hg
Bild vergrößern
Komm mir bald wieder zurück! Abschiede sind immer mit Wehmut verbunden – häufig aber auch mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Im Predigttext geht es um den großen Abschied, den Jesus den Jüngern ankündigt: seine Kreuzigung, seinen Tod. Aber eben auch um die Hoffnung darüber hinaus. Wie sich diese Hoffnung in den vielen großen und kleinen Abschieden im Leben auswirken kann, beschreibt die Andacht. Foto: Rido
Bild vergrößern
Stephanie Höhner (30) ist Sondervikarin am „Zentrum für evangelische Predigtkultur“, Lutherstadt Wittenberg.

Anzeige

Auf ein Wiedersehen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2017

Von Stephanie Höhner | 6. Mai 2017

Andacht über den Predigttext zum Sonntag Jubilate: Johannes 16, 16.20-22

Bild vergrößern
Komm mir bald wieder zurück! Abschiede sind immer mit Wehmut verbunden – häufig aber auch mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Im Predigttext geht es um den großen Abschied, den Jesus den Jüngern ankündigt: seine Kreuzigung, seinen Tod. Aber eben auch um die Hoffnung darüber hinaus. Wie sich diese Hoffnung in den vielen großen und kleinen Abschieden im Leben auswirken kann, beschreibt die Andacht. Foto: Rido
Bild vergrößern
Stephanie Höhner (30) ist Sondervikarin am „Zentrum für evangelische Predigtkultur“, Lutherstadt Wittenberg.

Predigttext

16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden. 21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. 22 Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

 

Christus spricht: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.

Es sind die letzten Stunden bis zur Abfahrt. Viel zu schnell sind die letzten Tage vergangen. Und doch kommt es ihr vor, als ob sie in einer anderen Welt ist.

Der Besuch zu Hause hat sie herausgerissen aus ihrem Alltag von Beruf und Funktionieren. Sie genießt die Tage bei ihren Eltern, ihrer Schwester und ihren Freunden. Heute Morgen saßen sie als Familie zusammen beim Frühstück. Jetzt schlürft sie mit ihrer besten Freundin Milchkaffee auf deren Balkon. Und in zwei Stunden sitzt sie wieder im Auto. Dann wird die vertraute Landschaft an ihr vorbeiziehen und sie weiter weg tragen in die Ferne. Dort, wo sie wohnt und arbeitet, aber niemanden so richtig kennt. Sie werden sich lange nicht wiedersehen. Nur alle paar Monate. Anders geht es nicht. Es versetzt ihr einen Stich mitten in die schönen Stunden.

Christus spricht: Und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.

„Eine kleine Weile“ ist relativ. Ihm kommen drei Wochen schon vor wie eine Ewigkeit. Drei lange Wochen ist es her, dass er hier stand. Mit Brezen, Obst und Schokolade im Rucksack. Ihrer Lieblingsschokolade. So wie heute auch. Drei lange Wochen hat er seine Tochter nicht mehr gesehen. Sie nicht mehr im Arm halten können. Drei lange Wochen ohne sie, ohne ihr Lachen, ohne die Legosteine auf dem Fußboden. Er hält es kaum noch aus. Ungeduldig geht er auf und ab. Vier Schritte nach rechts. Vier Schritte nach links. Manchmal sind es auch fünf. Und dann endlich das Knarren im Lautsprecher, das leise Summen der Gleise. Der Zug fährt ein. Sie steigt weiter hinten aus, er läuft ihr entgegen. Sie beginnt zu laufen. Ihr kleiner roter Rucksack wippt auf und ab. Er breitet die Arme aus, fängt sie auf und hebt sie hoch – endlich hat er sie wieder im Arm! Endlich sehen sie sich wieder. Vor ihnen liegt ein freies Papa-Tochter-Wochenende. Die Freude darüber lässt ihn die Zeit der Trennung vergessen. Jetzt zählt allein, dass er mit seiner Kleinen zusammen ist. Hand in Hand gehen sie vom Bahnsteig. Beide lachen und glucksen vor Freude.

Christus spricht: Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

Sie ist traurig. Unendlich traurig. Immer noch. Obwohl er schon drei Jahre tot ist. Jeden Tag spürt sie die Lücke, die er hinterlassen hat. Jeden Tag spürt sie aber auch, dass er da ist. Immer noch. Und doch anders. Morgens beim Frühstück trinkt sie ihren Tee aus den Tassen, die sie zur Silberhochzeit bekommen haben. Beim Lieblingsitaliener bleibt ihr Blick am Tisch links neben der Tür hängen – dort haben sie immer gemeinsam gesessen.

Wenn sie wieder einen Strafzettel wegen Falschparken bekommt, hört sie seinen blöden Kommentar dazu.

Jeden Samstag bringt sie frische Blumen an sein Grab. Und dann muss er sich so allerhand anhören. In Gedanken erzählt sie von ihren Sorgen, vom neusten Dorftratsch und ihren neusten Ideen für Haus und Garten. Dann fühlt es sich an, als ob er neben ihr steht. Mitlacht. Mitweint. Mitspricht. „Die neue Kissenfarbe passt aber gar nicht.“ „Der Ginster ist dieses Jahr sehr schön gewachsen.“ Da ist es gleichzeitig: die Nähe und die Traurigkeit.

„Wir werden uns wiedersehen“, hat er zu ihr gesagt in seinen letzten Wochen. Dann wird die Traurigkeit ein Ende haben. Dann werden sie sich wieder ganz nah sein, voller Liebe und Freude. Sie hofft es so sehr.

Aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

Gebet: Noch ist die Zeit von Abschied und Wiedersehen. Die Traurigkeit und die Freude darüber bringe ich vor dich, Gott. Und ich blicke voraus auf die Zeit, wenn es keine Abschiede mehr geben wird und mein Herz sich freut. Schicke jetzt schon einen Freudenfunken voraus in meine Welt der Abschiede. Amen.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen