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Alle mal herhören! Hirten und Hirtinnen sind dafür verantwortlich, ihre Schafe zu behüten und auf den richtigen Weg zu bringen. Dafür müssen sie sich auskennen: mit der Weide und dem Futter, mit dem Wetter, der Gegend und ihren Gefahren. Ein Hirte, der sich darum nicht kümmert, kann seine ganze Herde ins Verderben führen. Darum warnt Gott im Predigttext vor falschen Hirten und verspricht: Er selbst will für alles sorgen. Foto: Bergringfoto
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Katrin Göckenjan (54) ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen.

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Die Gerechtigkeit hüten

Andacht

Von Katrin Göckenjan | 30. April 2017

Über den Predigttext zum Sonntag Misericordias Domini: Hesekiel 34, 1-2.10-16.31

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Alle mal herhören! Hirten und Hirtinnen sind dafür verantwortlich, ihre Schafe zu behüten und auf den richtigen Weg zu bringen. Dafür müssen sie sich auskennen: mit der Weide und dem Futter, mit dem Wetter, der Gegend und ihren Gefahren. Ein Hirte, der sich darum nicht kümmert, kann seine ganze Herde ins Verderben führen. Darum warnt Gott im Predigttext vor falschen Hirten und verspricht: Er selbst will für alles sorgen. Foto: Bergringfoto
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Katrin Göckenjan (54) ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen.

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Predigttext
1 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (...) 11 Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. (...) 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (...) 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Auf einer Wanderung überholt uns ein Kastenwagen. Die Fenster sind runtergekurbelt. Ab und zu ruft der Fahrer mit lauter Stimme ein paar Worte. Es dauert nicht lange, da kommen in einer Staubwolke Schafe angelaufen. Zuerst ein paar. Dann immer mehr, bis eine ganze Herde hinter dem Wagen herrennt. Etwas später treffen wir Fahrer und Schafe an der Tränke. Ich frage: Verstehen Ihre Schafe, was Sie sagen?
Nein, lacht der Hirte. Aber sie kennen meine Stimme.
Ich denke: Die Schafe müssen ihrem Hirten sehr vertrauen, wenn sie ihm auf den Klang seiner Stimme hin folgen.
Hirte zu sein bedeutet, an einer Urerfahrung teilzuhaben. Aus der Verantwortung für die, die mir anvertraut sind, erwächst ein unerschütterlicher Sinn für das Leben und für das, worauf es wirklich ankommt: der Schöpfung und den Geschöpfen gerecht zu werden.
„Augen auf bei der Berufswahl!“, will ich da am liebsten den Hirten zurufen, die der Prophet Ezechiel in Gottes Namen so scharf kritisiert. Die ziehen ihr Glück daraus, es den anderen zu nehmen. Sie interessieren sich nicht dafür, wie es denen geht, die ihnen anvertraut sind. Stattdessen verprassen sie deren Lebensgrundlagen und reagieren mit übermäßiger Härte, wenn etwas gegen ihr unmittelbares Interesse geht.
Jeder auf sich gestellt, jede sich selbst die Nächste. Seines Glückes alleiniger Schmied, ihrem Unglück ausgeliefert. Von Herde kann da keine Rede mehr sein.
„Diese Hirten setze ich ab“, sagt Gott da. Soweit kommt das noch, dass die meinen guten Namen in den Dreck ziehen. Ein ganz neuer Anfang muss her. Ab jetzt will ich meine Herde weiden, wie es recht ist.
Wie es recht ist.
Gott stellt sich als Hirte vor, der die Gerechtigkeit hütet.
Und so weist Gott auch die Hirten an: Werdet denen gerecht, die euch anvertraut sind. Eine gute Hirtin ist erfinderisch. Sie gestaltet die Lebensumstände für jeden und jede so, dass sie ein gutes Leben führen können. Jedes Mitglied der Herde braucht ein eigenes Maß an Unterstützung oder Herausforderung. Wer nicht mehr weiter weiß, bekommt eine Perspektive aufgezeigt. Wer abgehängt war, wird hereingeholt. Wer im Gestrüpp festhing, wird befreit.
Wer vor Energie und Kraft strotzt, bekommt eine herausfordernde Aufgabe. Wer schutzlos, im dunklen Tal unterwegs ist, wird gestärkt. Wer hungrig ist und verfolgt wird, findet sich an einem gedeckten Tisch wieder.
Leben wird neu möglich, wo der Hirte jede sieht und die Hirtin jedem Ansehen verleiht. Gemeinschaft wird neu möglich, wenn jede das bekommt, was sie braucht und jeder das macht, was er gut kann. So reicht es für alle.
Für gute Hirten und Hirtinnen gibt es also jede Menge zu tun. Erst recht heutzutage. In unserer Kirche brauchen wir eine neue Verständigung über die konkrete Verantwortung, die wir den Hirtinnen und Hirten heute und in Zukunft anvertrauen. In unserem Land stehen in diesem Jahr wichtige Wahlen an. Wer ist nachweislich bereit, Verantwortung für die ganze „Herde“ zu übernehmen? Das ist eine wichtige Prüffrage an Kandidat*innen und Wahlprogramme.
Gott ist mein Hirte! So beten seit biblischen Zeiten Menschen dankbar und erleichtert. Ich muss keine Angst mehr haben, dass ich von Feinden verfolgt werde. Gott steht ein für mein Leben und für mein Recht.
Diesem Hirten können wir unser Leben getrost anvertrauen. In seinem Sohn Jesus Christus übernimmt er Verantwortung sogar durch den Tod hindurch. Für uns. Für das Leben. Für die Gerechtigkeit. So auch wir, in seiner Nachfolge.

Gebet: Gott, Hirte alles Lebendigen, wir danken dir. Du siehst auf alle Menschen, nährst und schützt ihr Leben. Dir vertrauen wir uns an. Gott, Hüterin der Gerechtigkeit, wir bitten dich: Hilf uns, in deinem Namen Verantwortung zu übernehmen und deinem Sohn Jesus Christus nachzufolgen. Amen.

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