hontscha-Stavropoulos von der diakonischen Beratungsstelle Theodora in Trägerschaft der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen in Herford hilft Frauen, aus der Prostitution auszusteigen. Mit der Fachberaterin sprach Sabine Portmann über die Situation der Frauen im Rotlichtgewerbe.

 

Bei Prostitution denkt man besonders an Großstädte. Wie kommt es dazu, dass Frauen in Herford in dieses Gewerbe einsteigen?
Es gibt da keine einfache Antwort. In Bordellen in Ostwestfalen arbeiten viele Frauen, die aus Bulgarien und Rumänen stammen. Für sie ist Prostitution oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Denn Sozialleistungen bekommen die EU-Bürgerinnen nicht. Viele Prostituierte sprechen  die deutsche Sprache nur gebrochen oder gar nicht.
Sie erhoffen sich von der Prostitution zunächst einen lukrativen Job, mit dem sie ihre Familie unterstützen können. Andere sind alleinerziehend und ohne Job. Viele haben Schulden. Aus der Not heraus rutschen sie in die Arbeit als Prostituierte hinein.

Was verdient eine Frau als Prostituierte in Ostwestfalen und welche Kosten hat sie?
Der Verdienst von Prostituierten – die meistens zwischen 25 und 35 Jahre alt sind – ist unterschiedlich. Man darf nicht vergessen, dass sie zum Teil hohe Kosten haben.
Ich kann mal ein Beispiel nennen: Ein Zimmer in einem Bordell, das die Prostituierte anmieten muss, kostet täglich zwischen 50 und 150 Euro an Miete. Da braucht sie mindestens zwei bis drei Freier, um allein diese Miete bezahlen zu können. Hinzu kommen noch Kosten für Kleidung, Kontaktanzeigen und auch Steuern von 10 bis 25 Euro pro Tag.
Vielen bleibt letztlich nicht mehr als der Hartz-IV-Satz zum Leben übrig. Wer auf den Straßenstrich geht, verdient noch weniger. Hier gibt es Sex für zehn Euro.

Wo können die Frauen denn überhaupt gut verdienen?
Im Begleit-Service verdienen Prostituierte in der Regel deutlich besser. Aber das gelingt nur wenigen Frauen. Viele andere  leben sogar privat in dem Zimmer, in dem sie arbeiten, um Miete zu sparen.
Ich erlebe, dass es eine enorme psychische Belastung für die Frauen ist, auch ihre Freizeit in den Bordellen zu verbringen. Sie sind da total isoliert. Die anderen Prostituierten sind ja nicht unbedingt Freundinnen, sondern eher Konkurrentinnen.

Sie beschreiben, dass viele Prostituierte arm sind. Was kennzeichnet ihre Armut?
Sie haben nicht nur wenig Geld, sondern meist auch keine Krankenversicherung und damit keine medizinische Versorgung. Wenn wir Beraterinnen zu den Frauen in die Bordelle fahren, dann sind wir oft die einzigen, die das Gespräch mit den Frauen suchen und auch ihre Sprache sprechen. Meine beiden Kolleginnen und ich sprechen auch Russisch, Bulgarisch, Polnisch und Englisch.
Die allermeisten müssen ihren Familien, Eltern und Kindern, ja, ihrem gesamten privaten Umfeld – wenn es überhaupt eins gibt – ihre Arbeit verheimlichen.

Was macht es mit den Frauen, wenn sie ihre Tätigkeit als Prostituierte verheimlichen?
Diese Sprachlosigkeit, diese Angst, dass alles rauskommt, diese Armut an Kontakten ist ein ganz großes Problem. Das ist für mich neben der oft finanziellen Armut eine Notlage der Frauen, die mich in den Beratungsgesprächen immer wieder berührt.
Viele der Frauen sind  völlig überrascht, dass unsere Beratungsleistung nichts kostet. Wir verlangen keine Gegenleistung, das kennen die Frauen nicht. Ich arbeite bei der Frauenhilfe. Es entspricht unserer christlichen Überzeugung, auch Prostituierte zu unterstützen.

Kann das neue Prostituiertenschutzgesetz, das am 1. Juli in Kraft tritt (siehe Kasten), die Situation von Prostituierten verbessern?
Ein Gesetz alleine verbessert gar nichts. Im Gegenteil: Viele Frauen erkundigen sich bei uns nach dem neuen Gesetz.
Es schreibt vor, dass Prostituierte ihre Tätigkeit künftig persönlich anmelden müssen. Davor findet eine gesundheitliche Beratung statt. Damit möchte der Gesetzgeber den Zugang für Prostituierte zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten  und die Arbeitsbedingungen in den Bordellen verbessern. Aber viele Frauen haben Bedenken, dass es an andere Stellen weitergegeben wird, wenn sie einmal registriert sind. Das darf auf keinen Fall passieren.

Wie helfen Sie den Frauen in Ihrer Beratungsstelle?
Wir fahren in die Bordelle, sprechen mit den Frauen, die das möchten, und informieren über unsere Hilfsangebote. Wir unterstützen die Frauen bei Anträgen, Konflikten oder Problemen mit den Kindern. Wir vermitteln auch Ärzte, von denen sie sich untersuchen und behandeln lassen können, selbst wenn sie keine Krankenversicherung haben.
In der Beratung versuchen wir, ein neues Ziel für ihr Leben zu finden und überlegen gemeinsam, welche Berufsalternativen es geben kann. Ich rate immer zu einer Ausbildung und kenne viele Frauen, die es geschafft haben und mittlerweile eine Praxis als Physiotherapeutin oder Masseurin haben oder als Altenpflegerinnen oder Reinigungskräfte arbeiten.

Wo können Sie selbst nicht helfen?
Prostituierte erleben in ihrem Beruf viele Grenzüberschreitungen. Manche können ihren Freiern gut Grenzen setzen, anderen gelingt das nur schlecht – mit dem Ergebnis, dass sie viele schreckliche und traumatische Erlebnisse mit sich herumschleppen. Da raten wir dann zu einer Therapie und vermitteln diese Frauen an psychologische Frauenberatungsstellen.
Bis auf eine Kollegin sind wir keine Psychologinnen. Aber wir verstehen die Situation der Prostituierten und sind zum Teil Vorbilder.
Ich komme zum Beispiel aus Polen. Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Ich musste mir im Studium Geld mit Putz-Jobs dazuverdienen. Eine Frau hat mal zu mir gesagt: „Das möchte ich auch, so wie du anderen helfen.“ Das ist ein guter Anfang und ein neues Ziel. Man kann sein Leben verändern.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen