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Die Geschichten über den Zauberlehrling Harry Potter – im englischen Original wie in den Übersetzungen – ziehen weltweit Millionen nicht nur junge Leserinnen und Leser in ihren Bann. Foto: epd

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Die Magie des gedruckten Wortes

Harry Potter

Von Paula Konersmann | 26. Juni 2017

Vor 20 Jahren erschien der erste Band der Bestseller-Reihe über den modernen Zauberlehrling und hat die ganze Branche revolutioniert. Die Lebensgeschichte der Autorin Joanne K. Rowling klingt selbst fast wie ein Märchen

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Die Geschichten über den Zauberlehrling Harry Potter – im englischen Original wie in den Übersetzungen – ziehen weltweit Millionen nicht nur junge Leserinnen und Leser in ihren Bann. Foto: epd

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Das Herzklopfen. Die zittrigen Finger beim Umblättern. Die ständige Sorge, einer Lieblingsfigur könnte etwas Schreckliches zustoßen – und gleichzeitig der unbändige Drang, weiterzulesen, immer weiter. Was für frühere Generationen die Wildwest-Abenteuer von Karl May waren, ist für viele jüngere Leseratten die Romanreihe „Harry Potter“. Vor 20 Jahren, am 26. Juni 1997, erschien der erste Band über den Zauberschüler. Der britische Bloomsbury-Verlag druckte ihn zunächst in einer Kleinauflage von 500 Stück: der Beginn einer Erfolgsgeschichte, deren Ende nicht abzusehen ist.

1990 im Zug hatte sie plötzlich die Idee

Die Autorin, die heute als eine der reichsten Frauen von Großbritannien gilt, wusste nach eigenem Bekunden bereits mit sechs Jahren, dass sie Schriftstellerin werden möchte. 1990 saß Joanne K. Rowling in einem verspäteten Zug am Londoner King‘s Cross und sah – so erzählte sie es später – erstmals diesen dunkelhaarigen Jungen vor ihrem inneren Auge, der nicht wusste, dass er ein Zauberer war. Wieder zu Hause, begann sie zu schreiben.

Im selben Jahr starb Rowlings Mutter, sie heiratete einen TV-Journalisten, der sie und ihre Tochter nach einem Jahr verlassen sollte. Fortan schrieb sie in Cafés oder ihrer kleinen Wohnung in Edinburgh. Die arbeitslose, alleinerziehende junge Mutter fand schließlich einen Literaturagenten – der zunächst jedoch zwölf Absagen kassierte. Dann bot Bloomsbury 1500 Pfund Vorauszahlung für „Harry Potter und der Stein der Weisen“.

Als im Juli 1998 der zweite Band erschien, war die Nachfrage bereits hoch. Ein Jahr später erhielt die Autorin tausende Briefe pro Woche. Der „Potter-Effekt“ betraf nicht mehr nur sie selbst, sondern den gesamten Markt der Kinderbuchliteratur. „Harry Potter“ sei für Kinderbücher gewesen wie die Beatles für die Popmusik, sagte die schottische Jugendbuchautorin Julie Bertagna einmal: eine Revolution.

Auch in Deutschland verbanden Eltern, Lehrer und Verlagsleute mit „Harry Potter“ die Hoffnung, Kinder – vor allem Jungen – wieder für das Lesen zu begeistern. Rowling erklärte dazu einmal im „kultur Spiegel“, dies belege ihre Überzeugung, „dass Lesen eine einzigartige Erfahrung ist. Ein Buch kann unvergleichliche Welten und Erlebnisse erzeugen. Film und Computer können das nicht leisten.“

Indes stieß der moderne Zauberlehrling nicht überall auf Begeisterung. In manchen christlichen Buchhandlungen waren die Romane zeitweise verboten; kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. äußerte die Befürchtung, die „subtilen Verführungen“ darin könnten den christlichen Glauben verderben. Später lobt indes die Vatikanzeitung „L‘Osservatore Romano“ die „Harry Potter“-Verfilmungen; Doktorarbeiten untersuchten etwa die Konzeption von Sterblichkeit in der Romanreihe.

Ihr modernes Märchen ist noch nicht vorbei

In den Büchern selbst wird Religion selten direkt thematisiert. Auf den Grabsteinen verschiedener Figuren finden sich allerdings Bibelzitate: „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod“ (1. Korinther 15,26) steht auf jenem von Harrys Eltern; auf dem des langjährigen Leiters der Zauberschule Hogwarts, Albus Dumbledore, heißt es: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Matthäus 6,21). 2004 erklärte Rowling bei einem Literaturfestival, seine Eltern hätten Harry einst taufen lassen.

Vom kinderfreundlichen Kampf zwischen Gut und Böse wandelte sich die Reihe zum teils düsteren Jugendbuch, das aktuelle Ereignisse reflektierte. Der Amoklauf von Columbine 1999 oder der Terroranschlag vom 11. September 2001 fanden ihren Widerhall.

Der Autor Tilman Spreckelsen analysierte vor Kurzem, Rowling habe nachgezeichnet, wie überwunden geglaubtes Gedankengut langsam in eine Welt zurückkehre, die davor die Augen verschließe. „Es fällt nicht schwer, darin den Ausdruck einer tiefen Sorge der Autorin zu erkennen“, schrieb er in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Politisch äußert sich Rowling heute ganz direkt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Sie schreibt weiter und wirkt an der Verfilmung ihrer Werke mit, zuletzt als Produzentin bei „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Ihr modernes Märchen ist noch nicht vorbei.

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