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Herz als Grabschmuck. Foto: epd

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Wenn das Herz bricht

Gesundheit

22. Juni 2017

An "gebrochenem Herzen" zu sterben, ist keine romantische Erfindung - das gibt es wirklich. Starker Stress und seelische Belastung setzen der Herzfunktion massiv zu.

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Herz als Grabschmuck. Foto: epd

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Köln (epd). Fast 60 Jahre ist das Paar aus Süddeutschland miteinander verheiratet. Dann stirbt der Ehemann. Und die Ehefrau wird so krank, dass sie wenige Tage später ebenfalls stirbt. "Wir haben sie dann zusammen in einer Urnenbestattung beigesetzt. Das hatte ich erst sehr selten, dass ich eine Trauerfeier für zwei Personen gleichzeitig gehalten habe", sagt die katholische Theologin und Trauerberaterin Birgit Aurelia Janetzky aus Heuweiler im Schwarzwald.

"Die beiden hatten eine sehr intensive Bindung", sagt Janetzky: "Sie haben ihr gesamtes Leben miteinander verbracht, haben den Krieg zusammen erlebt, ihre Kinder gemeinsam großgezogen." Ein Leben ohne den anderen schien nicht möglich und vielleicht auch einfach nicht wünschenswert. Etwa zwei- bis dreimal im Jahr hat die Trauerexpertin mit älteren Paaren zu tun, bei denen die Partner kurz hintereinander sterben.

Herzfunktion leidet unter starkem Stress

Zugrunde liegen könnte das sogenannte Broken-Heart-Syndrom - das gebrochene Herz. Medizinisch wird es auch Stress-Kardiomyopathie genannt. Starker Stress oder eine starke seelische Belastung führen dazu, dass die Herzfunktion vorübergehend massiv eingeschränkt wird.

Das kommt deutlich häufiger vor, als man vermuten könnte: "Man schätzt, dass ein bis zwei Prozent aller Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt davon betroffen sind", sagt der Kardiologe Roman Pfister vom Herzzentrum der Uniklinik Köln. "Der Tod eines sehr nahestehenden Menschen ist der absolut klassische Auslöser für die Stress-Kardiomyopathie."

Weibliche Hormone im Fokus der Mediziner

Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer: "Sie machen 90 bis 95 Prozent der Patienten aus. Und es sind vor allem Frauen nach den Wechseljahren", erläutert Pfister.

Ganz offensichtlich also spielen weibliche Hormone eine Rolle. "Die genaue Ursache ist aber noch nicht geklärt", sagt der Mediziner. Die Symptome treten oft unmittelbar nach einer außerordentlichen emotionalen oder körperlichen Stresssituation auf - sei es durch Liebeskummer, Schicksalsschläge oder die Beerdigung eines geliebten Menschen. Doch was genau geschieht dabei im Körper?

Als Reaktion auf die Situation werden Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet - Jahrtausende lang war das für den Menschen überlebenswichtig, denn dadurch werden sehr schnell Energiereserven freigesetzt, die dann für Flucht oder auch Kampf zur Verfügung stehen.

Bei Patienten mit Stress-Kardiomyopathie scheinen zu viele solcher Stresshormone ausgeschüttet zu werden. "Das führt dann möglicherweise zu einer Schädigung der Herzmuskulatur durch eine Überladung mit Kalzium. Was genau geschieht, ist noch nicht geklärt", sagt Pfister. Die Folge sei eine schwerwiegende Funktionsstörung des Herzmuskels: "Die Herzspitze bewegt sich nicht mehr, das Herz sackt nach unten aus, die oberen Anteile pumpen aber wie verrückt weiter."

Symptome ähnlich wie beim Herzinfarkt

Die Symptome ähneln denen eines Herzinfarkts. Erst in der Klinik fällt die Stress-Kardiomyopathie dann bei genaueren Untersuchungen auf. Bei etwa zehn Prozent der Betroffenen komme es zu einem schweren Krankheitsverlauf mit Schockzustand, sagte Pfister: "Und etwa zwei bis fünf Prozent der Patienten versterben."

Doch nicht nur Schicksalsschläge oder Liebeskummer können eine Stress-Kardiomyopathie auslösen: "Es gibt durchaus auch Fälle von positivem Stress: Auch ein sehr freudiges Ereignis kann dazu führen", erklärt Pfister.

Es ist noch viel Forschung nötig: Nach einer im April präsentierten Studie von Lübecker Wissenschaftlern um den Kardiologen Ingo Eitel lag bei 286 untersuchten Patienten die Sterberate ein Jahr nach dem Ereignis bei zehn Prozent, vier Jahre danach allerdings bei 25 Prozent. Es sei daher wichtig, "die genauen Ursachen der Stress-Kardiomyopathie zu kennen und optimiert zu therapieren", erklärte Eitel. Auch genetische Ursachen könnten nach seinen Erkenntnissen eine Rolle spielen.

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