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Ungewohnte Töne vom Turm der Altstädter Nicolaikirche in Bielefeld: Noch bis zum 7. Mai wird gelacht – viermal stündlich. Foto: Zefram

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Dem Leben lachend begegnen

Humor

Aus der Printausgabe - UK 18 / 2017

Von Annemarie Heibrock | 26. April 2017

Noch bis Weltlachtag am 7. Mai erklingt in der Bielefelder Altstadt anstatt der viertelstündigen „Zeitansage“ ein Lachen vom Kirchturm. Es soll anstecken – und an eine gute Gabe Gottes erinnern

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Ungewohnte Töne vom Turm der Altstädter Nicolaikirche in Bielefeld: Noch bis zum 7. Mai wird gelacht – viermal stündlich. Foto: Zefram

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Für ihren Humor sind die Ostwestfalen nicht gerade berühmt. Das könnte sich jedoch in diesen Tagen ändern, denn neuerdings wird in dem ostwestfälischen Oberzentrum Bielefeld gewissermaßen von höchster Stelle gelacht: vom Kirchturm der Altstädter Nicolaikirche. Täglich bis zum 7. Mai, dem Weltlachtag, jeweils von 10 bis 18 Uhr erklingt anstelle des Glockenklangs zu jeder Viertelstunde mehrstimmiges Gelächter vom Turm: zuerst 15, dann 30, dann 45 und zur vollen Stunde schließlich 60 Sekunden.

Eröffnungsgottesdienst: Lachyoga für alle

Eröffnet wurde die Aktion, die Vorbilder unter anderem in Berlin und Frankfurt hat, am vergangenen Sonntag mit einem Osterlach-Gottesdienst. Der machte seinem Namen alle Ehre, denn kaum sonst irgendwann dürfte der ehrwürdige Kirchraum mit so viel Fröhlichkeit erfüllt gewesen sein wie an diesem Tag. Schon da zeigten die Ostwestfalen ihren Gästen, Mitglieder von Lachyoga-Gruppen aus verschiedenen deutschen Städten, dass sie längst nicht so dröge sind wie ihr Ruf.
Wenn Silvia Rößler, Lachyoga-Lehrerin aus Bielefeld und Initiatorin der Aktion, zum Mitlachen einludt, blieb kaum eine Miene ernst. Auch einige kleine technische Probleme nahmen die Gottesdienstbesucher mit Humor: etwa bei der Übertragung der Grußworte von Schirmherr Eckart von Hirschhausen und dem Begründer der Lachyoga-Bewegung, dem indischen Arzt Madan Kataria.
Bei so viel Yoga – wo bleibt da der christliche Glaube? Für  Armin Piepenbrink-Rademacher, Pfarrer in Bielefeld-Altstadt und zuständig für die Stadtkirchenarbeit, ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: „Ziehen wir nicht viel zu oft die Stirn kraus anstatt uns über die frohe Botschaft des Evangeliums zu freuen?“, fragt Piepenbrink-Rademacher. Der christliche Glaube sei doch eine freudige Angelegenheit und nicht nur Kopf-,
sondern auch Herzenssache. Das könne der „lachende Kirchturm“ zeigen. Und er könne daran erinnern, dass das Lachen eine Gabe Gottes sei. „Auch wenns mal dicke kommt“, so der Pfarrer, sei es doch wunderbar, wenn man sich Zuversicht, Leichtigkeit und ein Lächeln bewahren könne. Im Lachen zeige sich das „Dennoch“ des christlichen Glaubens.

Lachen: das Halleluja der Osternacht

Seine Botschaft kam bei den Gottesdienstbesuchern an: Michaela Büth aus Münster ist so begeistert, dass sie die Idee des lachenden Kirchturms gern zum Katholikentag 2018 in ihre Stadt mitnehmen möchte. Sie spüre, so sagt sie, beim Lachen das Halleluja der Osternacht. Norbert und Margarete Ingber aus Bielefeld-Brake, die Kirche sonst meist „ernst und geschäftsmäßig“ erleben, freuen sich über die Aktion und hatten ihren Spaß an dem ganz anderen Gottesdienst. Ähnlich erging es Nele Lunkenheimer aus Bielefeld-Bethel: Es gebe ja genügend Gründe, die Mundwinkel hängen zu lassen. Wenn man es aber schaffe, den Realitäten des Lebens lachend zu begegnen, ohne sie zu veralbern, nähme man ihnen die Härte und könne neue Kraft schöpfen.
Irgendetwas oder irgendwen veralbern – das will auch Piepenbrink-Rademacher nicht. Ebensowenig wie ein aufgesetztes Lachen auf Knopfdruck. Was er sich und den Menschen wünscht, ist eine andere innere Grundhaltung. „Lassen Sie sich ruhig mal hinreißen zu einem Lächeln“, ruft er den Gottesdienstbesuchern zu.
Das wünschen sich auch die beiden Urheberinnen der Aktion, die Frankfurter Künstlerinnen Carolyn Krüger und Brigitte Kottwitz.  Wie der Pfarrer sind sie gespannt, ob der lachende Kirchturm nicht nur den Gottesdienstbesuchern, sondern auch anderen Bielefeldern ein Lächeln ins Gesicht zaubert – wenigstens für zwei Wochen.

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Leser-Kommentare öffnen

cabri, 30. April 2017, 22:35 Uhr


Vielen Dank für Ihren ausführlichen Artikel zu unserem Projekt "Lachen Erlaubt!". Die Zeit steht still auf der Kirchturmuhr und das Lachen hat Raum. Die Aktion wird inzwischen auch kontrovers diskutiert und aufgrund der großen Resonanz in Presse, Funk und Fernsehen gibt es nun viele BielefelderInnen, die zunächst stutzen, wenn sie an der Kirche vorbeigehen und plötzlich von oben das Lachen erschallt. Aber es gibt immer jemand in der Nähe, der darüber gelesen hat und es kommt sofort eine passende Bemerkung. Welche auch immer - es zaubert ein Lächeln in die Gesichter und für einen Moment steht die Zeit tatsächlich still.
Wir danken dem Pfarrer der Altstädter Nicolaikirche Armin Piepenbrink-Rademacher und der Organisatorin Silvia Rößler für ihren riesigen Einsatz. Schön wären weitere lachende Kirchtürme.
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apiradem, 1. Mai 2017, 8:57 Uhr


Dass es Pro und Contra zu dieser öffentlichen Aktion mitten in der Stadt geben würde, war absehbar und ist sogar erwünscht! Nicht mehr als ein ernst-gemeinter, zugleich erheiternder Anstoß zur Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Lebensmöglichkeiten und mit der Grundeinstellung zu allem, womit wir uns auseinanderzusetzen haben, soll hiermit gegeben werden.
Die verschiedenen Vorträge, gestern einer eines Religionswissenschaftlers, wollen diese Aktion inhaltlich vertiefen.
Es ist eine ganz enorme Erfahrung, die wir in diesen Tagen machen können. Viele, viele erspürten neu, dass das Evangelium eine froh-machende Botschaft ist und gelebt werden will in dieser sog. "österlichen Freudenzeit", also in den Wochen nach dem Osterfest!
"Alles hat seine Zeit"....auch das gemeinsame Lachen fördert Gemeinde-Wachstum... und das Gefühl des Miteinanders im "Raum der Kirche".....
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Atlantica, 1. Mai 2017, 8:58 Uhr


Hallo Cabri, hat der Lachende Kirchturm auch eine Glaubens-Aussage? Ist er Werbung fuer eine zuversichtliche und dem Naechsten zugewandte Lebenseinstellung? Soll damit etwas Religioeses ausgedrueckt werden?

Gruss
Atlantica
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apiradem, 1. Mai 2017, 9:09 Uhr


Die Klang-Installation ist im Zusammenhang mit dem gesamten Programm zu sehen, mit dem Eröffnungsgottesdienst, der an die Tradition des Osterlachens anknüpft, der Friedensmeditation am sog. "Weltlach-Tag" usw. Auch in den Werktagskurzgottesdiensten nehmen wir uns Zeit über die froh-machende Botschaft des Evangeliums nachzudenken und uns zu fragen, ob man uns Glaubens- und Lebensfreude anmerken oder auch im Gesicht ablesen kann.....- Herzliche, auch lächelnde Grüße vom Altstadt-Pfarrer Armin Piepenbrink-Rademacher
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Erika Moers, 1. Mai 2017, 10:56 Uhr


Was für eine Idee! Ich kann mir das Lachen nur von Weitem vorstellen, stimme aber mit Paul Gerhardt ein:

Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn;
sie zürnt und kann nicht machen,
all\' Arbeit ist verlor\'n.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht.
Das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.

Dass wir "trotz allem" das Lachen nicht verlernen . . .
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Alwite, 1. Mai 2017, 11:26 Uhr


Die Beute meines Glücks war arm,
Und dennoch war ich reich genug;
So reich als einer, der im Arm
Des Schicksals schönste Schätze trug.

Denn was mein Glück so groß gemacht
Und ihm so goldnen Schimmer lieh
Und es umwob mit Märchenpracht,
War - meine Kinderphantasie.

Vielleicht war alles, was ich fand
Und selig heimwärts trug im Schoß,
Nur leeres Spielzeug, Flittertand,
Und bunte kalte Kiesel bloß.

Doch all das nahm ich wie ein Kind
Für Perlen und Dukatenstück,
Nicht was des Lebens Dinge sind,
Was sie uns gelten, ist das Glück!
A. De Nora . 1864 - 1936

" Nicht was des Lebens Dinge sind,
was sie uns gelten, ist das Glück"

Wenn wir auf unsere Kinder schauen und uns dabei an unser befreiendes Lachen eigenen Kindseins erinnern, kann ich nur mit Respekt und Dank auf diese Aktion reagieren.

https://www.youtube.com/watch?v=kSDoQ5mK6uk
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Atlantica, 1. Mai 2017, 13:35 Uhr


Sehr aufschlussreich der dialektische Gedanke bei dem katholischen Theologen Jürgen Kuhlmann im Blick auf das Lachen:

Widersprüche sind zusammenzudenken
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -


Daß die Sprache des Glaubens mit Widersprüchen arbeitet, ist nicht zu verwundern. Denn sie will der Wirklichkeit gerecht werden, und die steckt voller Widersprüche. Sobald der Glaube aber über sich nachdenkt und dabei auf die Widersprüche stößt, versucht das Denken, sie aufzulösen, indem es beide Seiten zugleich in den Blick faßt und merkt: sie lassen sich vereinbaren, mehr: sie fordern einander. Ähnlich wie bei diesem Gespräch: Was für ein herrlicher Sommertag! - Was für eine scheußliche Winternacht! - Einer muß unrecht haben, meint ein Dritter. Unrecht hat aber nur er. Denn man telefoniert zwischen Neuseeland und Bayern. Wer das System Sonne-Erde als ganzes anschaut - mittels eines verkleinerten Modells; in natura ist es unmöglich - und sowohl die schräge Erdachse als auch die Lage beider Länder einander gegenüber auf der Erdkugel bedenkt, sieht sofort ein, warum beide widersprüchliche Aussagen in der Wirklichkeit doch zusammenstimmen.
Kann uns dasselbe bei der Glaubensfrage von Weinen und Lachen auch gelingen? Das Schubertlied mit dem Text von Friedrich Rückert kommt mir in den Sinn:

"Lachen und Weinen zu jeglicher Stunde
Ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde.
Morgens lacht ich vor Lust,
Und warum ich nun weine
Bei des Abendes Scheine,
Ist mir selb\' nicht bewußt.
Weinen und Lachen zu jeglicher Stunde
Ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde.
Abends weint ich vor Schmerz;
Und warum du erwachen
Kannst am Morgen mit Lachen,
Muß ich dich fragen, o Herz."
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