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Wir hätten gerne freie Sicht auf das, was in unserem Leben wichtig ist. Wir wüssten gerne ganz genau und unmissverständlich, was wahr ist und was falsch. Dann wäre es leichter, unsere Entscheidungen danach auszurichten. Der Predigttext verheißt uns den Geist der Wahrheit, der der Welt die Augen auftut. Vielleicht müssen wir lernen, ihm noch mehr zu vertrauen. Foto: Jürgen Fälchle
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Dr. Dierk Starnitzke (56) ist als Pfarrer Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen und Professor für Diakoniewissenschaft an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel.

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Augen auf!

Andacht

Von Dierk Starnitzke | 3. Juni 2017

Über den Predigttext zum Pfingstsonntag: Johannes 16, 5-15

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Wir hätten gerne freie Sicht auf das, was in unserem Leben wichtig ist. Wir wüssten gerne ganz genau und unmissverständlich, was wahr ist und was falsch. Dann wäre es leichter, unsere Entscheidungen danach auszurichten. Der Predigttext verheißt uns den Geist der Wahrheit, der der Welt die Augen auftut. Vielleicht müssen wir lernen, ihm noch mehr zu vertrauen. Foto: Jürgen Fälchle
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Dr. Dierk Starnitzke (56) ist als Pfarrer Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen und Professor für Diakoniewissenschaft an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel.

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Predigttext (in Auswahl)
5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. 7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. 13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. (…)

Was ist wahr? Ist es das, was meine Sinne direkt spüren können oder was ich auf dem Monitor sehen und hören kann? Sind es meine Ängste, Sorgen, Hoffnungen, Glücksgefühle oder die Gedanken und Gefühle des anderen? Ist es das, was die Medien schreiben oder was ein Präsident sagt? Es gibt so viele Möglichkeiten, was wahr sein könnte, so viele „alternative Fakten“, dass man kaum noch wissen kann, was wirklich wahr ist. Es läuft wohl an vielen Stellen darauf hinaus, dass jeder und jede für sich entscheiden muss, welche der vielen angebotenen Alternativen diejenige ist, die für ihn oder sie am wahrsten erscheint, die am wahr-schein-lichsten ist. Schnell kann sich da ein Geist der Orientierungslosigkeit und des Relativismus breitmachen. Ein Geist, der mit den Worten des Pilatus beim Verhör Jesu über die Wahrheit fast zynisch sagt: „Was ist Wahrheit?“

Der griechische Begriff, der im Predigttext in der Urfassung für „Wahrheit“ verwendet wird, zeichnet ein anderes Bild. Wahrheit ist nicht die Anhäufung verschiedenster Meinungen oder Ansichten, aus denen man sich dann die wahrscheinlichste heraussuchen muss. Wahr ist etwas, was zunächst verborgen war und dann so klar und überzeugend offenbar wird, dass man sofort weiß: Das stimmt.

So erging es den Jüngern, als sie Jesus kennenlernten. Da wussten sie sofort: Das ist der Sohn Gottes – kein Zweifel! Ähnliche Augenblicke der Wahrheit kennen wir vielleicht auch aus unserem Leben, zum Beispiel wenn wir die Partnerin oder den Partner fürs Leben finden. Plötzlich wissen wir: Das ist er! Oder wenn ein Kind geboren wird und wir es direkt nach der Geburt anschauen können. Dann können wir vielleicht besonders innig die Würde dieses neuen Menschenlebens spüren. Oder wenn ein lieber Mensch stirbt und er uns im Abschied als besondere Person noch einmal ganz nahe kommt. Das sind Momente der Wahrheit, die über jeden Zweifel erhaben sind. Sie können durch nichts relativiert werden. Von ihnen kann man ein ganzes Leben zehren.

Jesus verließ seine Jünger. Er starb am Kreuz und wurde danach zu seinem Vater im Himmel erhöht. Aber seine Jünger sollten dabei nicht orientierungslos zurückbleiben. Deshalb versprach er ihnen nach dem Johannesevangelium, an seiner Stelle den „Geist der Wahrheit“ zu schicken, der sie in aller Wahrheit leitet (Vers 13). Dieser Geist muss dann auch gekommen sein. Anders kann man sich wohl kaum erklären, dass viele Menschen bis heute an diesen Jesus Christus als Sohn Gottes glauben und am Pfingstsonntag diesen Geist feiern, der ihnen die Wahrheit gebracht hat.

Was wirklich wahr ist, werden wir dabei wohl über weite Strecken des Lebens nicht genau wissen. Es wird aber bestimmt bei jedem von uns auch solche Momente und Erlebnisse geben, in denen Gottes Wahrheit für uns sichtbar wird. Augenblicke, in denen mir der Sinn meiner Existenz im Angesicht Gottes aufscheint. Vielleicht sind sie schon vergessen, oder sie stehen noch aus. Oft sind sie so persönlich, dass man kaum mit anderen darüber sprechen mag. Das Pfingstfest ist eine Gelegenheit, sich solcher Momente der göttlichen Wahrheit im eigenen Leben zu erinnern oder sie von Herzen zu erwarten.

Ein Leben im Geiste der Wahrheit besteht dann darin, solchen persönlichen Erfahrungen von Wahrheit treu zu bleiben. Das eigene Tun von dort her oder darauf hin auszurichten. Im eigenen Handeln dem nicht zu widersprechen, was wir für unsere Existenz als wahr und richtig erkannt haben. An dem konsequent festzuhalten, was uns in unseren persönlichen Offenbarungsmomenten als Wahrheit von Gott geschenkt wurde.

Gebet: Gott der Wahrheit, hilf uns, dass wir uns an diesem Pfingstfest von Neuem auf das besinnen können, was du uns als Wahrheit in unserem Leben offenbart hast. Steh uns bei, damit wir unser Leben von dieser Wahrheit her und auf sie hin gestalten können. Amen.

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