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Menschen können schlimmste Verwüstungen anrichten. Sie können anderen Menschen furchtbares Leid zufügen und ganze Gegenden unbewohnbar machen – hier ein Bild aus der verlassenen Stadt Prypjat bei Tschernobyl. Und doch ist die Hoffnung nicht totzukriegen. Der Predigttext beschreibt einen Baumstumpf, aus dem wieder neues Leben wächst – Menschen, die im Vertrauen auf Gott die Hoffnung nicht aufgeben. Foto: Fotokon
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Dr. Holger Gemba (59) ist Studiendirektor im Hochschuldienst am Seminar für Slavistik der Uni Bochum und Landesvorsitzender der Männerarbeit der EKvW.

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Heiliger Same Hoffnung

Andacht

10. Juni 2017

Über den Predigttext zum Sonntag Trinitatis: Jesaja 6, 1-13

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Menschen können schlimmste Verwüstungen anrichten. Sie können anderen Menschen furchtbares Leid zufügen und ganze Gegenden unbewohnbar machen – hier ein Bild aus der verlassenen Stadt Prypjat bei Tschernobyl. Und doch ist die Hoffnung nicht totzukriegen. Der Predigttext beschreibt einen Baumstumpf, aus dem wieder neues Leben wächst – Menschen, die im Vertrauen auf Gott die Hoffnung nicht aufgeben. Foto: Fotokon
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Dr. Holger Gemba (59) ist Studiendirektor im Hochschuldienst am Seminar für Slavistik der Uni Bochum und Landesvorsitzender der Männerarbeit der EKvW.

Predigttext (in Auszügen)
1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. (...) 8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! 9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet‘s nicht; sehet und merket‘s nicht! 10 Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. 11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. 12 Denn der Herr wird die Menschen weit wegführen, sodass das Land sehr verlassen sein wird. 13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals kahl gefressen werden, doch wie bei einer Terebinthe oder Eiche, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

Verwüstung. Ich kenne solch einen verwüsteten Raum, wie er am Ende der Beauftragung Jesajas gezeichnet wird. Er liegt mitten in Europa: Tschernobyl. Er wird noch Tausende Jahre unbewohnbar bleiben. Die Einwohner der sogenannten „Zone“ sind ausgesiedelt, die Häuser sind leer, die Felder wüst. Verwüstet, verstrahlt, verlassen. Ein anhaltendes Grauen, für das es keine Worte gibt. Verstockt wie wir sind, wollen wir nach 31 Jahren nicht mehr daran denken. Zu viele andere Unglücke und Katastrophen verdrängen Tschernobyl aus unserem Bewusstsein.

Heilung durch Unheil? Jesaja 6,1-13 ist durch archaische Bilder und scharfe Kontraste geprägt. Am Anfang finden wir Jesaja – unrein, aber durch das Feuer einer glühenden Kohle, die ein Seraphim an seine Lippen hält, gereinigt, rein. Dort sein verstocktes Volk. Und ein zorniger Gott, der seinem Propheten für seinen freiwilligen Botendienst aufträgt, das Herz „dieses Volkes zu verfetten, die Ohren dieses Volkes zu verschließen, die Augen dieses Volkes zu verkleben“. Es soll die Botschaft Gottes „nicht verstehen“, „sich nicht bekehren“ und „nicht gesunden“. Alles wird bis zum letzten Stumpf vergehen. Nur ein heiliger Same wird nach all dem Unglück bleiben.
Scheinbar! Auf die Schau Gottes folgt die Reinigung Jesajas und ein scheinbar fataler Auftrag. Ist es tatsächlich so, dass Gott von Jesaja will, dass er sein Volk von ihm fernhält? Oder sind fehlende Einsicht, Bekehrung und ausbleibende Genesung des Volkes nicht schon längst ein Fakt? Ist das, was Gott Jesaja aufträgt, nicht schon unweigerlich vorher eingekehrt? Gott gibt seinem Propheten hier einen versteckten Hinweis auf die Zukunft: Jesaja wird das verstockte Volk nicht zur Einsicht bringen können. Der Prophet wird in der Gegenwart auf sein unabdingbares Scheitern vorbereitet. Dennoch wird Gott ihn als Boten schicken.

Erstaunlich! Jesaja ist ein freiwilliger Prophet! Ist er auch so unerschütterlich wie mutig? Jesajas erste Beauftragung wird es sein, Gottes Gerichtsworte umzusetzen. In seiner Frage: „Herr, wie lange?“ höre ich einen Ton des Mitgefühls. Vielleicht auch eine Ahnung seiner zunächst vergeblichen Bemühungen, das verstockte Volk zurück zu Gott zu bringen. Eine Ankündigung seines eigenen Leidens.

Verstockt? Nicht Gott verstockt uns! Das tun wir schon selber. Wir sind es, die sich für oder gegen Technologien und Lebensweisen entscheiden, die das Wohl und Wehe der Schöpfung mitbestimmen, zwischen Demokratie und Diktatur wählen, zwischen Frieden und Krieg. Zwischen Liebe und Hass. Zwischen Egoismus und Teilen. Auch die Entscheidung für oder gegen den Glauben ist eine solche Entscheidung.
Das Ende: Ein Anfang! Jesaja ist in seinem bedingungslosen Vertrauen zu Gott gesegnet. Gott schickt Jesaja in eine Welt, die sich radikal gegen sein Wort stellt und davon nicht ablassen wird. Er wird einer unerlösten Welt begegnen, die als Konsequenz ihrer destruktiven Lebensweise mit ihrem Untergang konfrontiert wird. Und aus diesem Ende entsteht ein neuer Anfang.

Hoffnung. Einen solchen Anfang, einen „heiligen Samen“, der aus dem Unglück „Tschernobyl“ hervorgegangen ist, habe ich selbst als Ehrenamtlicher in der Männerarbeit erfahren dürfen: das Erholungs- und Rehabilitationszentrum  „Nadeshda“ in Weißrussland. Die Westfälische Männerarbeit unterstützt diese Zuflucht für Kinder und Jugendliche aus den verstrahlten Regionen schon lange. Dieser wunderbare Ort trägt einen russischen Namen, der prophetisch klingt: Nadeshda = Hoffnung.

Gebet: Gott, vergib uns, unser Vergessen, unser Verdrängen, unseren Widerstand. Lehre uns, unsere Augen neu zu öffnen, unsere Ohren neu zu öffnen, unser Herz neu zu öffnen. Weise uns den Weg aus unserer Verwüstung, den Weg zu den Vergessenen, den Weg zu dir. Gott, gib uns den Mut, neu anzufangen. Amen.

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